Wenn man eine Pressemitteilung liest, die mit der Überschrift "New York/Gütersloh" beginnt, dann hat man das skurile Gefühl, dass da irgendetwas nicht zusammenpassen will. In diesem Fall hat aber alles seine Richtigkeit, denn in Gütersloh sitzt mit der Bertelsman AG eines der weltweit größten und mächtigsten Medienunternehmen der Welt, das allein in den USA inzwischen marktanteilig führender Direktanbieter für Film, Musik und Bücher ist. Direkter Konkurrent war bis 2004 die Sony Music Corporation, die zwar eigentlich aus Japan stammt, aber – globalisierte Wirtschaft sei Dank – einen Hauptsitz in New York ihr Eigen nennt, genauer gesagt, das Sony Buildung an der 550 Madison Avenue.
So wächst hier zusammen, was nicht zusammen gehören will und das beschauliche Gütersloh rückt wieder ein Stück näher in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Wagen wir an dieser Stelle eine kleine historische Rückblende: Im Jahre 1835 gründet ein Buchhändler namens Carl Bertelsmann im beschaulichen Gütersloh eine Druckerei und kümmerte sich so fortlebens um eine Erweiterung der Firma – vor allem durch Zukäufe benachbarter Druckereien. Der damals eingeschlagene Trend zur Expansion hält bis heute an und so wuchs das ab 1971 an der Börse notierte Unternehmen, unmerklich aber unaufhaltsam, zu einem globalen Konzern, einem der größten weltweit agierenden Medienplayer und Verlagskonzerne. Die Firmenpolitik Bertelsmanns hat sich dabei bis heute nicht verändert – Rendite und Wachstum sind und bleiben erklärtes Ziel. So waren auch am Anfang der 70er Jahre die Strategen der Firma auf weitere Expansionsmöglichkeiten bedacht, am besten auf neue und gewinnbringende Marktfelder.
Gesucht und gefunden wurde die eierlegende Wollmilchsau in Form einer Nischenbranche, die aber bereits Anfang der 60er Jahre ein zukünftiges Potential als Massenmarkt zeigte und bei geringem Risiko große Gewinne versprach. Die Rede ist, richtig geraten, vom Musikmarkt. Der strategische Einstieg erfolgte schon fast zu spät: 1979 kaufte Bertelsmann die Traditionslabel Arista und RCA, sowie das Verlagshaus Doubleday. Nach diesem ersten Schritt entschied man, das zukünftige Geschäftsfeld firmenintern neu zu ordnen: Die Bertelsmann Music Group (kurz BMG) war geboren. Man war auf den Zug gerade noch rechtzeitig aufgesprungen und so erlebte man die goldenen Zeiten der 90er Jahre. Das Wachstum schien unbegrenzt und die Branche reagierte euphorisch auf die neuen Möglichkeiten durch die Einführung digitaler Medien. Nie zuvor wurden so schnell so hohe Gewinne verzeichnet wie durch den Verkauf von Musik auf den neuen Datenträgern CD und (später) DVD: Heureka – eine Goldgrube!
2002 war die BMG durch weitere Zukäufe bereits zur weltweit drittgrößten Verlagsgruppe mit über 550 Beschäftigten aufgestiegen, doch die Ziele waren im Angesicht unwirklicher Gewinnmargen noch höher gesteckt. Nur zwei Jahre später reichten sich die beiden Global Player Sony und BMG die Hände. An allen Kartellinstanzen vorbei schlossen sich hier eines der weltweit größten Majorlabel mit einer der größten Verlagsgruppen zusammen, um so einen gigantischen Konzern zu erschaffen, ein wahres Monster, das plötzlich einen 25%igen Marktanteil für sich verbuchen konnte. Um die schiere Größe zu veranschaulichen, seien hier nur einige der angeschlossenen Sublabels genannt: Arista, Ariola, Jive Records, RCA, Zomba, Columbia, Epic, ersguterjunge ...
