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Travis Pastrana, Gründer des Nitro Circus © Nitro Circus

Travis Pastrana ist einer der berühmtesten Freestyle-Motocross-Fahrer und Gründer des Nitro Circus, der Ende 2018 nach München und Mannheim kommt. Wir sprachen mit ihm über die Anfänge von FMX, die Nähe zu den Fans und die richtige Balance zwischen Sicherheit und Risiko.

regioactive.de: Erinnerst du dich, wann du zum ersten Mal auf einem Motorrad gesessen hast

Travis Pastrana: Ich glaube, es war Weihnachten 1987. Ich war vier Jahre alt. Mein Vater besaß eine Baufirma. Nach Feierabend fuhr er gerne mit meiner Mutter und seinen Brüdern Motorrad und ich wollte immer dabei sein.

regioactive.de: Wann hast du bemerkt, dass du über ein besonderes Talent verfügst?

Travis Pastrana: Ich denke, jedes sportbegeisterte Kind träumt davon, der nächste große Star zu werden. Meine Eltern waren ein wenig skeptischer, besonders mein Vater, aber es hat dann ja geklappt. (lacht)

regioactive.de: Wenn ich die Geschichte von Freestyle Motocross (FMX) richtig verstehe, dann handelte es sich um eine Revolte junger Fahrer gegen die sehr stark kommerzielle Welt des Motorcross. Ist das richtig?

Travis Pastrana: Ja und nein. Genauso wie bei Skateboards und BMX geht es bei Freestyle Motocross um das Gefühl der Freiheit. People ride dirtbikes for freedom. Ähnliche Entwicklungen gibt es in anderen Sportarten. Supercross und Motorradrennen sind großartig, aber man muss so viele Regeln beachten, dass man die Wurzeln und die Gründe, warum man damit angefangen hat, leicht aus den Augen verliert.

regioactive.de: Wie kann man diese Gruppe der frühen FMX-Fahrer beschreiben?

Travis Pastrana: Wir reden von Kids, die hochmotiviert sind, aber gleichzeitig etwas anders ticken als die Mehrheit. Sie fühlen sich in Teamsportarten nicht sonderlich wohl. Viele sind sehr intelligent und gut in der Schule, aber sie fügen sich nicht sonderlich gut in ihr soziales Umfeld ein. Als sie zusammenkamen, entwickelten sie eine Art Gruppenmentalität, in der sich alle einander unterstützten.

regioactive.de: Würdest du sagen, dass ein zentraler Punkt von FMX darin besteht, Grenzen zu überschreiten?

Travis Pastrana: Für mich auf jeden Fall, aber es gibt verschiedene Herangehensweisen. Sportler wie Adam Jones oder Nate Adams sind Perfektionisten. Sie möchten die Besten in dem sein, was aktuell möglich ist. Mir geht es darum, Dinge zu machen, die niemand jemals vorher gemacht hat. Die verschiedenen Mentalitäten zu verallgemeinern, ist nicht möglich.

regioactive.de: Der visuelle Aspekt von Freestyle Motocross spielte von Anfang an eine zentrale Rolle, angefangen mit Fotos, den VHS-Tapes "Crusty Demons Of Dirt" bis hin zum Fernsehen. Du hast also von Jugend an gelernt, wie wichtig der visuelle Aspekt ist. Stimmt das?

Travis Pastrana: Ohne jeden Zweifel. Motocross ist ein Lebensgefühl. Es gibt keine Grenzen – und das kann man sehr leicht zeigen, wenn man jemanden beobachtet, wie er einen Trick versucht, der ihn möglicherweise umbringen könnte. Es gibt nicht sehr viele andere Sportarten, in denen das so ist. Das macht FMX so wahnsinnig für die meisten Leute – und so viel Spaß für andere. Action Sports verkörpern einfach ein Risiko, dass den meisten Menschen in ihrem täglichen Leben fehlt.

regioactive.de: Risiken sind ein wichtiger Bestandteil von Action Sports. Wie entscheidest du, welche Risiken du eingehst und welche nicht? Du stehst ja dauernd vor dieser Entscheidung.

Travis Pastrana: Es ist lustig, in meinem Job bin ich sozusagen zum Anführer dieser Action Sports Gruppe mit dem Namen Nitro Circus geworden. Ich bin derjenige, der sagt: Wir müssen so weit gehen und so groß werden wie nur irgendwie möglich, aber gleichzeitig muss die Sicherheit absolute Priorität haben. Niemand möchte gerne sehen, wie ein Fahrer auf einer Krankenbahre aus der Halle getragen wird. Oder man stelle sich vor, dass bei der nächsten Show wegen Verletzungen nur ein Drittel der Fahrer auftreten kann. Das ist selbstverständlich weder gut für die Fahrer noch für die Fans, den Sport und die Institution Nitro Circus. Trotz aller Verbesserungen und Sicherheitsmaßnahmen ist es aber immer noch ein gefährlicher Sport. Wir wandeln auf einem schmalen Grat.

regioactive.de: Mit grenzenloser Bereitschaft zum Risiko kommt man nicht also nicht weiter.

Travis Pastrana: Viele sagen: Die Jungs bei Nitro Circus sind verrückt. Oder: Die Typen, die Action Sports machen, sind verrückt. Aber die Verrückten bringen es nicht sehr weit, weil sie sich verletzen. Es kommen natürlich immer wieder neue Sportler nach, aber diejenigen, die es an die Spitze geschafft haben, bleiben dort für eine ganze Zeit lang. Grundsätzlich können diese Sportler Risiken sehr gut einschätzen – und sie sind komplett austrainiert.

regioactive.de: Wie wählst du dein Team für Nitro Circus aus?

