regioactive.de: Thomas, dein neues Album "Flow" erinnert stilistisch sehr an die Miles Davis Alben der 1970er Jahre. Da du ein großer Bewunderer seiner Musik bist, ist das vermutlich kein Zufall. Kannst du uns das etwas näher erläutern?
Thomas Siffling: Selbstverständlich ist Miles Davis eine große Inspiration für mich, da er sich im Verlauf seiner jahrzehntelangen Karriere immer neu erfunden hat und dennoch mit seinem einzigartigen Sound stets erkennbar blieb. Er war stilprägend und stets publikumsorientiert – und so gelang es ihm, viele Menschen zu erreichen. Außerdem haben mich die norwegischen Sphären von Bugge Wesseltoft und die holprige, ungleichmäßige Note von Medeski Martin & Wood beeinflusst. In Kombination mit Miles Davis zählen sie zu meinen größten Inspirationsquellen.
regioactive.de: Was hat dich zu deinem neuen Projekt bewogen?
Thomas Siffling: Ich bin circa 15 Jahre mit meinem Trio durch die Welt getourt. Wir waren zwar sehr erfolgreich, aber nach solch einer langen Zeit hat dann gegen Ende irgendwann einfach der letzte Kick gefehlt. Ich habe gemerkt, dass es einfach Zeit für was Neues ist. Auch wollte ich den nächsten Schritt in meiner Karriere machen und auch große Bühnen bespielen. Das hat mit dem Trio zumindest in Deutschland leider nicht geklappt. Wahrscheinlich war es der Tatsache geschuldet, dass die Konzertveranstalter kein Trio ohne Harmonieinstrumente auf die große Bühne holen wollten. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, Harmonieinstrumente wie Gitarre und Klavier wieder in meine Musik einzubauen.
regioactive.de: Wie bist du bei der Umsetzung konkret vorgegangen?
Thomas Siffling: Wir haben sieben Titel für "Flow" aufgenommen. Diese habe ich dann zehn Fans, Freunden und Bekannten geschickt und sie gebeten, fünf Favoriten auszuwählen und ihrer Reihenfolge nach aufzulisten. Interessanterweise hat es der Lieblingssong meiner Band "Cosmic Showdown" kein einziges Mal in die Top 5 geschafft. Das verdeutlicht, wie sich die Meinung des Künstlers von der des Publikums unterscheiden kann. Wir wollen uns nicht nur kreativ ausleben, sondern mit unserer Musik auch viele Menschen ansprechen, denn es ist ein tolles Gefühl, auf großen Bühnen zu spielen und vom Publikum gefeiert zu werden. Ich bin zuversichtlich, dass es uns mit dem neuen Album gelingt, diesen Schritt zu machen.
regioactive.de: Welche Erkenntnis hast du aus dem Experiment gezogen?
Thomas Siffling: Wir haben herausgefunden, dass es sich mit der Musik auf einem Album anders verhält als live auf der Bühne. Das Konzept des Albums besteht darin, das Gefühl eines meditativen Zustands einzufangen. Kurz vor dem Einschlafen spürt man, dass sich der ganze Körper entspannt und herunterfährt – diesen Zustand wollten wir einfangen. Live hingegen kann man viel mehr präsentieren und den Leuten auch mehr zumuten. Eine CD ist mehr ein Produkt zum Entdecken: Wenn man ein Album häufig hört, fallen einem kleine Nuancen auf, die man zuvor nicht wahrgenommen hat.
regioactive.de: Die Melodien auf dem Album nehmen den Hörer an die Hand und führen ihn fast. Kannst du uns etwas dazu erzählen?
Thomas Siffling: Meine Melodieführung ist schon immer sehr nachvollziehbar und eingängig. Das ist meine Art, Musik zu schreiben. Ich möchte, dass die Melodie in den Köpfen bleibt und durch die Eingängigkeit können die Zuhörer diese dann im Optimalfall nachpfeifen oder nachsummen. Ich möchte die Leute mit meiner Musik berühren, sie sollen nach dem Konzert raus gehen und sagen: "Wow, das war ein geiler Abend, ich habe schöne Musik gehört und bin gut unterhalten worden."
regioactive.de: Jazz ist natürlich eine Musik, die eine relativ kleine aber sehr leidenschaftliche Zielgruppe berührt. Wie schätzt du den Jazz-Markt im Jahr 2017 ein?
Thomas Siffling: In der Tat handelt es sich dabei mittlerweile um einen sehr kleinen Markt mit sehr leidenschaftlichen Fans. Ich bin der Meinung, dass wir Jazz-Musiker wieder lernen müssen, uns am Publikum und der Popmusik zu orientieren. Dann wird der Markt auch wieder sukzessiv größer. Jazz ist eine Musikrichtung, die umgänglich, nachvollziehbar und tanzbar ist und in der Lage ist, Leute mitzureißen. Man muss sich aber bewusst sein, was man vermitteln möchte und über die entsprechende Bühnenshow und Bühnenpräsenz verfügen. Im Juli sind wir bei DAS FEST in Karlsruhe aufgetreten und es ist uns gelungen, die 15.000 Zuschauer mitzureißen. Das zeigt, dass Jazz durchaus noch relevant ist.
regioactive.de: Das bedeutet, dass du dir bei deiner Musikschaffung auch über dein Publikum Gedanken machst und dich in dessen Rolle hineinversetzt. Welche Rolle spielt dieser Perspektivwechsel für deine Arbeit als Musiker?
