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Woodkid (live beim Berlin Festival 2014) © Julian Reinecke

Nach fünf Ausgaben in Tempelhof ist das Berlin Festival in diesem Jahr zum Arena-Gelände nach Treptow umgezogen. Doch wo alte Kritikpunkte zurückgelassen wurden, taten sich neue Schwachstellen auf. Entsprechend durchwachsen fällt das Fazit aus.

"Absolut beschissene Location" lautet das vernichtende Urteil eines Twitter-Users. Daneben ein braunes Emoticon in Häufchenform. Das Berlin Festival hat das Hashtag des Zwitscher-Oligarchen in seine Webseite eingebaut und offenbart eine lange Liste aus Videos, Fotos, Lob und leider auch Tadel.

Von einem "unterirdischen Essensangebot" ist die Rede, langer "Warterei vor den Hallen" und davon, dass hier auf dem Arena-Gelände irgendwie nicht dasselbe Feeling wie in Tempelhof aufkommt. Aber stimmt das alles? Ein Jein, allerdings mit entsprechender Emphase, kommt der Realität wohl am nächsten.

Damals und heute

Denn auch auf dem alten Flughafengelände in Tempelhof, wo das Festival bis vor einem Jahr noch stattfand, war nicht alles eitel Sonnenschein. Haupt- und Nebenbühne unter freiem Himmel sorgten zwar für das klassische Spätsommerfeeling, verursachten aufgrund der fehlenden räumlichen Distanz jedoch einen omnipräsenten Soundbrei, vor dem es kein Entkommen gab. Mangelnde Rückzugsmöglichkeiten sowie viel Beton und keine Grünflächen taten ihr übriges.

Entschädigend wirkten dagegen die großen Namen im Line-up. Letztes Jahr hießen diese noch Blur, Björk und die Pet Shop Boys. Dieses Jahr sind lediglich die Editors das herausstechende Ass im Headliner-Ärmel der Organisatoren. Dahinter folgen mit etwas Abstand Woodkid, Bombay Bicycle Club und die Crystal Fighters.

Vielfalt: Fehlanzeige

Da von all diesen Acts am Freitagabend noch nichts zu sehen ist, startet das Berlin Festival zunächst im entspannten Sparflammenmodus. Während das Sponsorenbier aus dem Hause Warsteiner gemächlich in die ersten Plastikbecher fließt, schickt Austra ein paar wohlige Synthieklänge durch die gerademal halbvolle Haupthalle.

Viel voller wird es auch beim Auftritt ihrer Anschlusskollegen von Darkside nicht, aber immerhin lässt sich hier ein für die diesjährige Ausgabe des Festivals seltenes Phänomen beobachten: Ein Mann mit E-Gitarre, der verwegen vor einer Nebelmaschine steht und durch seinen geradezu santanaesken Einschlag viel Beachtung beim Publikum findet. Denn auch in Sachen musikalische Vielfalt wurde in diesem Jahr beim Line-up gespart. Live-DJ-Sets von DJ Koze, Ellen Allien oder Moderat labeln das Festival als eindeutig elektrolastige Veranstaltung.

Dampfschwein statt Döner

Was nun den Vorwurf mit dem unterirdischen Verköstigungsangebot angeht, so gilt diese Kritik wahrscheinlich auch dem überirdisch dreisten Preisniveau: 5 bis 6 Euro müssen hungrige Besucher für den üblichen 08/15-Junkfood wie Pizza, Falafel oder hauchdünnen Flammkuchen bezahlen.

Nach kurzer Inspektion der örtlichen Fressbuden erweist sich das "Dampfschwein", eine Art deutscher Döner mit Schweinefleisch, Sauerkraut und Röstzwiebeln, noch als die beste Wahl. Ebenfalls unschön: Auf dem Gelände verkaufte Pfandflaschen dürfen zwar die Grenze nach draußen passieren, allerdings nicht wieder mit hineingenommen werden. Bei diesem Festival stapelt sich der Reibach bereits in den Plastiktonnen am Einlass.

"Die Leude woll’n das was passiert"

Der am Samstagabend einsetzende Regen macht die Sache nicht besser. Zugegeben, dafür kann nun wirklich keiner was. Immerhin setzen die Editors in der Haupthalle und Mount Kimbie im nebenan gelegenen Glashaus ein paar euphorisierende Akzente und lassen ihren Zuhörern eine gut getimete Wahl zwischen Indie-Mainstream und Experimental-Elektro. Wer an beidem weniger interessiert ist, kann sich zumindest unter dem Händetrockner des Damenklos winden und dabei die Zeit bis zum Auftritt von Fünf Sterne deluxe überbrücken.

Alt sind sie geworden, Das Bo, Tobi Tobsen und DJ Coolmann, heute nur zu dritt und ohne Marcnesium auf der Bühne, denn der liegt leider im Krankenhaus. Doch trotz der anfänglich nur mäßigen Publikumsresonanz lassen sich die drei HipHop-Veteranen nicht aus dem Konzept bringen und sorgen am Ende mit nostalgiegeladenen Evergreens wie "Die Leude" und "Jaja, deine Mudder" selbst bei den widerwilligsten Zuhörern für zuckende Extremitäten.     

Das Beste kommt zum Schluss

Trotzdem, da ist noch Luft nach oben. Inzwischen wurde zwar verkündet, dass das Festival restlos ausverkauft sei, doch von all den jutebebeutelten, Jeansshorts und übergroßen Trägershirts tragenden Festivalgängern ist am Sonntag nur noch die Hälfte zu sehen. Das Meer aus tausenden Ray-Ban-Brillen jeglicher Couleur hat sich gelichtet. Die Übriggebliebenen rotten sich um 20 Uhr zum Auftritt von Woodkid zusammen und endlich, endlich (!) ist da der langersehnte große Festivalmoment.

Yoann Lemoine alias Woodkid, der mit einem halben Orchester angereist ist, setzt modisch gesehen lieber auf Vollbart und Proletencap, unter dem sich aberwitziger Weise ein brillantes Musik-Brain sondergleichen verbirgt. Ohren- und sinnesbetäubend herrschen Pauken und Trompeten als größenwahnsinnige Naturgewalten über die Arenahalle, die jeden Moment aus den Angeln zu heben droht, um wie ein riesiges, wenngleich potthässliches Raumschiff zu neuen Galaxien aufzubrechen.

Lass gut sein, Wilson

Wer sich danach aus seiner Schockstarre lösen kann und sich diesen epochalen Moment nicht durch das langweilige Utz-Utz-Geplänkel von Moderat im Anschluss vermiesen lassen will, sollte jetzt am besten gehen.

Und um Himmels willen nicht beim Verlassen des Geländes noch seinen Kopf in die Tür vom White Trash stecken, wo Wilson Gonzalez Ochsenknecht als Vorsteher seiner neuen Band A Black Rainbow dermaßen weinerlich und prätentiös ins Mikro winselt, als hätte er eine Katze verschluckt. Über Geschmack lässt sich, gerade bei einem Festival, bekanntlich nicht streiten. Über Talent allerdings schon.   

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