Eine kurze Liebesgeschichte
Bertelsmann war und ist ein Unternehmen, das sich in keinster Weise darauf konzentriert, Kunst oder Musik zu fördern. Bertelsmann ist ein Medien– und Wirtschaftsmogul, bei dem es in der Natur der Firma liegt, größtmögliche Renditen in Jahresendbilanzen vorweisen zu können. Dass die Verlagsgruppe daher schon drei Jahre nach der Gründung von Sony BMG verzweifelte Verkaufsversuche an Vivendi startete, ist ein deutlicher Indikator und böses Vorzeichen für die Musikbranche gewesen. Insider sprechen von einer möglichen Ablösesumme in Höhe von 1,63 Milliarden Euro. Der Verkauf wurde letzlich von Kartellämtern unterbunden, aber das Signal war gegeben, der Entschluss von Bertelsmann gefasst: Raus aus der Sparte – Schadensbegrenzung. Immerhin brach der globale Absatzmarkt schlagartig in sich zusammen, 2008 um weitere sechs Prozent. Insgesamt setzt die Branche (nur) noch 29,9 Milliarden Dollar um, 2000 waren es noch rund 40 Milliarden. Folgerichtig kam jetzt, am 5. August, die offizielle Pressemitteilung zur Auflösung des Joint–Ventures, die Anteile würden (aus Mangel an Interessenten) ganzheitlich an Sony verkauft. Zu welchen Konditionen die Japaner auf diesen Deal eingehen bleibt unbeantwortet, auch ob und mit welchen Verlusten Bertelsmann zu kämpfen hat. Sicher ist nur, dass Sony jetzt alleine versuchen muss, den angeschlagenen Zustand des Majorlabels irgendwie zu richten.
Für den Endkunden stellt sich im Angesicht solcher Neuigkeiten eigentlich nur die Frage, inwieweit die Musik selbst in dieser Branche überhaupt noch von Relevanz ist, oder ob diese doch nur noch als Produktpalette taugt, und ob wir lediglich als Konsumenten oder auch als Musikliebhaber betrachtet werden. Anders formuliert: Man darf sich durchaus fragen, ob der vernetzte, globale, profitorientierte Musikmarkt, die durch seine Geschäftspraktiken selbst verantwortete Entwertung von Kunst nun dadurch zu spüren bekommt, dass der geliebte Endverbraucher in Form jugendlicher Filesharer sich seine Musik lieber runterlädt als dafür zu bezahlen und somit das Unheil zum Verursacher zurück findet. Nicht zu vergessen ist, dass wir hier von einer Branche reden, in der es nicht unüblich war, dass selbst kleine Fische sich mit schnellen Sportwagen ausstaffierten und nicht mehr Qualität, sondern schnelle Produktion und Masse Hauptaugenmerk sind. Wir reden von einer Branche, in der zwar in Vorreiterrolle die CD als innovatives Vertriebsmittel eingeführt wurde, das aber nur, um schneller, kompakter und günstiger produzieren zu können. Die echte digitale Erweiterung von Musik in Form neuer Formate wurde dagegen mit weit geöffneten Augen verschlafen. Wir reden von einer Branche, in der Musik so gut wie ausschließlich als ein Mittel zum Zweck verstanden wird, oft als ein Gedudel, das wertefrei im Hintergrund zu laufen hat, im Supermarkt, im Radio, selbst im Auto auf der gekauften CD. Je weniger Inhalt, je schneller ist das Produkt verbraucht, desto schneller wird neu gekauft. So die Kalkulation.
Dass auf dem Weg irgendwas schief gelaufen ist, weiß die Branche. Dass sie Entwicklungen verschlafen hat, wohl auch. Das Eingeständnis dieses Fehlers wäre aber gleichbedeutend mit einer Absage an gewohnte Standards, sowohl bezogen auf Umsätze, als auch auf branchenübliche Gehälter. Sie reagiert stattdessen panisch, verschickt Massenklagen gegen potentielle Filesharer, gängelt mit Kopierschutzsystemen den Plattenkäufer, probiert digitales Rechtemanagement im Freiversuch – bisher alles nur Symptombekämpfung. Die Wirkung bleibt aus. Und wer kann, verlässt das sinkende Schiff solange es noch geht. Wie Bertelsmann.
Die gute Nachricht zum Schluss
Bertelsmann wäre aber nicht Bertelsmann, wenn es aus einer vermeintlichen Pleite nicht auch einen Profit ziehen würden. So wurde unlängst ein neues Geschäftsfeld aufgestoßen: Der Pressesprecher des Hauses ließ verlauten, die Bertelsmann Music Group richte sich jetzt auf das Management von Musikrechten neu aus, sprich: (dem) "Aufbau einer Lizensierungs- und Verwaltungsplattform für die Wahrnehmung und Vermarktung von Musikrechten...". Damit auch in Zukunft verklagt werden kann. Leichenfledderei im Musikbusiness der Global Player.
Bittere Zukunftsmusik.
Quellen: suc/dpa/ddp/AP/Reuters