Thomas Siffling: Früher konnte man noch ausschließlich Künstler sein, da man von Beratern und Plattenlabels unterstützt wurde, die die Business-Seite komplett erledigten. Das ist heute jedoch anders. Der Markt hat sich verändert und als Musiker muss man sich Gedanken darüber machen, welche Zielgruppe man mit seiner Musik ansprechen möchte und wie man diese erreichen kann. Wenn man kein großes Plattenlabel oder einen Sponsoren an der Seite hat, ist es sonst fast unmöglich, im Musikbusiness erfolgreich zu sein.
regioactive.de: Du bist außerdem bei verschiedenen Reihen als Kurator tätig, beispielsweise bei Nightmoves im Nationaltheater Mannheim und Jazz x persönlich im SAP AppHaus in Heidelberg. Wie kamst du dazu, Jazz-Konzerte zu organisieren?
Thomas Siffling:. Meine ersten Jazz-Konzerte habe ich im Café Prag in Mannheim veranstaltet, dessen Inhaber Adonis Malamos ein großer Jazzfan ist. An diesen Abenden stand ich selbst durchgehend hinter der Theke und habe Bier ausgeschenkt. Diese Konzerte waren mit 80 Leuten immer ausverkauft und die Leute standen dicht gedrängt. Damals gab es am Nationaltheater schon eine Jazz-Reihe mit dem Schlagzeuer Raphael Haeger. Dieser wechselte dann zu den Berliner Philharmonikern und übergab die Leitung an mich. So kam ich zum Theater und daraus ergaben sich weitere Projekte, beispielsweise wurde David Maier, der Festivalleiter von Worms: Jazz & Joy auf mich aufmerksam. Genauso war es auch bei Jazz x persönlich in Heidelberg. Ich habe SAP-Gründer Klaus Tschira kennengelernt und er bot mir an, ein gemeinsames Projekt in die Welt zu rufen. Ich habe ihm mein Projekt vorgestellt, einen Businessplan geschickt und Jazz x persönlich war geboren.
regioactive.de: Wie genau sieht dein Aufgabenbereich bei Worms: Jazz & Joy aus?
Thomas Siffling: Ich helfe Festivalchef David Maier bei seinen Entscheidungen, da ich auf Grund meines Jazzlabels bestens über die Trends im Jazzgeschäft informiert sein muss. Ich schlage Musiker und Bands vor, wir diskutieren und debattieren, aber letztlich entscheidet er, wer auftritt.
regioactive.de: In der Rhein-Neckar-Region gibt es drei große und hochklassige Jazz-Festivals: Enjoy Jazz, Palatia Jazz und Worms: Jazz & Joy. Wie würdest du die Relevanz dieser Festivals deutschlandweit einordnen?
Thomas Siffling: Mit Berlin als Hauptstadt und Köln als Musikhochburg können wir schwer konkurrieren. Ich sehe die Metropolregion Rhein-Neckar im bundesweiten Vergleich jedoch kurz dahinter. Wir haben eine ausgedehnte Festivalstruktur, die sowohl größere als auch kleinere Festivals umfasst.
regioactive.de: Welche Vorteile siehst du darin, als Jazz-Musiker in der Metropolregion Rhein-Neckar tätig zu sein? Wie sieht es mit dem Jazz-Nachwuchs in der Region aus?
Thomas Siffling: Neben den renommierten Festivals gibt es hier viele Clubs und Hallen, in denen Jazz gespielt wird. Außerdem werden Jazz-Musiker auch in Theatern engagiert. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass die Städte hier sehr nah aneinander liegen und man schnell herumreisen kann. Was den Jazz-Nachwuchs angeht, würde ich mir persönlich mehr junge, erstklassige Jazz-Musiker in der Region wünschen, die ihre eigenen Vorstellungen in die Musik miteinbringen, sie weiterentwickeln und prägen.
regioactive.de: Wie könnte man die Region für Jazz-Musiker interessanter machen?
Thomas Siffling: Ein bisschen mehr Vielseitigkeit und noch mehr Vollblut-Musiker wären durchaus erstrebenswert. Mit der Jazz Alliance versuchen wir, genau das zu tun. Wir wollen erreichen, dass sich mehr ambitionierte Musiker für ein Jazz-Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim einschreiben. Hier in der Region gibt es eine hohe Lebensqualität und eine gute Infrastruktur. Außerdem mangelt es nicht an Arbeitsmöglichkeiten.
regioactive.de: Kannst du noch ein bisschen näher auf die Arbeit der Jazz Alliance eingehen?
Thomas Siffling: Die Jazz Alliance ist ein loser Zusammenschluss von Unternehmern, Musikern, Festivals, Labels, der Musikhochschule Mannheim, der Music Commission Mannheim und Veranstaltungssälen, der in seiner Gesamtheit die Jazz-Kompetenz der Region repräsentiert. Wir versuchen auf Messen, für unsere Region zu werben. So waren wir beispielsweise drei Jahre lang auf der Jazzahead in Bremen vertreten, der weltweit wichtigsten Messe im Bereich Jazz.
regioactive.de: Bald seid ihr mit "Flow" auf Clubtour. Kannst du uns etwas mehr darüber erzählen?
Thomas Siffling: Ja, gerne. Das Konzert in der Alten Feuerwache in Mannheim stellt den Auftakt unserer Clubtour dar. Interessanterweise muss ich hier sagen, dass wir auf der Clubtour bestimmt andere Songs spielen werden als auf den Open Air Shows. In einem Club hat man einen intimen und vor allem geschlossenen Rahmen. Bei einem Open Air auf einer großen Bühne muss man mehr Dampf machen, während man in einem Club eher die fragilen Stücke aufführen kann. Darauf freue ich mich schon sehr.
regioactive.de: Herzlichen Dank für das Gespräch!


