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Dredg (live in Frankfurt, 2014) © Johannes Rehorst

Die beiden besten Alben von Dredg noch einmal live und in voller Länge erleben, das geht auf der aktuellen Tour der Amerikaner. Hier zeigen sie, warum "El Cielo" und "Catch Without Arms" in jede Sammlung gehören. In Sankt Peter, der zum Konzertraum umfunktionierten Kirche in der Innenstadt von Frankfurt, spielten Dredg "El Cielo" in Gänze. Ein unheimlich gutes Erlebnis.

Mit Salvador Dalí geht es los, wem auch sonst: "Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen". Die Anfangsbuchstaben des (englischen) Bildtitels bilden den Titel des Openers "Brushstroke: dcbtfoabaaposba". Und als der loslegt, dreht Sankt Peter komplett am Rad. Dredg spielen "El Cielo". Endlich.

Davor stehen The Intersphere auf der Bühne. Gute Band mit guten Songs und gutem Auftritt, keine Frage. Aber für die vier Mannheimer, für ein normales Konzert mit normalem Opener ist wohl fast niemand nach Frankfurt gekommen.

Wir sind hier, um "El Cielo" zu hören, eines der beiden richtig großen Alben von Dredg, und das live und in voller Länge. Dass The Intersphere trotz dieser speziellen Situation einen überzeugenden Auftritt über die Bühne bringen und das Publikum an sich binden, spricht Bände für diese Band.

Dredg mit ihrem Meisterwerk erleben

Trotzdem ist "El Cielo" der Star des Abends: Neben "Catch Without Arms" ist "El Cielo" das zweite Großwerk der amerikanischen Prog-Rocker. Weder Erstling "Leitmotif", noch die Nachfolger kommen an diese beiden nacheinander veröffentlichten Alben an.

Hinzu kommt, dass "El Cielo" und "Catch Without Arms" zwei Alben diesseits und jenseits eines Bruchs bilden: Ist "El Cielo" noch der vertrackteren Avantgarde-Phase von Dredg zuzuordnen, hielten mit "Catch Without Arms" die poppigeren Töne Einzug.

Diese Entwicklung, die fast jede Progband mal durchmacht (Yes und Genesis sind da nur die größten Beispiele) gipfelte dann leider im schrecklichen "Chuckles And Mr. Squeezy"-Album, über das wir gnädigerweise den Mantel des Schweigens hüllen wollen.

Soweit die eine Faszination dieses Abends: Dredg mit ihrem Meisterwerk erleben. Die andere? Das Meisterwerk selbst. Denn "El Cielo" ist eines von diesen Alben, dass mit der Zeit subtil gruselig wird, ein Horrorfilm in Musik gegossen.

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Ein Album in Schlafstarre

Wer sich mit der Hintergrundgeschichte des Albums beschäftigt, stößt auf zwei Dinge: Dalís bereits erwähntes Bild "Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen" und die Angst vor unnatürlicher Schlafstarre.

Letzteres ist eigentlich ein ganz natürlicher Vorgang des Körpers. Wenn wir träumen, bewegt sich unser Körper nicht, obwohl wir uns im Traum vielleicht bewegen. Wachen wir auf, wird die Starre sofort beendet.

Dredg thematisieren mit "El Cielo" die krankhafte Seite, wenn sich der Körper nicht aus der Starre löst. Oder zu früh in die Starre fällt. Und man dann anfängt, Dinge zu hören und zu sehen. Nicht umsonst ist der Begriff "Sleeping Paralyze Demon" ein festes Google-Suchwort und nicht nur bei Dalí künstlerisch aufgegriffen worden.

Ein Publikum ohne Schlafstarre

Sankt Peter fällt beim Auftritt von Dredg dann Gott sei Dank nicht in Schlafstarre. Ganz im Gegenteil, das Publikum in der ausverkauften Kirche bejubelt ihre Jugendhelden ("El Cielo" erschien 2002!) frenetisch, als Gavin Hayes, Drew Roulette, Mark Engles und Dino Campanella die Bühne besteigen.

Dass hier keine Superstars auf der Bühne stehen, sondern doch ganz normale Musiker, zeigt eine kleine Episode zu Beginn: Während Hayes, Roulette und Engles bereits auf der Bühne letzte Vorbereitungen treffen, kommt Schlagzeuger Campanella verspätet und will das Publikum in der ersten Reihe noch vor dem Konzert mit der Hand abklatschen. Leider erkennt ihn keiner, weshalb die Leute etwas verwirrt auf diesen komischen Typen im Bühnengraben reagieren.

So schön, so schnell zu Ende

Das Intro "Brushstroke: dcbtfoabaaposba" geht über die Lautsprecher und dann singt Gavin Hayes die ersten Zeilen von "Same ol' Road": "Here we go - down that same old road again". Seine Stimme klingt höher als auf Platte. Eine kurze Eingewöhnungsphase ist vonnöten, aber spätestens bei der zweiten Strophe hat er auch uns.

Danach geht es ganz schnell: Von "Sanzen" über "Sorry But It's Over" bis hin zu "The Canyon Behind Her" geht der Ritt und schon ist "El Cielo" am Ende. Aber Dredg machen hier nicht Schluss.

Zugabe ohne Zugabe

Zwei Hits von "Catch Without Arms" folgen, dazu "Pariah" und "Down to the Cellar" von "The Pariah, The Parrot, The Delusion". Alles ohne künstliche Zugabe-Pause, Dredg haben keine Lust auf dieses nervige kleine Ritual.

Als die Band dann die Bühne verlässt, fragt sich wohl jeder, was jetzt noch kommt. Als die Lichter angehen, ist die Frage geklärt: Nichts. Aber was soll nach "El Cielo" auch noch Großes kommen? "Catch Without Arms" in Gänze. Aber das gibt es in Frankfurt heute leider nicht.

Setlist

Brushstroke: dcbtfoabaaposba | Same ol' Road | Sanzen | Brushstroke: New Heart Shadow | Triangle | Sorry But It's Over | Convalescent | Brushstroke: Walk in the Park | Eighteen People Living in Harmony | Scissor Lock | Brushstroke: Reprise | Of the Room | Brushstroke: An Elephant in the Delta Waves | It Only Took a Day | Whoa Is Me | The Canyon Behind Her |

"Zugabe": Ode to the Sun | Bug Eyes | Pariah | Down to the Cellar

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