Erdmann Lange (links) übergibt den Preis der Jury AG Kino bei der Berlinale 2018 an Regisseur Thomas Stuber. Ganz rechts Jury AG Mitglied Dominique Henz. Fotostrecke starten

Erdmann Lange (links) übergibt den Preis der Jury AG Kino bei der Berlinale 2018 an Regisseur Thomas Stuber. Ganz rechts Jury AG Mitglied Dominique Henz. © AG Kino Gilde

Seit 15 Jahren ist Erdmann Lange Programmleiter der Atlantis- und Odeon-Kinos in Mannheim. Wir sprachen mit ihm über die ungebrochene Faszination des Kinos, die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Kinobetrieb und die Film- und Kinoszene in der Rhein-Neckar-Region.

regioactive.de: Was ist genau deine Position innerhalb der Atlantis- und des Odeon-Kinos in Mannheim?

Erdmann Lange: Ich bin Programmleiter und Marketingleiter der Atlantis-Filmtheaterbetriebsgesellschaft. Geschäftsführer und Inhaber des Unternehmens ist Dr. Hans Laumann.

regioactive.de: Wie wurdest du Programmleiter?

Erdmann Lange: Ich bin in die ganze Branche als Student und als semiprofessioneller Musiker hineingewachsen. Ende der 1990er war ich viel mit meiner eigenen Band unterwegs. Wir hatten ca. 50 oder 60 Liveautritte im Jahr, aber es hat nie richtig zum Leben gereicht. Daher habe ich mir ein zweites Standbein gesucht und mich als Student beworben. Zunächst habe ich an der Bar gearbeitet, dann die Gastroleitung übernommen und wurde schließlich die rechte Hand von Michael Spiegel, dem damaligen Programmverantwortlichen. Als er 2004 aufgehört hat, wurde ich sein Nachfolger. Das heißt ich mache den Job schon seit 15 Jahren.

regioactive.de: Du hast wahrscheinlich mit deinem Kinowissen die Verantwortlichen beeindruckt. Warst du schon als Jugendlicher ein großer Kinofan?

Erdmann Lange: Ich glaube nicht, dass mein Wissen Michael Spiegel, von dem ich alles über die Kinobranche gelernt habe, großartig beeindruckt hat. Eine gewisse Affinität zu Literatur und Musik hatte ich allerdings bereits als Kind. Cineastisch sozialisiert hat mich die Schauburg in Karlsruhe. Dort entdeckte ich mit 17 Jahren das Arthouse-Kino für mich. Ohne die Affinität zu Filmen abseits des Mainstreams hätte ich mich im Atlantis nicht beworben. Ich wusste schon, welche Art von Kino mich erwarten würde. Alles andere ist learning by doing.

regioactive.de: Was findest du an deinem Beruf besonders reizvoll?

Erdmann Lange: Beim Kino geht es um die Konfronation mit neuen Dingen und den Willen, sich über zwei Stunden darauf einzulassen. Auch wenn einem ein Film nicht auf Anhieb gefällt, ist es oft besser, nicht gleich davonzulaufen. Mir gefällt an meinem Beruf, dass ich sozusagen gezwungen bin, neue Dinge zu entdecken. Manchmal sitze ich im Saal und habe eigentlich keine Lust, mir eine französische Komödie oder eine Doku über den tibetischen Buddhismus anzusehen. Aber selbst wenn ich mir einen Film nur deshalb angesehen habe, um herauszufinden, ob der Film etwa für eine neue Reihe in meinem Kino geeignet ist, dann fühle ich mich hinterher dennoch fast jedes Mal bereichert. Diese Konfrontation finde ich sehr reizvoll.

regioactive.de: Was hat sich in der Programmgestaltung seit damals verändert?

