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Während Kraftklub über die Bühne fegte, erschien ein Regenbogen über dem Hockenheimring © Johannes Rehorst

40.000 Besucher feierten am Wochenende die Premiere des Rock'n'Heim-Festivals, das am Sonntag mit Auftritten von Kraftklub, Nine Inch Nails und Seeed einen würdigen Abschluss fand. Im nächsten Jahr geht es weiter mit "The Return Of Rock'n'Heim". Dann wollen die Organisatoren 50.000 Zuschauer nach Hockenheim locken.

Der Sonntag bei Rock'n'Heim bringt Abkühlung und am Nachmittag auch etwas Regen. Die Sorge, dass aus "Staub'n'Heim" nun Matsch'n'Heim werden würde, erweist sich jedoch als unbegründet. Dass der Staub im großen Rund vor der Evolution Stage gebunden wird, erweist sich eher als Vorteil. Gegen Nachmittag lässt der Regen nach und es bleibt vorerst trocken.

Unterhaltsames Spektakel

Unter diesen Vorzeichen liefert Baauer auf der Revolution Stage ein solides Techno-Set, während auf der Hauptbühne Heaven Shall Burn mit ihrem Metalcore made in Germany die Hütte rocken. Die Veteranen aus Thüringen animieren den Moshpit zu allerhand ulkigen Choreographien: Ob Kreiseltanz, Gruppenrudern oder Sturm von zwei Seiten, die Fans haben Spaß und auch Zuhörer, die sonst nichts mit dieser Musik anfangen können, lassen sich fasziniert von dem Spektakel unterhalten.

Wer mehr auf tanzbare, aber durchaus nicht minder harte Musik steht, hat an der Revolution Stage die Gelegenheit mit Modestep aus London eine wilde Dubstep-Party zu feiern. Vor allem weibliche Festivalbesucher nehmen diese Option gerne in Anspruch. Und da viele ihre männlichen Partner mitbringen, wird die Party ziemlich voll und entsprechend wild.

Damit kommt der finale Abend des Festivals so richtig in Gang. Wenn am Freitag noch eine gewisse Zurückhaltung in der Luft lag, so kann man jetzt definitiv von speziellen Rock'n'heim-Stimmung sprechen. Und die echten Headliner des Sonntags kommen erst noch.

Mitreißende Beats von Kraftklub

2013 ist das Jahr, in dem Kraftklub sich endgültig ganz vorn in der Liga der deutschsprachigen Bands etablieren konnten. Eine beachtliche Reihe an Festivalauftritten findet an diesem Abend ihr Ende und auch einen weiteren Höhepunkt.

Als sie die große Bühne betreten, verzieht sich der kleine Schauer, der zuvor noch dezent niederging. Am Ende des ersten Liedes zaubert die Abendsonne einen Regenbogen im Osten. Ein Moment, der nur noch zu toppen wäre, wenn sich dieser dem farblichen Kodex von Kraftklub (rot, weiß, schwarz) angepasst hätte. Ihr mitreißender Beat, die auf den Punkt kommenden Texte und natürlich das enorme Frontman-Talent von Felix Brummer lassen sie die Herzen des Publikums im Nu gewinnen.

Ein Ausflug mit Folgen

Das Tolle an Konzerten von Bands, die erst ein Album haben, ist, dass man (fast) alle Songs live bekommt. Und bei Kraftklub wäre es ein Jammer, wenn die ganzen Kracher des Debüts nicht zu hören wären. Denkwürdig wird dieser Abend für Felix Brummer auch wegen der Ereignisse während seines Ausflugs ins Publikum bleiben.

Zunächst läuft alles wie erwartet: Getragen vom Publikum erreicht er die mittlere Sperrzone. Die Idee, für den Rückweg das Publikum zu bitten, ihm eine Gasse frei zu machen, scheint zunächst zu funktionieren. Als sich die Gasse jedoch nach wenigen Metern schließt, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Schockierender Schuhverlust

Zwar gelingt es ihm, wieder über die Köpfe der Fans zu gelangen, dort wird er allerdings Stück für Stück seiner Kleidung beraubt. Als er Gefahr läuft, unten herum blank gezogen zu werden, ist ihm anzumerken, dass da eine Grenze überschritten ist. Seine Socken und Schuhe bleiben auf der Strecke.

