Tocotronic (hier live in Heidelberg im März 2013): Nicht für jeden ein Highlight

Tocotronic (hier live in Heidelberg im März 2013): Nicht für jeden ein Highlight © Daniel Nagel

Trotz Protesten von Anwohnern fand das Folkore-Festival im Garten des Schlachthofs Wiesbaden am vergangenen Wochenende ohne Zwischenfälle statt. In der Ödnis der Wiesbadener Beamtenstadt boten die drei Festivaltage Jugendlichen einen willkommenen Zufluchtsort - auch wenn die Meinungen über die Auftritte einiger Bands auseinandergingen.

Das diesjährige Folklore im Garten-Festival in der Beamtenstadt Wiesbaden wäre beinahe das letzte seiner Art gewesen. Knapp eine Woche vor Beginn legten Anwohner Beschwerde ein, um gegen den "Lärm" vorzugehen und Zimmerlautstärke nach 20 Uhr zu fordern. Die ebenso laute Musik beim Weinfest, das vorzugsweise von älteren Menschen besucht wird, stört offensichtlich niemand.

Die Katastrophe konnte abgewendet werden und laut dem Wiesbadener Kurier ist das Folklore-Team bereit, über die Bedingungen für Folklore 2014 zu verhandeln. Zu verdanken ist diese neu geschöpfte Kraft sicherlich einem grandiosen Festival 2013, die von einem hervorragenden Lineup getragen wurde.

Der Freitag mit Frittenbude und Turbostaat

Der offizielle Beginn war am Freitag zwar schon für 17:30 angesetzt, so richtig voll wurde es allerdings erst zum Auftritt der Audiolith-Band Frittenbude, die zusammen mit ihrem recht jungen Publikum und diversen überlebensgroßen Tieren auf der Bühne zu elektronischen Klängen in den Abend starteten.

Davon, dass das Programm auf den beiden Hauptbühnen abwechselnd stattfand, dürften die Punkrocker Turbostaat profitiert haben, die direkt im Anschluss auf der gegenüberliegenden Südbühne härtere Klänge anschlugen.

Ihr Publikum an diesem Abend war bedeutend größer als die Zuschauerzahl bei ihren Clubshows oder bei ihrem Auftritt auf dem diesjährigen Southside Festival. Ob nun trotzdem oder gerade deswegen, Turbostaat lieferten einen wie gewohnt großartigen Auftritt ab und spielten mit Sohnemann Zwei auch einen Song, den man live eher selten geboten bekommt.

Lieber in Oslo in die Disco als Tocotronic

Vom Hörensagen weiß ich, dass sich auch der Auftritt der Hamburger Theatralik-Spezialisten Tocotronic kurze Zeit später großer Beliebtheit erfreute. Wie groß und warum genau, kann ich leider nicht berichten.

Es gibt viele gute Gründe, Tocotronic auf einem Festival zu entfliehen. Bier trinken zum Beispiel. Oder am Dixieklo anstehen. Oder eigentlich alles andere.

Zum Glück bot die kleine Bühne der Kreativfabrik am Freitagabend einen weiteren Grund, um die weinerlichen Co-Headliner zu verpassen: Disco//Oslo – harte Typen aus Oldenburg und Hannover. So hart, dass es dem Schlagzeuger während des Soundchecks erstmal das Snarefell zerriss. "Joah, ist kaputt. Weiß ich jetzt auch nicht. Hat jemand noch 'ne Snare?".

Für Ersatz konnte anscheinend gesorgt werden und Disco//Oslo überzeugten das immer größter werdende Publikum vor der kleinen Bühne innerhalb der ersten paar Songs. Freunde von Pascow und Co. sollten diese Band definitiv im Auge behalten.

Der Samstag mit Blumentopf und Prinzessin Halts Maul

Am Samstag musste man sich erstmal durch die "Free Hugs"-Aktivisten kämpfen, die per Pappschild kostenlose Umarmungen anbieten und heutzutage an jeder Ecke lauern. Man kann nur hoffen, dass dieser Trend bald ausstirbt. Niemand will minderjährige Hippies voll mit Festivaldreck und verschütteter Erdbeerbowle umarmen!

Anschließend konnte man am Samstagabend Blumentopf in gewohnt souveräner Manier auf der Parkbühne genießen. Für ihre Freestyle-Sessions bekannt, bestand auch das Programm an diesem Abend aus einer Mischung aus gekonnter Improvisation und den Hits des aktuellen Albums.

Als großer Spaß erwies sich der Auftritt der Hardcore-Punkband Prinzessin Halts Maul – nicht nur der Musik wegen, sondern auch weil Mitten im Moshpit eine Cheerleaderin eine stundenlange Choreographie vortanzte, während ein paar Schritte weiter ein älterer Herr, der Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow verdächtig ähnlich sah, seinen kleinen Sohn in die hohe Kunst des Pogens einführte.

Keine Chance für Jennifer Rostock

In den zehn Minuten, die ich von Jennifer Rostock genießen "durfte", feierte die Frontfrau vor allem sich selbst. Zwei Mädchen, die sie zur Unterstützung auf die Bühne holte, wies sie an, in den Gesangspausen "schön mit dem Arsch [zu] wackeln" und ihre Brüste zu präsentieren.

Frittenbude haben wegen ähnlicher sexistischer Aufforderungen aus dem Publikum einmal ein Konzert abgebrochen – zu Recht. Chance vertan. Zum Glück übernahm mit Conmoto eine Band mit einer sowohl stimmgewaltigeren also auch charmanteren Frontfrau gleichzeitig das Kommando auf der Bühne der Kreativfabrik.

Pünktlich um Mitternacht – wie mit der Stadt vereinbart – endete der Folklore-Samstag mit den letzten Ska-Punk-Klängen von Feine Sahne Fischfilet auf der einen, und Großstadtgeflüsters elektronischen Beats auf der anderen Seite des Geländes.

Der Sonntag im Regen – und eine Hoffnung

Das Wetter, dass sich bis Sonntagmittag einigermaßen gut gehalten hatte, meinte es am dritten Festivaltag leider nicht gut mit den Folklore-Besuchern. Der Tag, der traditionell besonders viele Familien und Ein-Tages-Besucher anlockt, fiel leider buchstäblich ins Wasser.

Trotzdem konnten die letzten Bands, SDP aus der Hauptstadt und die Folkband Zaitsa, ein relativ großes Publikum begrüßen und gemeinsam mit dem Zuschauern den letzten Abend feiern.

Es bleibt zu hoffen, dass das Festival auch im nächsten Jahr wieder stattfinden kann. Gerade Wiesbaden bietet wenig Raum für Jugendliche und alternative Subkultur. Die Folklore war schon in meiner Kindheit ein solcher Raum – damals allerdings wirklich in einem Garten, oben beim Schloss Freudenberg – und hat mich über meine Jugend bis heute jedes Jahr begleitet. Deshalb wünsche ich den Veranstaltern stellvertretend für regioactive.de alles Gute und drücke die Daumen für ein Folklore im Garten 2014!

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