Am Freitag stand das Kesselhaus der Kulturbrauerei ganz im Zeichen Frankreichs oder vielmehr den popmusikalischen Erzeugnissen dieses Landes. Im Zuge dessen gaben sich die Bands Prototypes, Jeanne Balibar & Poni Hoax Band, Benjamin Biolay und Matmatah die Gitarre bzw. das Mikro in die Hand. Den Anfang machten die in Deutschland bisher unbekannten Prototypes mit einer ansprechenden und sehr tanzbaren Mischung aus Elektro, Indie, Punk und Rock. Dabei wechseln sich französische mit englischen Texten ab, die von der charismatischen Frontfrau Isabelle le Doussal vorgetragen werden. Der Bass der Prototypes bewegt sich zumeist auf Hüfthöhe und lässt einige Besucher mehr als nur mitwippen.
Als zweite Band des Abends entert die Schauspielerin und Sängerin Jeanne Balibar mit ihrer Band Poni Hoax die Bühne. Der nur teilweise gefällige Pop, eine Mischung aus New Wave und französischem Chanson, kommt bei den Zuschauern weniger gut an. Insgesamt kann die Band nicht mitreißen und auch die theatralischen Gesten von Jeanne Balibar können dem nicht abhelfen.
Als vermeintlicher Hauptact des Abends kommt der Styler des französischen Neo-Chanson - Benjamin Biolay - auf die Bühne. Bei seinem erst zweiten Deutschland-Konzert im Zuge der Veröffentlichung seines neuen Albums Trash YéYé gibt er eine Werkschau seiner vier bisher veröffentlichten Soloalben zum Besten und versteht es dabei, den opulenten Klang seiner Lieder auch live umzusetzen. So viel Hall auf der Stimme hat sonst nicht mal Morrisey! Biolay und seine aus vier Mann bestehende Band spielen vom neuen Album die Single Dans la Merco Benz, das treibende Qu'est-ce que ça peut faire und das ungewohnt rockige Regarder la lumière, bei dem Biolay selbst zur E-Gitarre greift. Vom Album Negatif erklingen das melancholisch-manische Titelstück, das poppige und tanzbare Chaise a Tokyo und das typisch französisch-leichte Des Lendemains Qui Chantent. Das begeisterte Publikum wurde mit einer Zugabe vom vielleicht besten der Alben Biolays - Rose Kennedy - belohnt. Das chansonesque und klassisch-schöne Les Cerfs-volants bildete den gelungenen Abschluss für das viel zu seltene Vergnügen eines Konzerts von Benjamin Biolay.
Als letzte Band spielten Matmatah ihren sehr stark von den 70er Jahren inspirierten Rock. Manchmal ganz nah an Pearl Jam und Neil Young, bieten die vier Franzosen auch optisch eine Reminiszenz an längst vergangene Tage. In klassischer Besetzung mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug, wurde melodischer, aber nicht immer sehr origineller Rock dargeboten.
Ein größerer Teil des Publikums hatte sich jedoch nach Benjamin Biolays Auftritt schon verabschiedet, denn französische Musik ist halt dann am Besten, wenn es sich - sehr klischeehaft gesprochen - um Pop oder Dance handelt. Die Popkomm-Nabelschau Frankreichs offenbarte aber auf jeden Fall die große Vielfalt und das sichere Gespür für Melodien innerhalb der dortigen Pop-Szene.


