Im Lido präsentierten sich The Felice Brothers – die drei Brüder Ian, James und Simon Felice plus Christmas Clapon und Greg Farley – wie eine typische Folkrock-Band. Mit Leidenschaft, purer Natürlichkeit, Echtheit und mit einer Reihe von Instrumenten, die für die Folk-Blues-Country-Musik typisch sind. Zum Beispiel mit einer Fidel oder einem Akkordeon. Dazu gab es wunderbar ergreifende Texte über Whiskey, Frauen, Mütter, Pistolen und das freie Land zu hören, die dabei jeweils von verschiedenen Bandmitgliedern gesungen wurden. Lediglich der Schlagzeuger musste oder durfte nicht an das Mikrofon treten. Es ging beim Konzert von The Felice Brothers ziemlich heiß zu: Es wurde gegrölt, gestampft, auf der Bühne umher gerannt, oder auf das Drumkit hinauf und wieder herab gestiegen. Dazu heizte der fidelnde und durch seine Klamotten an einen HipHopper erinnernde Greg Farley das Publikum mit kräftigem Gepose noch einmal richtig an, während James Felice am Akkordeon sich immer mal wieder einen Schluck Jack Daniels gönnte, um dann stimmgewaltig den zum Mitgrölen animierenden Song Whiskey In My Whiskey zu singen. Es war eines der Highlights des Abends. Weitere folgten u.a. mit Love Me Tenderley und Frankies Gun, wobei die Stimme des Sängers Ian Felice sehr der von Bob Dylan ähnelte.
Eins wurde bei diesem Konzert ganz deutlich: Live wird bei The Felice Brothers der Sound gnadenlos vorangetrieben. Da konnte auch die Balladen nichts dran ändern. Der Spaß und das Schaffen einer trunkenen Atmosphäre sind das Ziel der Live-Performances. Und die Spielfreude und Energie, die den Zuschauer mitreißen soll. In Berlin gelang das lückenlos. Zumindest versuchte das Publikum diese Ziele mit ganz viel Elan zu verwirklichen, wenn es im Saal hin- und her hüpfte, Arme in die Luft riss, teilweise mitsang und die Band schließlich durch frenetischen Jubel für eine Zugabe auch wieder auf die Bühne zurückholte. Lediglich der Sound hätte an diesem Abend etwas besser sein können. So konnte man teilweise entweder einzelne Instrumente nicht heraushören, oder aber das eine Instrument war im Gegensatz zu den anderen zu laut bzw. zu leise.
Und der Support A.A. Bondy? Der begeisterte die Zuschauer mit seinem verwaschenen Folkrock ebenfalls und schließlich so sehr, dass der über diese Reaktion stark erstaunte und erfreute A.A. Bondy den Tontechniker darum bitten musste, noch eine Zugabe spielen zu dürfen. Er durfte und bedankte sich mit einer herrlichen, akustischen Coverversion von Hank Williams I’m So Lonesome I Could Cry.