Erdmann Lange: Die Zahl der Filme, die wir auf den drei Leinwänden im Atlantis und Odeon pro Jahr zeigen, hat sich vervierfacht oder verfünffacht. Die Verweildauer der Filme auf den Leinwänden ist im Gegenzug deutlich gesunken. Als das Atlantis in den 80er-Jahren eröffnet wurde, liefen Filme zum Teil mehrere Monate. Solche Fälle gibt es kaum noch. Die meisten Filme sind eigentlich nach drei bis fünf Wochen weitgehend ausgewertet. Dann gehen die Besucherzahlen zurück und neue Filme drängen nach. Das ist eine Folge der Digitalisierung, ähnlich wie in der Musikbranche.

regioactive.de: Das betrifft aber nicht nur das Arthouse-Kino?

Erdmann Lange: Selbst die großen Blockbuster wie Star Wars und Avengers müssen an zwei oder drei Wochenenden ihr Geld einspielen. Die Marketingkampagnen sind daher darauf ausgerichtet, die Besucher in den ersten drei Wochen ins Kino zu locken. Um mit den engen Zeitfenstern zurechtzukommen, starten viele Filme weltweit zeitgleich. Nach vier Wochen sind die Filme ohnehin überall im Netz verfügbar. Raubkopien sind für Arthouse-Kinos zum Glück kein so großes Problem. 

regioactive.de: Wie würdest du die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Filmemachen beschreiben?

Erdmann Lange: Die Digitalisierung hat zu einer Demokratisierung der Produktionsmittel geführt. Man kann heute mit sehr kleinem Budget Filme selber drehen und auch ins Kino bringen. Die großen Verleiher und großen Strukturen sind nicht mehr unbedingt nötig. Dadurch stieg das Angebot an Filmen stark an und all diese Filme teilen sich ein und denselben Markt. Als Kinomacher, der versucht ein gutes Programm zu kuratieren, bin ich sozusagen der Filter, um das passende Material für mein Publikum zu wählen. In den letzten Jahren ist es immer wichtiger geworden, gut auszuwählen und in der Flut nicht unterzugehen.

regioactive.de: Wie bewerkstelligst du das?

Erdmann Lange: Indem ich mein Publikum möglichst gut kenne. Es ist bekannt, dass das Publikum von Arthouse-Kinos höher gebildet und älter ist als die Zuschauer in den Multiplexen. Darüber hinaus gibt es aber auch sehr starke lokale Unterschiede. Mannheim ist ein komplett anderer Standort als Freiburg oder Heidelberg. Heidelberg ist eine geisteswissenschaftlich geprägte Universitätsstadt, Mannheim hingegen historisch betrachtet eine Industrie- und Arbeiterstadt mit höherem Migrantenanteil. In Mannheim hat es "klassisches" Arthouse-Kino, das sich an das Bildungsbürgertum richtet schwerer als in Universitätsstädten wie Heidelberg, Tübingen oder Freiburg.

regioactive.de: Wie zeigt sich diese unterschiedliche Bevölkerungszusammensetzung im Programm?

Erdmann Lange: Wenn ich einen Film zeige, der ein bildungsbürgerliches Publikum anspricht, dann kann das Gloria in Heidelberg möglicherweise mit der doppelten Besucherzahl rechnen. Entsprechend weniger Raum nimmt ein solcher Film bei mir im Programm ein. Auf der anderen Seite entsteht Raum, den ich an anderweitig bespielen muss. Das mache ich mit Sonderveranstaltungen, beispielsweise der Surf-Film-Nacht, die bereits zweimal mit Erfolg stattgefunden hat. Es gibt durchaus ein alternatives Publikum, das solche Events schätzt, was in einer betulichen Bürgerstadt weniger der Fall wäre.

regioactive.de: Du musst dich breiter aufstellen?

Erdmann Lange: Ich kann und ich muss eine große Vielfalt anbieten. Es gibt Wochen, in denen ich auf den drei Leinwänden 16 oder 17 verschiedene Filme zeige. Manche in einer täglichen Schiene, manche auch nur punktuell mit ein bis drei Vorstellungen.

regioactive.de.: Kannst du noch ein Beispiel für Sonderveranstaltungen nennen?

