Martin Barre (2014)

Martin Barre (2014) © Musiktheater REX

Jethro Tull’s Martin Barre zelebriert beim umjubelten vorletzten Deutschlandauftritt seiner Europa-Tournee im Bensheimer Musiktheater Rex die Musik von Jethro Tull und entdeckt dabei seine alte Bluesvergangenheit neu.

Natürlich sind es vorwiegend in Würde gealterte Jethro Tull-Fans, die das Bensheimer Musiktheater Rex zahlreich bevölkern, um den Support Act Shelly Bonnet neugierig zu beäugen. Die Amerikanerin mit deutschen Wurzeln in Heidelberg schafft es bei ihrem halbstündigen Auftritt zusammen mit ihrem Gitarristen das Auditorium mit stimmgewaltigem Bluesrock auf ihre Seite zu ziehen.

Das Publikum feiert sie sogar regelrecht für ihr famoses Cover des Allman Brothers-Klassikers "Whipping Post" und vor allem für ihre Interpretation des Led Zeppelin Klassikers "Ramble On". Eine rundum gelungene Einstimmung für Martin Lancelot Barre.

Prolog: This was…?

Wenn man nach 43 Jahren in einer Band wie Jethro Tull im Jahr 2012 plötzlich nicht mehr zum Line-up von Mastermind Ian Anderson zählt oder zählen möchte, fällt ein Befreiungsschlag mit eigener Band und eigenem Konzept sicher nicht leicht. Immerhin hatte es Martin Barre 32 Jahre länger an der Seite des großen Machers der progressiven Folk- und Bluesrockband aus Blackpool ausgehalten als der Rest des erfolgreichen und beliebten Siebzigerjahre Line-ups. Zu lange tourten Jethro Tull mit Greatest Hits-Programmen durch die Welt, nur wenig Kreatives und Neues erblickte in den 20 Jahren vor 2012 unter dem einst so erfolgreichen Banner das Licht der Welt.

Der Entschluss Andersons im Jahr 2012 "Thick As A Brick II" und aktuell "Homo Erraticus" komplett ohne Barre einzuspielen und ihn durch den jüngeren Lookalike Florian Ophale aus Deutschland in Stil und Spiel zu ersetzen, um erstmals seit Jahrzehnten wieder positive Plattenkritiken zu erhalten, muss Anreiz genug für Martin Barre gewesen sein, selbst aktiver als Solokünstler aufzutreten.

Still got the blues

Ganz ohne den Zusatz "Jethro Tull’s" wollen sowohl Anderson als auch Barre solo nicht auskommen. Zu wertvoll und bekannt ist die Marke, zu groß die Geschichte der Band. Auch Martin Barres aktueller Tonträger "Order To Play“ beinhaltet neben Bluesstandards vorwiegend Jethro Tull-Neuinterpretationen, die live im Studio eingespielt wurden.

Der Befreiungsschlag gelingt Barre an diesem Abend allerdings fast auf ganzer Linie. Mit Bobby Parkers Bluesrockkracher "Watch Your Step" legt seine neue Band, bestehend aus Bassschwergewicht Alan Thompson, Jung-Schlagzeuger George Lindsay sowie dem jungen Sänger, Gitarrist und Songwriter Dan Crisp hungrig los und weckt Assoziationen an die urwüchsige Kraft der frühen Dr. Feelgood, als diese in den Spätsiebzigern durch die kleinen Londoner Clubs zogen. Passend dazu trägt ein Publikumsveteran ein Marquee T-Shirt aus den Siebzigern.

Zwillingsgitarren

Der Blues ist Martin Barres Leidenschaft und er habe 1969 bei den Auditions zu seiner Aufnahme bei Jethro Tull unzählige Standards lernen müssen, die er heute gerne wieder spielt. "Smokestack Lightning", "Rock Me Baby“ oder auch "Crossroads" werden von seiner Band hingebungsvoll zelebriert und zeigen Martin Barre in Bestform. Richard Beesley, der bei anderen Konzerten in den letzten drei Jahren die Band am Saxofon und Klarinette verstärkte, wäre an dieser Stelle sicherlich eine Bereicherung gewesen. So stehen die beiden Gitarren von Barre und Crisp im Mittelpunkt, die sich gegenseitig duellieren oder als "Twin-Guitars" im Stile von Wishbone Ash die Songs dominieren.

