Ian Anderson (live in Mainz 2013)

Ian Anderson (live in Mainz 2013) © Daniel Nagel

Vor der malerischen Kulisse des Schwetzinger Schlossgartens inszeniert Jethro Tull's Ian Anderson eine routiniert-souveräne "Greatest Hits"-Show. Dabei hat Anderson mit Lake sowie Steve Harley & Cockney Rebel als „Aufwärmer“ überraschend hartnäckige Konkurrenten in der Gunst des Publikums.

Der durch Hecken abgetrennte Seitengarten des Schlosses ist nur spärlich gefüllt, als die erste Vorband Lake gegen 18.45 Uhr bei angenehm sommerlichen Abendtemperaturen die Bühne betritt. Gerade im vorderen Exklusivbereich, der preislich dreigeteilten Konzertarena sind deutliche Lücken wahrzunehmen. Das tut Alex Conti und seiner Band allerdings keinen Abbruch.

Warmer Westcoastsound

Als Urgestein des deutschen Seventiesrock (Atlantis) blickt Conti auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Die seit 2003 wiedervereinigten Lake, spielen seit kurzem wieder mit Originalsänger Ian Cussick aus Dundee. Dieser verleiht dem wunderbar warmfließenden, mit mehrstimmigem Gesang unterlegten, Westcoastsound einen großen Wiedererkennungswert.

Das Publikum reagiert geradezu euphorisch auf alte Stücke wie Hopeless Love und On the run. Neueres Material vom 2014 geplanten Album fügt sich homogen in das Gesamtbild ein. Zum Schluss gibt es mit Jesus Came Down eine ergreifende Verbeugung vor dem verstorbenen zweiten Sänger der Band, James Hopkins-Harrison, und Conti genießt sichtlich die große Resonanz des Publikums.

Steve Harley, die Überraschung des Abends

Bei der zweiten Supportband Steve Harley & Cockney Rebel sieht man nicht nur manchen alten Fan mit Cockney Rebel T-Shirt, sogar aus England sind einige Fans angereist. Steve Harley, der in den Siebzigern als Post-Glamstar und stilisiertem Ray Davies-Nachfolger einige Kämpfe mit der britischen Musikpresse auszutragen hatte und jahrzehntelang in der Bedeutungslosigkeit verschwand, entpuppt sich als die Überraschung des Abends.

Mit George Harrisons Paradestück Here comes the sun legt die Band einen begeisternden Start hin. Sling it!, das vom Arrangement an Dylans Boxerdrama “Hurricane“ erinnert, treibt die Begeisterung noch weiter nach oben. Wie sehr Leben von Höhen und Tiefen geprägt wurde, verdeutlichen seine Zwischenansagen, die von Erlebnissen im Musikbusiness und die seinen Schattenseiten geprägt sind.

Es folgt ein abwechslungsreiches Set mit allen kleineren (Judy Teen, Mr. Soft) und großen Hits (Sebastian), in deren Verlauf dem euphorisierten Harley zweimal die Saiten der Akustikgitarre reißen. Bei der letzten Zugabe Make me smile steht das ganze Publikum und fast jeder singt aus vollem Hals mit. Ein wirklich überzeugender und pointierter Auftritt des 62-Jährigen.

Der flötenspielende Lieblingsengländer

Für Jethro Tull's Ian Anderson haben sich schließlich gegen 21.45 Uhr knapp 2.000 Zuschauer in der Schlossgartenarena eingefunden um ihrem "flötenspielenden Lieblingsengländer" zu lauschen. Anderson spielt seit Ende der Sechziger unentwegt, nahezu jährlich, zehn bis zwanzig Konzerte in Deutschland und kann hier auf eine extrem treue Fangemeinde bauen, die seine künstlerische Wiederauferstehung mit dem Thick As A Brick II-Album frenetisch feierte.

