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Babyshambles (live in Hamburg, 2014) © Falk Simon

Die Babyshambles, die Band um den großen englischen Poeten Pete Doherty, zeigten im ausverkauften Docks in Hamburg eine überzeugende Show zwischen Punk und Dub und einen Frontmann, der der Rock’n’Roll-Gesten nie müde wird.

Manche Dinge ändern sich. In Hamburg sind die Winter neuerdings richtig winterlich und auf der Reeperbahn gibt’s kaum noch alte Kneipen. Die kleinen Indie-Mädchen der frühen Nullerjahre sind jetzt Ende zwanzig, und die Typen tragen Bart.

Manche Dinge ändern sich nie. Der Musikclub Docks hat noch immer die unsympathischsten Türsteher Hamburgs. Und Pete Doherty tritt niemals pünktlich auf. Eine Stunde ist nach dem Abgang der sehr guten Vorband The Merrylees und ihrem psychedelischen Sixties-Pop vergangen. Die Roadies sind schon drei Mal herausgekommen, um das Equipment zu begutachten. Kann sich eine Gitarre eigentlich in einer Viertelstunde verstellen?

Dann endlich, um kurz nach halb elf, fliegt die Tür auf und die Babyshambles kommen herein, allen voran Sänger Pete Doherty, stilecht mit Bierbecher und Kippe im Mund.

Hüpfen, pogen, Bierbecher werfen

Die Gitarren rumpeln, Drummer Adam Falkner zählt an und die Band legt grandios los mit "Delivery", der ersten Single ihres zweiten Albums aus dem Jahre 2007. Drei Platten erst haben die Babyshambles in knapp 10 Jahren veröffentlicht, dazwischen kamen ihnen immer wieder die Drogeneskapaden ihres Frontmannes.

Allerdings auch ein formidables Soloalbum von Pete Doherty, der auf "Grace/Wastelands" bewies, dass er ein sensibler Singer/Songwriter ist, der viel mehr beherrscht als schrammeligen Garagenrock. Begonnen hatte Doherty seine Karriere mit Kumpel Carl Barât und der Band The Libertines. Die hatte sich nach zwei von The Clash-Gitarrist Mick Jones produzierten Alben im Jahr 2004 getrennt.

Das Publikum im Docks haben die fünf im nu in der Hand, die ersten zehn Reihen hüpfen und pogen, Bierbecher fliegen. Wer sagt denn, dass die Hamburger, in deren Stadt immerhin die wichtigste Rockband aller Zeiten groß wurde, ein zurückhaltendes Temperament haben?

Die beste Band, die Doherty je hatte

Pete Doherty legt den Mantel ab und stimmt "Nothing Comes To Nothing" vom neuen Album "Sequel To The Prequel" an. Der Sound in dem mit 1500 Besuchern ausverkauften Club ist brillant.

Ohne die Libertines je live gesehen zu haben: das hier ist die beste Band, die Doherty jemals hatte. Drew McConnell am Bass und Mick Whitnall an der Gitarre sind keine austauschbaren Sidekicks. Beide sind seit Jahren elementare Bestandteile der Band und haben an jedem Song von "Sequel to the Prequel" mitgeschrieben. Insbesondere Whitnall und sein präzises Gitarrenspiel bewahrt die Band davor, in einen breiigen Garagensound abzudriften, wenn Doherty seine Stratocaster einmal allzu ungestüm traktiert.

Der fünfte im Bunde ist ein Multiinstrumentalist, Keyboarder und gleichzeitig Posaunist und Melodica-Spieler. Dem Sound der Band kommt dies besonders bei "I Wish" und "Dr. No", zwei charmanten Ausflügen in Dub und Reggae, zugute.

Rotzig & urbritisch

Urbritisch ist diese Band, in ihrer Vorliebe für Gitarrenrock von Joy Division zum Beispiel. Kurz teasen sie "She’s Lost Control" an. Aber heute Abend stehen The Jam, die Sex Pistols und natürlich The Clash Pate. Je länger das Konzert dauert, desto rotziger wird der Sound, sicher auch, weil Doherty längst nicht mehr jeden Ton auf der Gitarre trifft.

Dennoch ist es eine Freude zu sehen, wie sich die Band mit ihm an der Gitarre in die Songs hineinstolpert und einfach dem rohen Klang der E-Gitarren freien Lauf lässt. Der ganze Auftritt ist purer Rock’n’Roll: laut, kaum 70 Minuten lang und ohne Zugabe. Den Hit "Fuck Forever" haben sie einfach ausgelassen.

Doherty: Rocker, Teddybär, Zirkusclown

Doherty, mit kleinem Bäuchlein unter dem Ringelshirt, trinkt immer wieder aus einem übergroßen Becher mit einer hellroten Flüssigkeit. Sicher ist es kein Mandarinensaft. Der Londoner mit dem Babyface ist zu gleichen Teilen Rocker, Teddybär und Zirkusclown.

Er wirkt so sympathisch, man würde ihm die Kinder zum Rumtollen auf dem Spielplatz anvertrauen, mehr allerdings auch nicht. Er wirkt gleichzeitig albern und cool, wenn er die Gitarre blindlings im hohen Bogen wegwirft, und ein bisschen bedrohlich, wenn er, die Hand mit dem Mikrofonkabel umwickelt, den Mikroständer wie ein Gewehr schultert.

Wenn er aber zwischen den Songs über die Bühne stolpert, den Oberkörper nach unten baumeln lässt und erschöpft auf das Schlagzeug-Podest sinkt, möchte man ihn am liebsten in den Arm nehmen. Ihm den Drink wegnehmen und einen heißen Kakao in die Hand drücken.

Pünktlich: nimmer

Der Mann mag keine Drogen-Schlagzeilen mehr machen und kaum noch Konzerte absagen, aber gerettet ist er noch lange nicht.

Im März spielen die Babyshambles zwei Konzerte in Hannover und Wiesbaden, für die noch Karten erhältlich sind. Am heutigen Donnerstag gibt Pete Doherty eine Solo-Show im winzigen Hamburger Rockclub Grüner Jäger. Mit pünktlichem Auftritt ist nicht zu rechnen.

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