Judith Holofernes (Pressefoto, 2014)

Judith Holofernes (Pressefoto, 2014) © Julia Gajewski

Judith Holofernes hat nach jahrelanger Babypause und musikalischer Abstinenz nichts an Wortgewandtheit eingebüßt. Ohne Umschweife plaudert sie über die Entstehungsumstände ihres Albums oder trägt einfach nur ein Gedicht vor. Dass sie die Songs ihrer Platte während ihrer Mutterzeit zu Papier brachte, hört man der Berlinerin an, doch ihr Konzert hält einige Überraschungen parat.

Bevor es so richtig losgeht, bringt die Schweizer Band Mama Rosin die rund 300 Zuschauer mit ihrer Kombination aus Indie-Rock in der Art von The Kooks, aber mit französischem Unterton, mächtig in Stimmung.

Kompliziertes Französisch

Der Gitarrist und der Bandoneon-Spieler, der ganz lässig sein rotes Instrument nur an seiner linken Schulter baumeln lässt, bewegen sich rhythmisch zu ihrer Musik, während sie inbrünstig einen zweistimmigen Gesang ins Mikrofon trällern.

Auch der Drummer lässt sich nicht lumpen: In einem Song spielt er gleichzeitig Mundharmonika und Schlagzeug. Nur beim Auffordern zum Mitsingen einer Textzeile hapert es ein wenig. "Tu lais les bons temps rouler" (oder so ähnlich) erscheint dem Publikum ein wenig zu kompliziert. Nichtsdestotrotz feiern die Zuschauer die Band ausgiebig.

"Hammer am Arsch"

Als endlich die sechsköpfige Band um Judith Holofernes die Bühne betritt, wundert man sich, dass die Sängerin einen dicken Pelzmantel trägt, den sie beim gesamten ersten Song anbehält.

Das Tigergesicht, das auf dem Rücken des Kleidungsstücks aufgenäht ist, steht bezeichnend für die Vielfalt der Tierwelt, die noch zur Sprache kommen wird. Aufgrund der Wärme auf der Bühne legt sie den Pelz aber schnell wieder ab und spielt den Rest des Abends in einem schönen Blumenkleid.

Gleich zu Beginn wird klar, dass an diesem Abend keine Lieder ihrer ehemaligen Band Wir sind Helden zu hören sein werden: Den Zuruf "Denkmal!" eines aufdringlichen Zuschauers quittiert sie lakonisch mit einem "Hammer am Arsch". Ihre Schlagfertigkeit erstaunt die Zuschauer auf positive Weise.

Gleichberechtigung muss sein

Die Formation ist sehr emanzipatorisch aufgestellt: Vorne Judith mit einer Percussionistin und einer multi-instrumentalistischen Keyboarderin, hinten die männlichen Musiker mit Gitarre, Bass und Schlagzeug. Dementsprechend treten die drei Damen bei den ersten drei Songs "Leichtes Schwert", "Platz da" und "Jetzt erst recht" durch vokale und körperliche Leistung klar in den Vordergrund.

Es sind vier gymnastikballgroße Kugeln auf der Bühne, die sich farblich der Stimmung der Songs anpassen. So wechseln diese von anfangs blau zu rot, als Judith auf ihrer Ukulele das Stück "Brennende Brücken" anstimmt.

Dieses wurde nach eigener Aussage stark von Stephen King beeinflusst, dessen Bücher die zweifache Mutter während ihrer Babypause wohl zuhauf konsumiert hat. "Nichts kann mich entzücken wie der Schein brennender Brücken." Zugegebenermaßen hat diese Zeile schon etwas Schauriges an sich.

Es wird tierisch

Nach dem Lied "Havarie", das von der Frontfrau alleine auf der Gitarre vorgetragen wird, packt die Berlinerin einen Song namens "Kamikazefliege" aus, den sie als 18-Jährige geschrieben hat. Die Entwicklung im Songwriting wird hieran offensichtlich, dennoch ein interessanter Text. "Darum sollst du mein Kamikaze-Copilot sein." Die Zuhörer belohnen dies mit achtungsvollem Applaus.

Tierisch geht es im metaphorischen Sinne auch gleich weiter: Der Chorus des Songs Hasenherz ist wohl einer der schönsten des ganzen Abends, auch wenn er eine Spur zu kitschig rüberkommt. Während einer Umbauphase gibt sie dann ein Gedicht über einen Marabu zum Besten, der "ein ziemlich hässlicher Vogel" ist, weshalb sie ihn wohl nicht als Bestandteil eines Songtextes herangezogen hat.

Keine "perpetuose" Setlist

Ihre Ansagen meistert Judith stets äußerst charmant und eloquent: "Jeder, der das Album durchgehört hat, wird gemerkt haben, dass es nur 35 Minuten lang ist. Ich bin froh, dass ich keine 16 Songs auf die Platte gepackt habe, weil die sich sonst gegenseitig das Auge ausgestochen hätten. Allerdings wollen wir heute aber ein bisschen länger als diese kurze Zeit spielen."

Vielleicht ist ihre Liebe zur deutschen Sprache ja auch ein Grund dafür, dass sie in ihre Setlist immer wieder deutsche Coverversionen einiger ihrer englischsprachigen Lieblingssongs einbaut. So spielt die Band ein deutsches Cover des Songs "Katherine The Waitress" des färöischen Sängers/Songwriters Teitur. Ihre Version "Jonathan der Kellner" bietet durch Trompetensolo des Gitarristen eine durchaus willkommene Abwechslung.

Gemächliche Zugaben

Nach "Ich will, dass du weißt, dass ich will, dass du glücklich bist", eine Coverversion des gleichnamigen englischen Titels von Elvis Costello, beendet Judith den letzten Song "Danke, ich hab schon" mit den Worten: "Ihr kennt alle das Album auswendig. Denkt mal nach, welche Lieder noch fehlen."

Natürlich kommt die Band nach begeistertem Applaus nochmals auf die Bühne. Mit der Adaption eines amerikanischen "Pferdeliedes", bei dem sie deren Namen durch die der Bandmitglieder ersetzt, singt Judith einen nochmals sehr ruhigen Song. Auch das folgende Stück "John Irving", in dem sie über zahlreiche Regisseure und Buchautoren lästert, ist gleichermaßen langsam.

Da hier trotz raffiniertem Text fast Langeweile aufkommt, stellt sich die Frage, weshalb die Band sich entschlossen hat, zwei gemächliche Songs aufeinander folgen zu lassen. Doch das Publikum ist äußerst wohlgesonnen und lässt die Formation nach deren Abgang für eine zweite Zugabe erneut auf die Bühne treten.

Charmanter Auftritt

Diese hat es gewaltig in sich: Es folgen die Songs "Pechmarie" und ein deutsches Cover des Rolling-Stones-Liedes "You can't always get what you want". Dazu kommt die Vorband Mama Rosin mit auf die Bühne und unterstützt Judith und ihre Band mit Leib und Seele. Sowohl auf der Bühne als auch im Publikum wird ordentlich getanzt.

Eines ist klar: "Du kriegst nicht immer, was du willst." Dennoch spielt die Band besser als auf der Platte. Abgesehen von einer fragwürdigen Aufstellung der Setlist überzeugt das Konzert besonders im letzten Abschnitt. Kleinere Fehler macht Judith Holofernes durch ihre charmante Art mehr als wett.

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