Travis Pastrana: Für mich geht es vor allem darum, für Nitro Circus die Besten zu verpflichten – und das nicht nur als Fahrer, sondern auch im Hinblick darauf, allen Kids ein Autogramm zu geben, die es möchten und ihnen damit ein positives Erlebnis zu verschaffen. 

regioactive.de: Also geht es darum auf kluge Art und Weise verrückt zu sein.

Travis Pastrana: Ja, so ist es! (lacht)

regioactive.de: Du bist schon so lange bei FMX dabei und hast so viel Erfahrung: Welche Veränderungen fallen dir bei den jungen Fahrern auf?

Travis Pastrana: Als Carey Hart den ersten Salto auf einem Dirtbike landete, haben sich mit einem Mal die Möglichkeiten unseres Sports erweitert. Die jungen Fahrer machen mehrfache Salti und landen seitwärts. Wenn sie stürzen, verletzen sie sich nicht, weil sie gelernt haben zu fallen und wissen, wo sie sich in der Luft befinden. Davon können wir eine Menge lernen.

regioactive.de: Wie unterscheidet sich das deutsche Publikum vom Publikum in anderen Ländern?

Travis Pastrana: Im Vergleich zu anderen Ländern ist das deutsche Publikum sehr stoisch. In Frankreich kann man kaum die Motorräder hören, weil die Fans so laut schreien. In Deutschland brauchen wir eine halbe Stunde, bis wir die Zuschauer richtig von den Sitzen gerissen haben. Wenn wir nach Deutschland kommen, wissen wir, dass wir alles geben müssen, um das Publikum zu begeistern. Die Deutschen wissen, worauf sie achten müssen.

regioactive.de: Du bist als ein Sportler bekannt, der die Nähe zu den Fans sucht, Autogramme schreibt und mit den Zuschauern spricht. Ist das sowohl ein Erfolgsfaktor von FMX im Allgemeinen als auch von dir ganz persönlich?

Travis Pastrana: Viele US-Sportarten haben Probleme, abgesehen vielleicht von American Football, weil die Sportler für die Fans unerreichbar sind. Im Vergleich dazu sind alle Action Sports Stars sehr wohl erreichbar, sie haben Social Media-Accounts und es ist nicht so schwierig, mit ihnen in Kontakt zu treten und eine Antwort zu erhalten. Die Kultur des Action Sports ist einfach so viel interaktiver – und wenn du dich dem verweigerst, gehörst du nicht wirklich dazu. Ich denke, das ist in der Tat eine der Ursachen des Erfolgs von Action Sports.

regioactive.de: Social Media ist sehr wichtig, aber gibt es auch negative oder zumindest problematische Aspekte?

Travis Pastrana: Manchmal ist es regelrecht furchteinflößend. Stell dir vor, du arbeitest Monate oder gar ein Jahr an einem Trick, bis du ihn wirklich beherrschst. Du postest das Video online und wenige Stunden später erwartet jeder diesen Trick von dir. Und nach einer Woche erwarten die Fans schon wieder neue Tricks. Es ist manchmal wirklich ein zweischneidiges Schwert.

regioactive.de: Was sind die tollsten Momente einer solche Tour?

Travis Pastrana: Das tollste sind Typen wie R-Willy. Bei jeder Show schaut er mit dem Tretroller bei den Fans vorbei. Die Kids warten auf uns vor jeder Show, manchmal stundenlang. Man fühlt sich wie ein Rockstar, nur dass wir anders als die meisten Rockstars mit den Fans abhängen. Es verlängert die Abende und macht sie anstrengender, aber wir fühlen uns immer noch wie Kinder, ja wir bereisen die Welt auf Kinderspielzeug – und das ist ziemlich cool.

regioactive.de: Wenn Nitro Circus Ende 2018 nach Deutschland kommt, sollten die Fans ein bisschen früher kommen und später gehen, um euch vielleicht zu treffen.

Travis Pastrana: Definitiv. Natürlich können wir nicht jeden von 10.000 Zuschauern treffen, aber wir werden definitiv bei den Fans vorbeischauen.

regioactive.de: Was können die deutschen Fans noch erwarten?

Travis Pastrana: Wir müssen uns weiterentwickeln, die Rampen größer und alles spektakulärer machen. Die europäischen Hallen sind aber maximal 15-17 Meter hoch, das setzt uns Grenzen. Wir können nicht dieselben Tricks zeigen, die wir beim letzten Mal gebracht haben und so werden die besten Tricks der letzten Tour diesmal unsere Auftakttricks sein. Wir haben das Format verändert, die Musik, das Gesamtpaket. Wir sind bereit.

regioactive.de: Du hast zu Beginn gesagt, dass FMX ein Lebensgefühl ist. Zu Beginn war es eine Untergrund-Bewegung abseits des Mainstream, aber inzwischen ist Freestyle-Motocross Teil des Mainstream oder auf jeden Fall eine große Sache. Wie kann man den ursprünglichen Geist am Leben erhalten?

Travis Pastrana: Das ist eine schwierige Frage. Die Essenz dieses Sports liegt in der Leidenschaft. Wenn man zu viele Shows gibt, wird alles zu Routine. Es ist sehr schwierig ein Hobby zum Beruf zu machen und sich dennoch die Leidenschaft zu bewahren. Vor dieser Herausforderung stehen wir jeden Tag.

regioactive.de: Du bist verheiratet und hast Kinder und bist gleichzeitig der Kopf einer großen Organisation. Wie hat das deine Perspektive verändert?

Travis Pastrana: Ich möchte, dass Nitro Circus wächst und ich möchte nach wie vor Grenzen überschreiten. Im Gegensatz zu früher mache ich das vielleicht mehr an sieben Tagen in der Woche, sondern nur noch zweimal im Monat (lacht).

regioactive.de: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg weiterhin!

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