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Emotionen pur: Im nicht ganz ausverkauften Berliner Tempodrom sorgt Tori Amos wieder einmal für zahllose feuchte Augen und zittrige Knie.

Wie ein kleines Kind, dem man gerade heimlich den Toys-R-Us-Generalschlüssel zugesteckt hat, hüpft Tori Amos pünktlich um neun Uhr voller Enthusiasmus  auf die Bühne des Tempodrom.  Berlin sei schließlich eine ihrer Lieblingsstädte, so die rothaarige Elfe aus Übersee.

Bebende Moll-Landschaften

Auch die Fangemeinde im nicht ganz ausverkauften Tempodrom ist vom ersten Moment an hin und weg. Besonders in den ersten drei Reihen ist das Juchzen und Schreien bisweilen lauter als die teils bebenden Moll-Landschaften, die sich wie wattedicke Soundschleier durch die PA-Boxen zwängen.

Wie bereits in Paris, London und Frankfurt serviert Tori Amos auch in der Hauptstadt einen kunterbunten Mix aus Alt und Neu. "Parasol, Sugar, Leather": Die mittlerweile in England beheimatete Amerikanerin lässt keine ihrer bisherigen Schaffensphasen aus.

Was zählt ist der Moment

Natürlich kommt auch das neue Album "Unrepentant Geraldines" nicht zu kurz. Vor allem das melancholische Liebes-Drama "Wild Way" sorgt bei vielen der Anwesenden für feuchte Augen und zittrige Knie.

Immer dann wenn Tori Amos sich in tiefst aufwühlende Zartbitter-Welten verliert – und das tut sie an diesem Abend oft – scheint die Zeit stillzustehen. Was zählt ist der Moment, und der sprüht förmlich über vor grenzenloser Leidenschaft und einfühlsamer Intimität.

Intensität und Gefühl

Es ist schon beeindruckend wie es die Sängerin nach über zwanzig Jahren Businesszugehörigkeit schafft, jeden einzelnen Song so zu präsentieren, als hätte sie ihn erst eine Stunde zuvor geschrieben.

Selbst Songs wie "Winter" oder "Little Earthquakes" – melodramatische Evergreens, die im Jahr des Amtsantritts von Bill Clinton das Licht der Welt erblickten – haben auch heute noch mehr Intensität und Gefühl inne, als alle Retorten-Balladen der Damen Cyrus, Swift und Co zusammen.

Einblicke ins Inspirations-Archiv

Aber wen wundert’s? Tori Amos genoss schließlich eine ganz andere Schule. Mit Coverversionen von Elton John ("Someone Saved My Life Tonight"), Joni Mitchell ("River") und den Paragons ("The Tide Is High") gewährt die Sängerin einen Einblick in ihr Inspirations-Archiv und sorgt damit nicht nur bei den älteren Semestern für Begeisterungsstürme.

So stehen am Ende Teenies und Ergraute Arm in Arm mit offenen Mündern vor der Bühne, während die Hauptdarstellerin des Abends ein letztes Mal Handküsschen verteilt. Tori Amos und ihr Bösendörfer: immer wieder schön.

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