YES (live in Mainz, 2014) Fotostrecke starten

YES (live in Mainz, 2014) © Rudi Brand

Die fast ausverkaufte Phönix-Halle zeigt, dass viele Yes-Fans sich die Gesamtaufführung dreier Yes-Alben "The Yes Album", "Close To The Edge" und "Going For The One" nicht entgehen lassen wollten. Wie aber würden sie auf den neuen Leadsänger Jon Davison reagieren?

Man weiß, dass man sich auf einem Prog-Rock-Konzert befindet, wenn die Schlange vor der Herrentoilette länger ist als die vor der Damentoilette. Prog-Rock war schon seit jeher Männersache und daran hat sich auch im Jahr 2014 nichts geändert.

Bandrevolution

In der Yes-Welt hat sich hingegen zwischenzeitlich eine veritable Revolution ereignet. Jon Anderson, Gründungsmitglied und Leadsänger, wurde von den übrigen Bandmitgliedern aus der Band geworfen – vornehmlich wohl wegen Differenzen um Tourpläne. Obwohl das Tischtuch nicht komplett zerrissen zu sein scheint, hat der deutlich jüngere Jon Davison seinen Platz eingenommen. 

Bassist Chris Squire ist somit das einzig verbliebene Gründungsmitglied, aber auch Gitarrist Steve Howe und Schlagzeuger Alan White können auf eine mehr als vierzigjährige Karriere in der Band zurückblicken.

Ein neuer Mann an der Spitze

Wie aber würden die Zuschauer den neuen Leadsänger aufnehmen, der mit Anderson nicht nur den Sänger, sondern auch die Person ersetzen muss, die Themen und Form von Yes wesentlich geprägt hat?

Die Antwort ist: freundlich, teilweise begeistert und ohne Unmutsäußerungen. Jon Davison erfüllt seine Rolle mit Leidenschaft und Hingabe, wenngleich er es mit der Emphase manchmal etwas übertreibt, indem er unablässig die Hände zum Himmel reckt. Andererseits passt das gut zum spirituellen Gehalt der Werke von Yes, der auch durch bunte Video-Animationen unterstrichen wird, aber zu sehr an Bildschirmschoner der 1990er erinnert, um wirklich Gefallen zu finden.

Emphase statt Nüchternheit

Allerdings ist Davisons Stimme glatter und gefälliger als Andersons. Obwohl seine Performance als Sänger überzeugt, wird das manchmal zum Problem, wenn die leicht zum Kitsch und zur Mystik neigende Musik von Yes nochmal durch Davison in die exakt falsche Richtung getrieben wird.

Wie kompliziert der Gesamteindruck zu beschreiben ist, zeigt sich darin, dass Davison offensichtlich einen verjüngenden Einfluss auf die übrige Band hatte. Insbesondere Squire und Howe präsentieren sich in exzellenter Form. Die Leichtigkeit mag ihnen in all den Jahren ein wenig verlorengegangen sein, aber die Lust am Spielen ist es nicht. Geoff Downes setzt als Keyboarder hingegen keine wirklichen Akzente.

Zwei Klassiker – und "Going For The One"

Wer glaubt, die Band würde die drei Alben in chronologischer Reihenfolge spielen, irrt. Den Auftakt bildet "Close To The Edge" (1972), dann folgt "Going For The One" (1977), während "The Yes Album" (1971) den Abschluss bildet.

Die Gesamtperformance verdeutlicht, dass "Going For The One" im Vergleich zu den anderen beiden Alben ein wenig abfällt. Insbesondere im zweiten Teil besitzt es Längen, die den anderen Werken fehlen – die leichten Folk-Einschläge können darüber nicht hinwegtäuschen. Manche Zuschauer nutzen die Gelegenheit für einen schnellen Sprint zum Getränkestand.

Tosender Applaus

Insgesamt lauscht das Publikum aber aufmerksam, um dann insbesondere die Aufführung von Close To The Egde und The Yes Album mit tosendem Applaus und Standing Ovations zu feiern. Während "Close To The Edge" eher den sphärischen, ausladenden Klangwelten huldigt, ist "The Yes Album" wesentlich rockiger. Als Höhepunkt hält es zudem das Solo-Gitarrenstück "Clap" bereit, für das Steve Howe den lautesten Applaus des Abends erhält.

Wenn man bedenkt, welch hohes Risiko Yes eingegangen sind, indem sie Jon Anderson als Frontman durch Davison ersetzten, muss man zugeben, dass sich das Wagnis ausgezahlt hat. Davison wirkt verjüngend auf die ergrauten Herrschaften und beflügelt offensichtlich ihre Lust an der Musik. Da auch die Fans mitziehen, darf man gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht.

Setlist

Close To The Edge: Close To The Edge | And You And I | Siberian Khatru
Going For The One: Going For The One | Turn Of The Century | Parallels | Wonderous Stories | Awaken
The Yes Album: Yours Is No Disgrace | Clap | Starship Trooper | I've Seen All Good People | A Venture | Perpetual Change
Zugabe: Roundabout

Alles zum Thema:

yes

Das könnte Sie auch interessieren