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Tame Impala © 2012, Maciek Pozoga

Tame Impala kündigten ihr aktuelles Album "Lonerism" mit den schlichten Worten "new album is finished today" an. Warum auch große Worte machen, wenn man die Musik für sich sprechen lassen kann? Und diese hat sich Alina Impe am 23. Oktober in Berlin angehört und ist begeistert.

Wenn jemand einen Song auf Youtube mit "I just got fucked by a dragon" kommentiert, kann man sicher sein, dass diese absurd klingende Metapher ihren Ursprung in etwas hat, das weit über die Grenzen ungewöhnlichen Audiokonsums hinaus reicht. Ab diesem Punkt wird es schwierig Sounds, Vibes, Emotionen und Atmosphäre für andere verständlich in Worte zu kleiden, sodass die Metaebene sich als dankbarer Zufluchtsort erweist. Denn hier sind Beschreibungen grenzenlos.

Dass Tame Impala ihr Publikum am Abend des 23. Oktobers im Postbahnhof mit dieser Erfahrung zurücklassen würden, ahnt gegen 20 Uhr erst einmal noch niemand. Langsam schieben sich die Konzertgänger durch den Eingang, trinken erst noch entspannt ein Bier und hören bei der Vorband auch nur mit dem halbem Ohr hin.

Eine Mischung aus Vampire Weekend und den Beach Boys hallt einem da von Young Dreams entgegen, solide vorgetragen, auch wenn der Frontmann im Indie-Karohemd so stockig daherkommt, als hätte seine Mutti zu viel Kragenstärke beim Waschen genommen. Dennoch: flauschig und anschmiegsam klingt das Ganze, aber dabei doch so unspektakulär, dass man den Namen der Band schnell wieder vergessen wird.

Licht aus, Joints an

Um 22 Uhr geht es endlich los. Licht aus, Joints an. Im Schutze der Dunkelheit sieht man überall das Aufglühen von "Sportzigaretten", die hier zwischen 19jährigen Indieboys und Mittvierzigern mit Intellektuellen-Brille hin- und hergereicht werden und dieses heterogene Publikum immer stetiger in Marihuana-Nebelschwaden einhüllen.

Dabei ist der Gedanke des Teilens von bewusstseinserweiternden Naturalien hier absolut überflüssig, wenn einmal tief Durchatmen schon genügt. Tame Impala legen mit Desire Be, Desire Go los, dekonstruieren mit ihren ausgewaschenen T-Shirts und Langhaarfrisuren mit Mittelscheitel dabei gleich mal den Mythos vom Musiker als Sexsymbol und ernennen stattdessen die Musik zur neuen Ikone.

Die Beständigkeit einer Dampfwalze

So völlig ohne Starallüren sieht diese Band aus, als sei sie Richard Linklaters 70er-Jahre-Kultkifferfilm Dazed and Confused unmittelbar entsprungen, weshalb am Merchandise-Stand wohl auch keine hippen Jutebeutel feilgeboten werden, dafür aber eine beträchtliche Auswahl an – ja richtig – ausgewaschenen T-Shirts.

Bald darauf wird jemand "Psychedelic!" schreien und die Band spürt, dass das Publikum für Elephant bereit ist. Man kann sich wahrscheinlich nicht oft genug entschuldigen, wenn man Tiermetaphern in einer Konzertkritik benutzt, aber manchmal lässt sich eine derartige Klang-Schubkraft gepaart mit einem hypnotisch gleichbleibenden Rhythmus nur mit einer imaginierten Elefantenherde vergleichen, die mit der Beständigkeit einer Dampfwalze über den eigenen Körper hinwegstampft.

Alte Songs wie Solitude Is Bliss und Why Won’t You Make Up Your Mind? halten sich die Waage mit neueren wie Be Above It und Keep On Lying, doch jeder einzelne verursacht kleine Explosionen unter der Haut und dringt virtuos bis ins eigene Innere vor, um von dort aus orgiastische Wellen wieder nach außen zu schicken, die das Publikum zu einer klebrigen, psychosexuellen Einheit verschmelzen lassen.

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Willkommen in einem anderen Sonnensystem

Nachdem bei Feels Like We Only Go Backwards die Sportzigaretten diesmal zu modifizierten Reggae-Anleihen kreisen und man mit Apocalypse Dreams ein weiteres Mal in ein anderes Sonnensystem katapultiert wurde, wollen sich Tame Impala schon verabschieden.

Minutenlanges Klatschen und Bangen locken diese australische Supernova schließlich wieder hervor, doch diesmal besteht die Band auf mehr Beleuchtung im ganzen Saal. Das plötzliche Blenden der Scheinwerfer löst ein gequältes Stöhnen im Publikum aus, das mittlerweile wie eine Horde paralysierter Fledermäuse aussehen müsste. "You look so beautiful" stellt Sänger Kevin Parker sichtlich gerührt fest und schickt seine Zuhörerschaft mit Half Full Glas Of Wine auf eine letzte psychodelikate Rauschreise, bis nach gut 80 Minuten schließlich alles vorbei ist.

Ein authentischer und einzigartiger Soundteppich

Zurück bleibt man mit einem subtilen Gefühl der Traurigkeit, weil spätestens jetzt wieder klar ist, dass das hier nicht Woodstock, sondern leider nur der Postbahnhof ist. Und doch bleibt ein Funken Hoffnung und Aufbruchsstimmung erhalten, war doch das, was man eben gehört hat, ein authentischer und einzigartiger Soundteppich, der Altes und Neues mit einer schier unübertreffbaren Epik zu verweben wusste.

Als sei soeben eine neue Subkultur namens Neo-Psychedelic geboren, die sich abseits von Techno, HipHop und längst für tot erklärtem Indie ansiedelt und Raum schafft für diejenigen, die metaphysisch in sich und über sich hinausgehen wollen. Zu hoffen bleibt, dass der unbarmherzige Mainstream diesem Phänomen keinen Strich durch die Rechnung machen wird und sich irgendwann unzählige fettige Mittelscheitel als neue Trendfrisur durch die Straßen von Friedrichshain trollen.

Aber Tame Impala ist zum Glück keine Band, die besonders club- oder partytauglich erscheint. Ihr Sound ist das Äquivalent zu einem Paralleluniversum, in dem sich elliptische Sphären von Trance und Affekt immer wieder umkreisen und vereinigen und wo der auditive Orgasmus ewig herrschen wird.

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