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Pure (Pressefoto, 2014) © Nationaltheater Mannheim

Mit der Uraufführung "Pure" feierte Dominique Dumais am Nationaltheater Mannheim einen Publikumserfolg. Die stellvertretende Direktorin des Kevin O'Day-Balletts widmet sich in ihrer aktuellen Choreografie mit Hilfe der Improvisation der Erforschung der menschlichen Bewegung.

Da stehen sie, im Halbkreis aufgereiht: Links der Gitarrist Martin Lejeune, rechts der Percussionist Peter Hinz, dazwischen das zwölfköpfige Ensemble des Kevin O'Day-Balletts, das einen Flamenco-Rhythmus klatscht, mal treibend-druckvoll, mal sanft begleitend.

Einer nach dem anderen tanzt seine individuelle Version dieses spanischen Tanzes. Neckisch wedelt Luis Eduardo Sayago sein T-Shirt wie einen Flamencorock; Davidson Jaconello stampft wie ein despotischer Torero mit den Füßen. Die elegant schwebende Julie Pecard wird von der dynamischen und raumgreifenden Zoulfia Choniiazowa abgelöst. Jura Wanga, Neuzugang im Esnemble, baut gar Streetdance-Elemente ein. Hitomi Kuhara wirkt zerbrechlich in ihren Bewegungen, während Tyrel Larsons Stärke und Selbstbewusstsein mit seiner Tanzeinlage ausstrahlt. Kaum zu glauben, dass allen Tänzerinnen und Tänzern die gleiche Bewegungsfolge als Grundlage diente. 

Tanz und Musik gehen Hand in Hand

Diese Flamenco-Szene ist der Höhepunkt des Ballettabends "Pure" von Dominique Dumais, der am 11. Oktober 2014 im Nationaltheater Mannheim Uraufführung feierte. Die Choreografin lotet darin die Beziehung zwischen Tanz und Musik aus. Tanz pur bildete, wie der Titel des Stückes sagt, den Ausgangspunkt für diese Bewegungsstudie. Wie schon Dumais' "R.A.W" aus dem Jahr 2012 lebt auch "Pure" von der Improvisation der Musiker und Tänzer, ihrer Interaktion und ihrem Zusammenspiel.

Dabei stellt Dumais die menschlichen Beziehungen als Thema in den Fokus. Verbindendes Element ist der Rhythmus, der für Tanz wie Musik essentiell ist und im Menschen schon durch den Herzschlag angelegt. Den gibt gleich zu Anfang Peter Hinz mit seinem Tamborin vor, zu dessen Takt Brian McNeil tänzerisch explodiert. Die beiden katapultieren sich im beiderseitigen Wechselspiel in eine Art Veitstanz.

Passenderweise hat Bühnenbildner Christian Thurm die Musiker direkt auf die Bühne gebracht und ihnen zu diesem Zwecke elegante Instrumentenständer gebaut. Sein Bühnenbild beschränkt sich bescheiden auf vier schwarze, senkrechte Flächen, die wie angedeutete Säulen den Bühnen-Hintergrund strukturieren. 

Der Klang der weiten Welt

Die Spielfreude der Musiker wirkt ansteckend. Wenn Martin Lejeune seine zehnsaitige Pedal Steel Guitar anwirft, träumt man von Hawaii und fühlt sich musikalisch an Lambchop und Tortoise erinnert. Peter Hinz hat Trommeln aus aller Welt um sich herum versammelt – aus Brasilien, Indien, Marokko und Peru kommen sie.

Jede hat ihren eigenen Klangcharakter und gibt den einzelnen Szenen eine ganz eigene Stimmung. Aber auch tibetanischen Klangschalen, eine Maultrommel, eine Schale voller Wasser sowie ein Plastikschlauch, mit de man Zwölftonleitern erzeugen kann, kommen an diesem Abend noch zum Einsatz.

Mut zum Experiment

Dominique Dumais' Mut, sich auf dieses Experiment einzulassen, wird belohnt. Es ist eine große Sinnesfreude, dem Ensemble und den Musikern bei ihrem Imrpovisationsprozess zuzuschauen. Der Raum für Improvisationen bleibt weiterhin bestehen: Keine Aufführung wird wie die andere werden. Das Stück lebt. 

Einziger Wermutstropfen der Uraufführung sind die getanzten Geschlechterklischees: Zur Tanzeinlage der Männer erklingt energetische Rock-Musik, zu der sie vor Kraft strotzend tanzen, während die Frauen sich im Anschluss verträumt als "Drei Grazien" zu zarten Glockenspielklängen winden. Um die von zwei Männern in Bedrängnis versetzte Julia Headley zu befreien, braucht es einen weiteren Mann. Hier malt das Stück ein etwas antiquiert wirkendes Rollenverständnis, das in anachronistisch wirkt in diesem sonst so modernen Stück.

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