Das With Full Force lässt "eine der umstrittensten Bands des Streetpunk-Sektors" (Ankündigung des Festivals) auftreten: Frei.Wild. Die ersten Sponsoren sind bereits abgesprungen.

Das With Full Force lässt "eine der umstrittensten Bands des Streetpunk-Sektors" (Ankündigung des Festivals) auftreten: Frei.Wild. Die ersten Sponsoren sind bereits abgesprungen. © With Full Force

Die Einladung der aus Südtirol stammenden Deutschrock-Band Frei.Wild hat für das With Full Force-Festival Konsequenzen: Medienpartner wie Visions und Festivalguide lassen die Zusammenarbeit ruhen und Sponsoren wie Jägermeister stellen ihre Aktivitäten ein.

Die Kontroverse um die Südtiroler Band Frei.Wild geht in eine neue Runde. Nachdem das With Full Force-Festival die Band ins diesjährige Line-Up aufgenommen hat, zog sich das Musikmagazin VISIONS aus der Präsentation des Festivals zurück und auch die Redaktion von Festivalguide ließ die Zusammenarbeit vorerst ruhen. Auch bei Sponsoren macht sich Unruhe breit. So kündigte Jägermeister auf der unternehmenseigenen Facebook-Seite an, seine Sponsoring-Aktivitäten einzustellen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Frei.Wild für Kontroversen sorgen, wir haben darüber in der Vergangenheit bereits berichtet.

Trotz ihrer plakativen Texte bedienen Frei.Wild rechtsnationales Gedankengut auf eher subtile Weise. Es ist das Gesamtbild aus martialischem Auftreten, Gewaltbereitschaft, Verfolgungswahn, pathetischer Sprache, dem Glauben an eine überlegene Moral, Gemeinschaft und Zusammenhalt, die erst im Gesamtbild so richtig unangenehm wirken.

Sentimentale Gemeinschaft

Wenn man sich die Musik von Frei.Wild anhört, dann überrascht aber deren ausgesprochene Sentimentalität. Manche Texte könnten mit leichten Veränderungen von Schlager- oder Volksmusik-Interpreten stammen. Andere Lieder beschwören voller Pathos die Freundschaft an sich oder besonders die Verbundenheit zwischen Band und Fans.

Auf diese Weise erzeugen Frei.Wild ein enges, intensives Band, das durch Kontroversen und so erlebte Ausgrenzung eher noch verstärkt als geschwächt wird. Die als ungerecht empfundenen Angriffe von außen stärken diese "gefühlte Gemeinschaft". Man steht allein heldenhaft im Kampf gegen einen übermächtigen Feind.

Bequeme Opferrolle

Diese Haltung kann man nur verstehen, wenn man zwei Aspekte berücksichtigt. Zum einen ist rechtsnationales oder rechtsextremistisches Gedankengut im österreichisch-südtiroler Sprachraum weitaus akzeptierter als in Deutschland.

Anders als hierzulande blieb die Auseinandersetzung mit den von Deutschen (und Österreichern!) im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen in Österreich immer oberflächlich und machte bald einer bequemen Opferrolle Platz. Die heutigen Wahlerfolge offen rassistischer und antisemitischer Parteien wie der FPÖ künden davon.

Dieses Weltbild findet seine Entsprechung in Südtirol, kulturell und sprachlich noch immer eng mit Österreich verbunden. Die Abtrennung von Österreich nach dem Ersten Weltkrieg als Belohnung für den Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Alliierten wird dort noch immer als Unrecht empfunden. Auf der anderen Seite ist Südtirol nur ein kleiner Teil Italiens und die deutschsprachige Minderheit dort in einer eklatanten Minderheitenposition.

Ein willkommenes Bedrohungsszenario

Die Musik von Frei.Wild lebt sehr aus dieser Perspektive der Bedrohung. Ganz besonders deutlich wird dies im Video des Songs Wahre Werte, das Südtiroler Patriotismus beschwört, um in gewohnter Sentimentalität zu verkünden: "Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat, Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk". Gemeint ist das Südtiroler Volk, das sich der (angeblichen) Gefahr der Italienisierung zu erwehren hat.

Mögen Frei.Wild auch die Wichtigkeit der Südtiroler Perspektive noch so sehr betonen, so lassen sich diese Gedanken leicht auch auf Deutschland anwenden, auf das gar nicht so kleine deutsche Volk, das dann angeblich auch bedroht ist – durch Ausländer, Migranten, faule Südeuropäer und andere Hirngespinnste. Kein Wunder, dass mancher NPD-Demagoge beim Gedanken an Frei.Wild glänzende Augen bekommt.

Vereinnahmung erwünscht

Die Band selbst begünstigt mit ihrer Passivität die Vereinnahmung ihrer Texte und Musik. Sogar die Perspektive der eigenen Bedrohung lässt sich unter diesen Umständen leicht zur Bedrohung anderer verwenden. Feinde und Gegner allerorten, wir die Aufrechten gegen den Rest der Welt, der uns nur missversteht.

Aber so ist es nicht. Frei.Wild selbst liefern diese Interpretation frei ins Haus. Der Unterschied zwischen Südtirol und Deutschland besteht aber darin, dass ihr einfältiger heimatlicher Nationalstolz hierzulande nicht einfach hingenommen werden kann. Zu schrecklich waren die Erfahrungen eines enthemmten Nationalismus, zu furchtbar die in deutschem Namen begangenen Verbrechen.

Deutschland hat nämlich in den Jahren 1933 bis 1945 die Erfahrung mit einer Perspektive gemacht, die im Judentum den Feind erkannte, der überall am Wirken war. Das Ergebnis war ein furchtbarer Krieg mit Millionen Toten und dem grausamsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte: dem Holocaust.

Ein lukratives Spiel mit dem Feuer

Frei.Wild spielen nicht mit dem Feuer, sie profitieren von seiner zerstörerischen Kraft. Es mag der bequeme Weg sein, sich selbst als Märtyrer zu stilsieren und die imaginäre Gemeinschaft zwischen Fans und Band zu beschwören. Lukrativ ist es allemal, zumal die jugendlichen oder jungen Anhänger sich selbst durch schnödes Geldausgeben so richtig als Rebellen fühlen können – von den begeistert mitgrölenden Nazis ganz zu schweigen.

Demonstrative Maßnahmen allein werden dieses Problem nicht lösen können, so verständlich, nachvollziehbar und richtig sie auch sind. Frei.Wild haben selbst die Verantwortung für ihr Auftreten und ihre Fans. Sie selbst müssen entscheiden, was sie ihnen vermitteln wollen: möchten sie rechtsnationales Gedankengut verbreiten oder sich für Toleranz und Pluralismus aussprechen?

Dafür müssen sie weitaus mehr leisten, als sie bisher getan haben.

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