Erdmann Lange: Neulich gab es eine Kooperation mit der Popakademie zum Thema Musik und Film: "The Look of Sound". Daran haben wir uns dieses Jahr zum ersten Mal beteiligt und werden das auch in den kommenden Jahren tun. Generell machen wir viele Veranstaltungen mit Musik. Wir kooperieren zum Beispiel auch mit dem lesen.hören-Festival, mit dem Nationaltheater oder mit Enjoy Jazz. Musik als Thema ist in der Region wichtig, darum gibt es logischerweise Anknüpfungspunkte.

regioactive.de: Werden das Odeon und Atlantis öffentlich gefördert?

Erdmann Lange: Wir erhalten keine öffentliche Förderung wie ein kommunales Kino. Wir bewerben uns aber für Kinoprogrammpreise. Dazu müssen wir minutiös belegen, dass wir ein qualitativ gutes oder sehr gutes Programm gemacht haben. Auf Landes- und Bundesebene gibt es verschiedene Preise zu gewinnen, die wir auch relativ regelmäßig erhalten. Zweimal wurden wir mit dem Spitzenpreis in Baden-Württemberg ausgezeichnet, einmal davon unter meiner Ägide, worauf ich ein wenig stolz bin. Diese Mittel sind aber tatsächlich wichtig für uns.

regioactive.de: Eine Zeit lang war in Bezug auf das Odeon die Frage offen, wie es mit den Mietverträgen weitergeht.

Erdmann Lange: Das hat sich positiv entwickelt. Unter anderem liegt das auch an den neuen Eigentümern, denen die Immobilie samt Hinterhaus inzwischen gehört. Sie haben ein ernsthaftes Interesse daran, das Kino und auch die Kneipe daneben zu erhalten, weil sie nicht möchten, dass dort eine neue Spielhalle oder ein neuer Supermarkt entsteht. Damit wollen sie verhindern, dass sich das Viertel in eine falsche Richtung entwickelt. Wir finden das sehr lobenswert in Zeiten, in denen viele Eigentümer nur noch auf Rendite aus sind.

regioactive.de: Du sprachst von den Kinobetreibern in anderen Städten als Kollegen. Gibt es einen Austausch über die Kinoprogramme?

Erdmann Lange: Es gibt verschiedene Formen des Austauschs. Es gibt die AG Kino, sozusagen der deutsche Programmkinoverband. Außerdem existieren gemeinsame Branchenveranstaltungen, zum Beispiel im Rahmen der Filmkunstmesse in Leipzig, die der Verband selber organisiert. Dort können Kinobetreiber Filme sichten und sich darüber austauschen.

regioactive.de: Du wurdest bei der Berlinale 2018 in eine Jury berufen, die aus Sicht von Kinobetreibern Filme mit Publikumspotential auswählte und prämierte. Wie läuft so etwas ab?

Erdmann Lange: Ich halte es für sehr wichtig, dass es solche Kinobetreiber-Jurys auf großen Festivals gibt. Ich war nicht nur für AG Kino dieses Jahr in Berlin, sondern habe für den europäischen Programmkinoverband CICAE mehrfach an solchen Jurys teilgenommen. Kritiker-Jurys oder solche, die mit Filmemachern oder Schauspielern besetzt sind, verlieren manchmal den Zuschauer aus dem Blick, was auch der Berlinale gerne vorgeworfen wird. Die Kinobetreiber-Jurys haben aus Eigeninteresse ein größeres Augenmerk darauf, welche Filme im Kino für den normalen Besucher tauglich sind. Es lassen sich durchaus Filme finden, die eine eigene Sprache sprechen, über künstlerische und handwerkliche Qualität verfügen und dennoch offen sind für den Blick eines Zuschauers ohne Studium der Filmwissenschaften. Voraussetzung ist, dass der Zuschauer sich mit einer gewissen Neugierde darauf einlässt.

regioactive.de: Wie viele Filme habt ihr euch angesehen?

