© Arcade Fire

Reflektor heißt das vierte Album von Arcade Fire. Aktuell sind die Kanadier mit einem halben Orchester auf Tour. Wir waren für Euch auf dem Konzert in Berlin. Was es neben tanzenden Skeletten, einem durchwachsenen Set und den Beatles auf Deutsch noch so zu erleben gab, findet Ihr in unserem Konzertbericht.

Das letzte Arcade Fire Konzert besuchte ich vor über sieben Jahren. Der Gig fand damals auf einem Festival statt, das es heute nicht mehr gibt, in einer Stadt, in der ich heute nicht mehr lebe und ich tat damals Dinge, die ich heute nicht mehr tue.

Ich kannte die Band nicht, die damals gerade "Neon Bible" veröffentlicht hatte. Meine Unbedarftheit trug daher zusammen mit den Dingen, die ich heute nicht mehr tue, entsprechend zu dem Endorphinschock bei, der einsetzte, als über 20.000 Festivalbesucher zum Refrain von "Wake Up" ihre Arme in die Luft rissen und durchaus erfolgreich versuchten, die PA in ihre Schranken zu weisen.

Große Veränderungen

"Wake Up" ist auch heute noch eine dankbare Zugabe und ein passendes Ende, um die Besucher einer Arcade Fire-Show in den Abend zu entlassen. Man könnte also annehmen, dass sich bei Arcade Fire zumindest hinsichtlich dieses Details wenig geändert hat.

Allerdings ist bei den Kanadiern seit dem Gig vor sieben Jahren mindestens ebenso viel passiert, wie bei mir persönlich. Und das dürfte eine gewaltige Untertreibung sein, selbst wenn ich mittlerweile Astronaut wäre. Entsprechend war "Wake Up" auch nicht die letzte von fünf Zugaben am Ende ihres Auftritts in der Berliner Wuhlheide.

Distanz zur Vergangenheit

Im Vergleich zu dem damaligen Set, das dank des auf den beiden ersten Alben reichlich vorhandenen Pathos wunderbar auf eine Festivalbühne passte, wirkten die Opener "Reflektor" und "Flashbulb Eyes", beides Tracks des neuen Albums, deplatziert im Open Air Theater an der Wuhlheide.

Die Outfits der Band dagegen fügten sich prächtig in die hauptstädterische Herangehensweise an das Thema Abendgarderobe (Stichwort: "total flippig, crazy, lass ma heute so richtig auffallen"). Als dann mit "Neighbourhood #3" eine der Hymnen des Debutalbums folgte und die anfängliche Steifheit bei Band und Publikum wie weggeblasen war, wurde die große Distanz zwischen damals und heute besonders deutlich.

Allerlei Kuriositäten

Mit "No Cars Go", "Rebellion" und "Neighbourhood #1" brachten zwar immer wieder Songs der ersten beiden Alben die für den damaligen raumgreifenden Sound so typischen Indie-Drive in das Set, aber insgesamt wirkte das Konzert musikalisch eher gesittet und performerisch wie The Flaming Lips auf Sparflamme.

Eine Gruppe Tänzer in Spandexanzügen mit Skelettoptik auf einem Podest in der Menschenmenge Animateure spielen lassen klingt spannender, als es dann wirklich ist und auch eine menschliche Discokugel gehört heutzutage nicht mehr zu den Anekdoten, die man später mal unbedingt seinen Enkeln erzählen muss.

Auch die Konfettikanonen lassen heutzutage weniger Freudentränen denn Sorgenfalten angesichts der vermeintlichen Umweltverschmutzung auf die Stirn treten. Was man wohl am ehesten noch mit nach Hause nimmt, war die kurze Coverversion des Songs "Komm, gib mir Deine Hand" (genau, die eingedeutschte Version von "I Want To Hold Your Hand" im Original gesungen von den Beatles).

Keine Ecken, keine Kanten

Performed wurde das ganze leider nicht von Arcade Fire, sondern per Playback von der mittlerweile mit Instrumenten und riesigen Plastikköpfen ausgestatteten Skelett-Animateusen-Truppe. So wurde praktischerweise die Pause zwischen Konzert und Zugabe überbrückt und den Gästen gleichzeitig das mühselige Nach-Mehr-Schreien erspart.

Insgesamt wirkte das Konzert weniger wie ein durch die Lieblinge der Feuilletons gestaltetes progressives Musikerlebnis, was die Kanadier seit "The Suburbs" zweifellos sind. Vielmehr kam dank der kleinen Showeinlagen, der zahlreichen Bretzel-, Eis- und Bierverkäufer und des gutbürgerlichen Publikums eher ein Gefühl nach Erlebnis für die ganze Familie auf. Ecken und Kanten suchte man vergebens.

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