Für einen Moment stockt Band und Publikum der Atem: Wie wird er mit dieser Situation umgehen? The show must go on! Er nimmt das Mikrophon, sucht nach Worten, versucht zu lächeln und sagt, dass alles okay sei, aber sowas nie wieder machen werde. Alle anderen Aktionen und Animationen an diesem Abend sind erprobt, aber das ging ihm nahe. Verständlich.

Die Band verlässt kurz die Bühne, kommt aber gleich zurück und Felix erklärt mit seinem Lausbubengrinsen, dass er sich nur kurz neue Schuhe anziehen musste. Und die Party geht weiter. Keine Frage, der Auftritt von Kraftklub an diesem Abend bot einige der intensivsten Momente des Festivals.

Nine Inch Nails mit innovativer Show

Während Chase & Status an der Revolution Stage es schaffen. die Crowd an der kleinen Bühne mit ihrer Drum and Base-Show langsam aber sicher anwachsen zu lassen, wartet der Großteil der Besucher an der Hauptbühne auf den Headliner Nine Inch Nails.

Trent Reznor und seine Mannen bieten eine Industrialrock-Show für Anspruchsvolle. Zunächst bauen sie sich am Bühnenrand in einer Reihe auf, den Großteil der Bühne hinter ihnen durch Trennwände verstellt. Diverse Percussion-Instrumente, elektrischer oder akustischer Natur, sowie exotische Saiteninstrumente, die teilweise mit Bogen gespielt werden, kommen zum Einsatz, während der Beat und der Stil elektronisch bleibt.

Der Sound ist hervorragend und gerade als man sich etwas Abwechslung wünscht, werden die Stellwände verschoben und eine klassische Rockbühne entsteht. Mit diesem Wandel ändert sich auch der Sound, der jetzt von harten Gitarren geprägt ist.

Reznors intensiver Gesang bildet die Brücke zu diesen verschiedenen Elementen der Show. Die Trennwände entpuppen sich als multimediale Projektionsflächen, die der Bühne immer wieder einen neuen Charakter verleiht.

So spannend und intelligent die Show auch inszeniert ist, es zeigt sich trotzdem, dass viele Fans diesen Auftritt zu diesem Zeitpunkt nicht würdigen können oder wollen. Nach ungefähr einer halben Stunde verlassen immer mehr Besucher das große Rund vor der Bühne, so dass am Ende des Auftritts nur noch ca. die Hälfte der Zuschauer begeistert Beifall für den wohl innovativsten Gig des Festivals spenden.

Tanzbarer Abschluss mit Seeed

Die Frage, wo die ganzen Fans hingegangen sind, kann man sich getrost sparen. Auf der Revolution Stage sind Seeed als krönender Abschluss des Festivals angekündigt und dort versammeln sich nach 23 Uhr nahezu alle Rock'n'heimer um das Wochenende angemessen ausklingen zu lassen. Auf einer steilen, gigantischen Showtreppe verteilen sich die 12 Musiker und bringen mit ihren Dancehall-Reggae-Beats die Popos der Besucher zum Wackeln.

Interessanterweise sind Seeed die erste Band, die das Publikum nicht mit Rock'n'heim, sondern mit Hockenheim anspricht. Was sie sich dabei gedacht haben, bleibt Spekulation und auch nebensächlich. Die Stimmung ist jedenfalls famos und so geht das erste Rock'n'heim-Festival beschwingt zu Ende.

Die paar Tropfen, die dann doch noch runter kamen, konnten den absolut positiven Gesamteindruck dieser Festivalpremiere nicht mehr trüben. Wir sind gespannt auf's nächste Jahr, für das schon die Fortsetzung unter dem Titel "The Return Of Rock'n'Heim" angekündigt ist.

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