Erdmann Lange: Wir haben uns den kompletten Berlinale-Wettbewerb angesehen, der in diesem Jahr aus 19 Filmen bestand. Danach haben wir uns sehr schnell auf eine Auswahl von zwei oder drei Filmen geeinigt. Wir hatten verabredet, dass wir zwischendurch auch nicht über die Filme diskutieren, sondern dass jeder alles sichtet und seine Notizen macht. Zum Schluss trafen wir uns zu einer Jurysitzung, in der wir alles zusammengeworfen, diskutiert und uns auf eine engere Auswahl geeinigt haben. Es war schnell zu spüren, dass Kinobetreiber, die jeden Tag mit Besuchern zu tun haben, halbwegs auf einer Wellenlänge agieren, auch wenn es natürlich persönliche Geschmacksunterschiede gibt.

regioactive.de: Wie wichtig sind diese Netzwerke, über die wir gesprochen haben und die durch die Digitalisierung ja sehr viel einfacher zu knüpfen geworden sind.

Erdmann Lange: Netzwerke wie Europa Cinemas oder national die AG Kino waren extrem wichtig, als es darum ging die Digitalisierung zu bewältigen. Die kleinen Kinos standen vor dem Problem, dass sie horrende Investitionen tätigen mussten, weil die 35mm-Technik an ihrem Ende war. Alle Leinwände umzurüsten, hat Kosten verursacht, die ohne Netzwerke ein massives Kinosterben ausgelöst hätten. Durch die Verbandsarbeit hatten wir eine Lobby, die sich auf Landes- und Bundesebene für Programme eingesetzt hat, die günstige Darlehen und Fördermittel für Kinos bereitgestellt haben.

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regioactive.de: Was genau musste finanziert werden?

Erdmann Lange: Die Digitalisierung bedeutet für jede einzelne Leinwand immense Investitionskosten für die Anschaffung und Wartung neuer Projektoren und Server. Dazu mussten Klimatisierung und Lüftung der Vorführräume verbessert werden. Das war eine heftige Übergangszeit, die wir ohne Netzwerke und Verbandsarbeit so nicht bewältigt hätten. Das ist nicht überall in Europa gelungen. In manchen osteuropäischen Ländern, wo die nötigen politischen Strukturen fehlen, sind viele Leinwände verlorengegangen. So gibt es Länder wie Rumänien, die regelmäßig renommierte Regisseure nach Cannes schicken, aber kein einziges Arthouse-Kino mehr haben. Dort unterhalten die Regisseure teilweise mobile Kinos, um ihre eigenen Filme überhaupt in der Fläche zeigen zu können.

regioactive.de: Wie haben Atlantis und Odeon den Sprung in die Digitalisierung vollzogen?

Erdmann Lange: Wie viele andere Kinos auch, mit der Unterstützung der Landesfilmförderung MFG in Baden-Württemberg, der Filmförderanstalt FFA des Bundes und auch mit Mitteln der EU. Schon jetzt gibt es Überlegungen, was in drei Jahren geschieht, wenn alle Server und Projektoren ersetzt oder aufgerüstet werden müssen. Bei den 35mm-Projektoren stammten die Kernmaschinen trotz aller Aufrüstungen zum Teil aus den fünfziger Jahren. Die grundlegende Technologie war uralt und hat stabil funktioniert. Mit den jetzigen Maschinen ist das nicht mehr so. Du kannst auch deinen Laptop nach zwanzig Jahren nicht mehr benutzen.

regioactive.de: Wie hoch sind die Kosten für eine solche Maschine?

Erdmann Lange: Pro Saal fielen um die 80.000 Euro an. Dazu kamen oft Umbaukosten, Nebenkosten für Kühlung der Server etc. Du kannst nicht zur Sparkasse gehen und beispielsweise als kleines Kino mit jährlich 15.000 Besuchern einen Kredit über 100.000 Euro erhalten. Am freien Markt ist das nicht finanzierbar.

regioactive.de: Schaut man sich die Mannheimer Kinolandschaft an, dann existieren neben dem kommunalen Kino Cinema Quadrat zwei große Multiplexe in der Innenstadt. Das eine der beiden geht auch ein bisschen in die Arthouse-Richtung. Dadurch gibt es einen direkten Großkonkurrenten vor Ort. Wie behauptet ihr euch dort?