Martin Barre streut einige folkige Instrumentals aus seinen Soloplatten ein und Dan Crisp spielt ebenfalls ein paar mainstreamig-poppige Eigenkompositionen, die vom Publikum artig mit Beifall bedacht werden. Zu einem überraschenden Highlight avanciert allerdings das Porcupine Tree-Cover "Blackest Eyes". Martin Barre & Band interpretierten den Song der Band des Anderson-Vertrauten Steven Wilson als wuchtigen Indie-Hit mit leichten Industrialanklängen.

Im zweiten Teil: Martin Barre als Entertainer, Dan Crisp als Ian Anderson und ganz viele Jethro Tull-Klassiker

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Die Tull-Klassiker in neuem Gewand

Die meisten wollen aber hören wie Martin Barre ohne Ian Anderson die Jethro Tull-Klassiker auf die Bühnenbretter des kleinen und intimen Rex-Theaters bringt. Gleich "Minstrel In The Gallery" übertrifft an schierer Wucht die 1975er Studioaufnahme und Crisp zeigt, dass er dem jungen Anderson stimmlich sehr nahe kommt. Eine Tatsache, die Ian Anderson, der sich seit Jahrzehnten mit kaputten Stimmbändern über die Bühnen quält, nicht besonders schmecken dürfte.

Viele der Anwesenden im nahezu ausverkauften Rex-Theater sind begeistert, die Klassiker endlich wieder kraftvoll gesungen zu erleben und ganz nah dran zu sein an Martin Barre, der die Nähe im Club sichtlich genießt. Er weiß, dass die Fans wegen Tull-Songs da sind und spielt mit den Klischees. Nach einem Bluesstandard bemerkt er besänftigend: "Don’t panic, you are in safe hands".

Crisp schafft es tatsächlich nahezu jedem Tull-Song die nötige Authentizität zu verleihen. Egal ob der vielumjubelte, gitarrenlastige Auszug aus "Thick As A Brick", "Teacher", "To Cry You A Song", "Fat Man", "Sweet Dream" und besonders das zarte "Wondring ‘Aloud" – das Publikum feiert die teilweise umarrangierten Klassiker frenetisch. Die Flötenparts von Anderson werden einfach durch mehr Gitarren ersetzt. Angriff als beste Verteidigung! Aber nicht jede Umgestaltung trifft ins Schwarze. "My God", 1971 von Anderson als epische Religionskritik mit vielen musikalischen Schichten drohend und fordernd angelegt, wirkt im engen Bluesrockgewand etwas bemüht.

Martin Barre, der Entertainer

Losgelöst von seiner Rolle als Anderson-Sidekick erweist sich Martin Barre als eloquenter und ironischer Bühnenplauderer, der vor einer Brachialversion von "Eleanor Rigby" Paul McCartney für sein tolles Aussehen im Alter lobt ("I decided to wear a skin-coloured wig") und sich bei "Song For Jeffrey" vor dem ersten  Jethro Tull Gitarristen Mick Abrahams verbeugt ("I like Mick Abrahams").

Beim letzten Song vor der Zugabe orakelt der Publikumsliebling mit hochgezogenen Augenbrauen und breitem Grinsen zweideutig: "It’s not over, it’s not over….". In der Tat, sind Jethro Tull selbst zwar als Band im Moment offenbar Geschichte, gemeinsame Auftritte mit Ian Anderson, sind laut diesem selbst jedoch für die Zukunft nicht ausgeschlossen.

Epilog: The train it won’t stop going

Als Zugabe spielen Martin Barre und Dan Crisp eine sehr schön reduzierte Version des bluesigen "Still Loving You Tonight“ vom 1991er Jethro Tull Album "Catfish Rising", bevor sie sich mit dem auch an diesem Abend unvermeidlichen "Locomotive Breath" standesgemäß verabschieden.

Dabei kann man einen Martin Barre erleben, der nach über zwei Stunden hüpfend und springend dem Finale Furioso entgegensteuert, als hätte er den Song nicht schon tausend Mal und mehr gespielt. Dass man ausgerechnet hier erstmals Andersons wohl bekanntesten Flöteneinsatz vermisst, schließt den Kreis, denn beide wissen wohl trotz aller Unterschiede, dass viele Jethro Tull-Songs durch ihr gemeinsames Auftreten über Jahrzehnte ihre Größe behielten.

Cheerio bis zur Jethro Tull Tour 2016! 

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