Der eindimensionale Mensch wird 50

Der eindimensionale Mensch wird 50 © JJ Kucek

Das Enjoy Jazz Festival hat uns schon mit einigen interessanten und musikalischen Ereignissen den Herbst versüßt; am Wochenende ging es dann nicht minder spannend weiter. Mit der Bühnenshow "Der eindimensionale Mensch wird 50" feierten Robert Stadlober und Co. im Karlstorbahnhof den großen Vordenker der Linken, Herbert Marcuse.

Ganz genau 50 Jahre ist es her, dass Herbert Marcuses systemkritische Schrift "Der eindimensionale Mensch" in den USA erschien und ihn – spätestens vier Jahre später nach der Übersetzung ins Deutsche – zur wohl wichtigsten Inspirationsquelle der 68er-Bewegung machte.

Seine Kritik am Kapitalismus und die Analyse der Manipulation des Individuums verliehen ihm Popularität bei allen Randgruppen, Außenseitern, Unterprivilegierten und Intellektuellen. Sein Werk avancierte zum Bestseller der antiautoritären Revolte; die "große Verweigerung" ist im Zeitalter von Massenkonsum und Social Media aktueller als je zuvor.

Falsche Erwartungen

Wer aufgrund des Titels "Der eindimensionale Mensch wird 50" eine Neuinszenierung, vielleicht auch Neuinterpretierung von Marcuses Werk erwartet hat, täuschte sich. Markuses Werk ist nicht gerade leichte Kost für einen Sonntagabend.

Daher haben Titel und das etwas gewöhnungsbedürftige Plakat vielleicht einige Besucher abgeschreckt. Immerhin Robert Stadlober, bekannt aus "Crazy", "Sonnenallee" oder als Frontmann der Band Gary lockte einige Besucher an.

Sphärisch-düstere Collage

Die nicht gerade zahlreich erschienenen Besucher erwartete dann doch etwas ganz anderes. Nach einer kurzen Einleitung von Autor Thomas Ebermann zum Leben und Wirken Herbert Marcuses traten die Protagonisten Robert Stadlober und Andreas Spechtl auf die Bühne. Den vierten Part der Performance-Gruppe sollte eigentlich Kristof Schreuf annehmen, der aufgrund von Stimmbandproblemen nicht auftreten konnte.

Eine andersartige, spannende und vor allem interessante Performance lieferten die beiden anderen Darsteller aber auch ohne Schreuf ab. Sie spielten Songs, die Zitate und Bruchstücke aus Marcuses Werk aufgriffen oder standen vorne auf der Bühne und stellten Interviews und anderes mit Stadlober als Marcuse dar. Dazu gab es Videoeinspieler auf der Leinwand im Hintergrund zu bestaunen.

Insgesamt lieferten sie eine bunte Collage rund um Marcuses Werk, die nicht versuchte, dieses neu zu verwerten, sondern es anlässlich des 50. Geburtstags in sphärisch düsterer Atmosphäre aufleben ließ.

Überzeugende Darbietung

Aufgrund ihrer eindringlichen Performances gelang das den beiden Protagonisten. Stadlober an der Gitarre und Spechtl am Synthesizer überzeugten sowohl bei den lauten, wie auch den leiseren Tönen, zogen das Publikum mit ihren Darstellungen in ihren Bann, und lieferten zum Schluss mit Spechtl am Schlagzeug ein fulminantes Finale.

Mit Zitaten, Anspielungen und Wortfetzen rund um Marcuses Werk, mal gesungen, mal geschrien, mal geflüstert präsentierten Stadlober und Spechtl das philosophische Gedankengut des Autors. Mitunter geriet die Aufführung etwas langatmig und komplex, aber meistens behielt sie ihren erfrischend anderen Charakter.

Insgesamt erlebten die Besucher eine gelungene Geburtstagsfeier: 30% Theater, 30% Konzert, 40% Philosophie. Keine leichte Kost, aber eine Darbietung, die noch einige Zeit nach Ende der Vorstellung nachhallt. Einen Eindruck vermittelt der folgende Trailer.

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