Erdmann Lange: Früher haben sich die beiden Multiplexe gegenseitig Konkurrenz gemacht. Seitdem sie aber beide unter der Leitung der Filmtheaterbetriebe Spickert sind, ist das Phänomen entstanden, das du eben beschrieben hast. Im Cinemaxx laufen verstärkt Blockbuster und US-Mainstreamfilme und das Cineplex hat sich mehr auf Familienunterhaltung und Crossover-Filme spezialisiert, also Filme in der Schnittstelle zwischen Arthouse und Mainstream. Das war für uns zu Beginn der 2000er durchaus problematisch, weil wir mit dem Atlantis durchaus über einen großen Saal verfügen. Früher war es gang und gäbe, dass wir die aktuellen Filme von Woody Allen, Roman Polanski oder Quentin Tarantino gezeigt haben, und zwar exklusiv in Mannheim. Diese etwas größeren Filme haben es uns ermöglicht, zehn kleinere zu zeigen, die weniger Geld einbringen. Seit dem Wandel des Cineplex sind diese größeren Filme oft mit zwei Kopien in Mannheim zu sehen – somit kein Alleinstellungsmerkmal und nicht mehr so ergiebig für uns.

regioactive.de: Wie habt ihr darauf reagiert?

Erdmann Lange: Das war eine gravierende Entwicklung, die mein Vorgänger Michael Spiegel gegen Ende seiner Zeit noch zu bewältigen hatte. Auf acht Leinwänden kann man den Verleihern mehr Vorstellungen anbieten als wir nur auf dreien. Dadurch kamen viele Verleiher ins Grübeln, wem sie den Film geben sollten. Der Besuchereinbruch hat sich nach einer Zeit aber wieder eingependelt. Es hat sich herausgestellt, dass die wirklich arthouse-affinen Zuschauer ein anderes Ambiente wollen und gerne in unsere Häuser kommen. Die Verleiher haben irgendwann auch gemerkt, dass ein Multiplex zwar mehr Vorstellungen am Tag anbieten kann, aber am Ende der Woche dadurch nicht unbedingt mehr Besucher zusammenkommen. Wir konnten daher einige Verleiher mit der Zeit davon überzeugen, dass bestimmte Filme nach wie vor bei uns besser aufgehoben sind als im Multiplex. Insoweit hat sich die direkte Konkurrenzsituation mit der Zeit wieder entschärft.

regioactive.de.: Wie ist die Situation heute?

Erdmann Lange: Heute setzt das Cineplex nach meiner Wahrnehmung viel stärker auf Family-Entertainment mit Hilfe der vielen Animations- und 3D-Filme. Dadurch haben sie unserem täglichen Kinderkino das Wasser abgegraben – das muss man einfach zugeben. Das gibt es jetzt schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Die Kinderfilmklassiker in unserem Programm wollte einfach keiner mehr sehen, auch wenn es fünfmal so teuer ist, sich einen 3D-Film im Multiplex anzuschauen. Da sind die Familien nicht wirklich preissensibel.

regioactive.de: Wie sieht es denn beim Ausgehverhalten aus? Es hat sich schließlich nicht nur die Branche, sondern auch das Besucherverhalten geändert.

Erdmann Lange: Das hängt mit der Altersstruktur zusammen. Im Arthouse-Bereich werden der Sonntag und die frühen Uhrzeiten immer stärker. Die Sonntagsmatinée um 11 Uhr ist eine der am stärksten besuchten Vorstellungen. Auch die frühen Zeiten am Samstag- oder Sonntagnachmittag, 14, 15 oder 16 Uhr, sind bei einem älteren, bürgerlichen Publikum sehr beliebt.

regioactive.de: Damit man zum Tatort wieder zu Hause ist.