Einen Tag vor seinem 66. Geburtstag präsentierte Anderson ein Greatest Hits-Set, wie es vor 2012 lange Jahre typisch für die Band war: Vier Stücke von Aqualung, dazu Living in the past, TAAB, Too old to Rock n Roll und Budapest vom starken 87er-Album Crest Of A Knave.

Die Folkrockphase der Spätsiebziger wird mit Songs From The Wood und dem eher selten gehörten Hunting Girl gewürdigt. Mit Beggars Farm geht man ganz an die anfänglichen Blueswurzeln des Jahres 1968 zurück, als Gitarrist Mick Abrahams (Bloodwyn Pig) noch gleichberechtigt neben Anderson agierte. Als offizieller neuer Bestandteil im Greatest Hits-Reigen gesellt sich Banker Bets, Banker Wins vom letztjährigen TAAB II Album dazu. Es erweist sich als eines der Highlights des Abends.

Brachiale, aber glasklare Härte

Im Mittelpunkt steht eindeutig der deutsche Gitarrist Florian Opahle, der nicht nur optisch dem jüngeren Martin Barre ähnelt, sondern auch dessen unbändige Spiellust der Siebziegerjahre zurückbringt mit der deutlichen Akzentuierung auf der Hardrockseite.

Selten hat man den Gassenhauer Aqualung in einer solch brachialen aber glasklaren Härte gehört und auch die peitschenknallende Erotikphantasie Hunting Girl von 1977 fegt mit donnernder Gitarre durch Mark und Bein. Selbst die von Fans heiß geliebte Akustikpastiche Mother Goose erhält einen härteren Anstrich – einzigartig in der Tull Geschichte.

Da Anderson angekündigt hat, dass er im November mit der aktuellen Besetzung ein neues Album in "aggressiverem Stil" aufnehmen werde, ist es nicht verwunderlich, dass sich der aktuelle Livesound auch in diese Richtung bewegt. David Goodier am Bass und John O’Hara an den Tasten machen einen sehr guten Job. Es ist aber besonders das weiche, fließende Spiel von Neuschlagzeuger Scott Hammond, das den gesamten Arrangements zu Gute kommt.

Andersons Anstrengung, die einst so markant-offensiv vorgetragenen Gesellschaftstudien auch heute noch mit ähnlicher Leichtigkeit zu singen, ist hingegen deutlich spürbar. Er geht nie den direkten Weg bei den gesanglichen Höhen, sondern baut Zwischentöne ein, um die Stimmbänder zu schonen. In Kontrast zur momentan härteren Gangart, den die Band einlegt, ist diese Schwäche noch offensichtlicher.

Mittanzen erst bei der Zugabe

Musikalisch ist der Meister aber über jeden Zweifel erhaben. Wie immer führt er mit eigenwilliger Gestik und Mimik seine eingespielte Band durch diese einzigartige Mixtur aus Pop, Rock, Folk und Klassik. Mit den seit Jahrzehnten bewährten Running Gags und zweideutiger Flötengestik sorgt er immer noch für Lacher beim Publikum, das sich trotz aller musikalischer Brillianz merklich zurückhält. 

Gegen Ende des regulären Sets tänzelt, begleitet von Lachern der Fans, ein junges Mädchen durch die Reihen, das aussieht, als sei sie dem A Passion Play-Cover entsprungen. Als sich ein Paar während des regulären Sets von den Sitzen erhebt um zum Bühnenrand zu laufen wird es von einem Ordner zurückgeschickt.

Nein, kollektives Aufstehen und Mitklatschen gibt es bei den Sitzplatzkonzerten von Tull erst zu der Standardzugabe Locomotive Breath, zu der dann auch jeder Zaungast mitsingen kann. Konservativ, im traditionellen britischen Sinne.

Nach eineinhalb Stunde ist Schluss. Das Auditorium leert sich zügig und man darf gespannt sein, wie es musikalisch mit Ian Anderson oder sagen wir besser Jethro Tull’s Ian Anderson in 2014 weitergeht.

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