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Jungbusch Hafenstraße 66 - das kurzzeitig besetzte Haus © Daniel Nagel

Mit der kurzzeitigen Besetzung des Gebäudes in der Hafenstraße 66 setzen die Aktivisten ein deutliches Signal an die Stadt Mannheim: Um die voranschreitende Verdrängung langjähriger Bewohner des Jungbuschs zu stoppen, muss bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden.

Kneipenviertel und Mekka für Kulturschaffende: Seit einigen Jahren hat sich der Mannheimer Stadtteil Jungbusch als Kultur- und Szeneviertel etabliert, vor allem dank Institutionen wie der Popakademie, dem Musikpark und dem Kreativwirtschaftszentrum C-HUB. Die kulturelle Aufwertung führte unweigerlich zu einer Attraktivitätssteigerung des Wohnraums, die vor allem für zahlungskräftige Mieter zugeschnitten ist.

Mehrere Investoren, darunter auch die Immobiliengruppe Hildebrandt & Hees, kaufen Gebäude, die sie nach der Modernisierung für teures Geld vermieten. Vormalige Bewohner, die sich die erhöten Mieten nicht leisten können, werden daduch verdrängt: Gentrifizierung, wie sie im Buche steht.

Aktueller denn je

Dieser Prozess ist natürlich nicht erst seit gestern im Jungbusch zu beobachten. Auffällig ist nur, dass die Gentrifizierung an Geschwindigkeit zugelegt hat.

Kardes Stehcafé und Kiosk in der Beilstraße erhielt kürzlich nach Aufkauf des Hauses durch einen Investor eine Kündigung. Auch andere Restaurants und Kneipen sollen in ähnlicher Weise betroffen sein. 

Ungerechtfertigte Schuldzuweisungen

Die Besetzung der Hafenstraße 66, einem leer stehenden Haus im Besitz der Stadt Mannheim, durch einige Aktivisten des Bündnisses "Wem gehört die Stadt?" am Samstag, ist als Protest gegen diese Entwicklung zu verstehen. Die Aktivisten kritisierten allerdings auch die im direkt gegenüberliegenden C-HUB ansässigen Kulturschaffenden, die von den Besetzern fälschlicherweise als Verursacher des Verdrängungsprozesses angesehen werden. Grund für den Vorwurf ist die geplante Nutzung des Gebäudes in der Hafenstraße 66 als weiteres städtisches Gründungszentrum.

Dabei sind es jedoch gerade die Kreativen und Kulturschaffenden, die Ende der 1980er den Grundstein für die Lebendigkeit und die kulturelle Diversität im Jungbusch gelegt haben. Auch sie haben einen Bedarf an günstigem Wohnraum, worauf Frank Zumbruch, Leiter der Creative Commission in einem Facebook-Post hinweist.

Es ist daher von enormer Wichtigkeit, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen und ihre Forderungen mit der Stadt Mannheim koordinieren.

Die Stadt Mannheim ist in der Pflicht

"Die Stadt Mannheim steht ganz besonders dann in der Pflicht, wenn sie Eigentümerin eines Hauses ist. Die Besetzung verstehen wir als kurzzeitige Erinnerungsaktion an die Verantwortung der Stadt, für preisgünstigen Wohnraum zu sorgen.", so Clara Weißenfels, Vorstandssprecherin der Mannheimer Grünen. David Helwig, Co-Vorstandssprecher der Mannheimer Grünen geht noch einen Schritt weiter: "Der von der Stadt Mannheim eingeschlagene Weg, Immobilien aufzukaufen, zu sanieren und preisgünstiges Wohnen zu ermöglichen, ist richtig und muss fortgesetzt werden."

Florian Kling von der SPD Innenstadt/Jungbusch erklärte: "Alle Beteiligten waren sehr friedlich und an einer konstruktiven Lösung interessiert. Das zeigt, dass es hier auch Potenzial für weitere Gespräche gibt. Die verschiedenen Akteure und Initiativen sollten an einer weiteren Vernetzung mit den Institutionen im Stadtteil arbeiten, sodass wir dann gemeinsam für die Menschen im Jungbusch etwas Positives bewegen können." 

Die Diskussion um den voranschreitenden Wandel im Jungbusch bleibt spannend. Von größter Wichtigkeit ist der Dialog mit den Bewohnern und den verschiedenen Akteuren, damit bezahlbarer Wohnraum bestehen bleibt oder geschaffen wird. Nur auf diesem Weg kann die Diversität des Stadtteils und somit die Seele des Jungbusch langfristig erhalten werden.

Update, 08.08.2017: Die Stadt hat den Aktivisten Unterstützung bei der Erarbeitung eines Konzepts von Mietsyndicats-Häusern und anderen gemeinschaftlichen Wohnformen zugesagt. Die Stadtverwaltung wird eine Wohnraumnutzung der Hafenstraße 66 nochmals prüfen. Die Entscheidung trifft der Gemeinderat.

Die Vertreter des Bündisses WGDS begrüßten in einer Stellungnahme diese Entwicklung: "Als stadtpolitisches Bündnis ist es uns wichtig, dass dort Wohnraum für Menschen entsteht, die Interesse am Stadtteil haben und diesen in seiner Vielfalt repräsentieren sowie erhalten wollen. Diesen Prozess haben wir am Wochenende angestoßen und werden ihn unabhängig davon, ob wir selber dort einziehen, weiter begleiten."

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