Erdmann Lange: Genau. Dieses Publikum will zu Hause sein, bevor es dunkel ist. Auf der anderen Seite zeigen wir verstärkt in der späten Schiene, um 21 Uhr, Filme in Originalfassung. Das geht dank der Digitalisierung auch einfacher. Abends geht erstens ein tendenziell jüngeres Publikum ins Kino, das auch fremdsprachige Filme sehen will. Zweitens brauchen wir keine speziellen 35 mm-Filmkopien mit der Originalversion mehr, sondern erhalten die Filme auf einer Festplatte, die gleich alle Sprachfassungen enthält.

regioactive.de: Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Filmszene in der Rhein-Neckar-Region?

Erdmann Lange: Wir machen immer wieder Veranstaltungen mit lokalen Filmemachern, von denen einige Rang und Namen haben oder bei uns ihre ersten Arbeiten gezeigt haben. Zu nennen wäre Stefan Hillebrand, der schon beim Filmfestival in San Sebastián gewonnen hat. Mit seinem Ansatz, ohne Drehbuch die Szenen zu improvisieren, ist er ziemlich außergewöhnlich. Alle seine Filme der letzten Jahre hatten bei uns Premiere. Dann gibt es Leute wie Philipp Kohl, der sich mit "Transnationalmannschaft" als Filmemacher etabliert hat. Der Film hatte bei uns Premiere und lief sehr erfolgreich. Mario DiCarlo hat mehrere seiner Dokumentationen bei uns präsentiert. Und erst neulich hat Christina Stihler ihren neuen Dokumentarfilm "Die Köchin des Kommandanten" vorgestellt, der in Zusammenarbeit mit dem Mannheimer Stadtarchiv entstanden ist.

regioactive.de: Was ist das Thema des Films?

Erdmann Lange: Er handelt von den Lebenswegen von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz, der Sophie Stippel, eine Jugendbekanntschaft aus Mannheim, die im KZ inhaftiert war, dort zu seiner Köchin gemacht hat. Zwei krass unterschiedliche Mannheimer Lebenswege also, anhand derer man viel über das Dritte Reich erfahren kann. Wir zeigen gerne Filme mit Lokalbezug. Zu bedenken ist dabei immer, ob man solche Filme als normale Kinoauswertung, oder nicht lieber punktuell in Veranstaltungen zeigt. Oft erzeugt man damit mehr Aufmerksamkeit.

regioactive.de: Wo geht die Reise der Arthouse-Kinos hin?

Erdmann Lange: Die Reise geht hin zu mehr Vielfalt und vielen Sonderveranstaltungen und weg von großen Filmen, die mehrere Monate gut laufen. Außerdem gewinnen Vermietungen an Private und Firmen an Bedeutung. Von der goldenen Hochzeit über den Heiratsantrag bis zur Geburtstagsparty oder Firmenpräsentation habe ich schon vieles erlebt.

regioactive.de: Mit Film oder ohne?

Erdmann Lange: Unterschiedlich. Teilweise möchten die Leute ihre eigenen Filme mitbringen, was dank der neuen Technik sehr einfach ist. Wir besorgen und zeigen aber gern auch den persönlichen Wunschfilm.

regioactive.de: Wie ist die Lage des Kinos allgemein?

Erdmann Lange: 2017 war das umsatzstärkste Kinojahr der gesamten Filmgeschichte. Obwohl das vor allem am stark wachsenden chinesischen Markt lag - um die Branche insgesamt ist mir trotz aller Herausforderungen nicht wirklich bange.

regioactive.de: Was macht das Kino im 21. Jahrhundert noch attraktiv?

Erdmann Lange: Im Kino hat man die Chance, der Vereinzelung entgegen zu wirken, ein gemeinsames Erlebnis haben. Natürlich kann sich jeder seine Filme auch zu Hause auf dem kleinen Bildschirm anschauen, aber das Kino bietet eine ganz andere Umgebung und mehr Fokussierung. Wir hatten in unseren Häusern in den letzten beiden Wochen insgesamt acht Sonderveranstaltungen neben dem normalen Programm; zwei mit anwesenden Regisseuren, eine mit externem Referenten, der eine Einführung macht oder ein Filmgespräch im Anschluss anbietet. Das kann Kino. Hier können die Leute miteinander und mit den Filmschaffenden in Austausch kommen. Solche Angebote sind die Zukunft.

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