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© Thommy Mardo

Thommy Mardo hat es geschafft. Er fotografiert Rea Garvey, Kevin Prince Boateng, Sasha und die Söhne Mannheims. Heimatverbunden mit 'seinem' Mannheim sprach er mit uns über seine Anfänge und was ihn antreibt und seine aktuellen Projekte.

"Kaffee, Wasser oder beides?", die Frage kommt gelegen. Die Hitze, die den Asphalt zwischen den schönen Häusern der Jahrhundertwende und den Mannheimer-Flair-Bauten der 1980er-Jahre zum Glühen bringt, ist schön – macht aber auch müde. Aus der silberglänzenden Jura-Maschine zischt dampfend der Kaffee heraus. Das Wasser, "still oder sprudelnd?", ist kühl.

Thommy Mardo sitzt mit grauem, leicht knittrigem T-Shirt auf einem Barhocker. Im Rücken befindet sich eine schicke Küchenzeile, davor das offene, weitläufige Studio. Eine Treppe führt nach oben auf eine kleine Galerie. Hier und da stehen gemütliche Sofas und Sitzgelegenheiten. Ein paar Fische drehen munter ihre Runden in zwei riesigen Aquarien. 

Eine Enttäuschung zu Beginn

Mardo spricht die Dinge direkt an, wenn es sein muss. Über den indirekten Weg mit der notwendigen Höflichkeit verpackt. "Ich habe diese Frage schon fünfzig Mal beantwortet. Daher möchte ich meine Antwort kurz halten." Die Einstiegsfrage, wie er zur Fotografie kam, scheint ihn enttäuscht zu haben.

Da es aber um die Essenz seines jetzigen Lebens geht, fängt er bereitwillig an zu erzählen und so folgt dann doch eine längere Erzählung. Während er an seinem Kaffee aus den weißen, schlichten Tassen nippt, berichtet er von seinem Leben. Mardo wurde in den 1970ern in Mannheim geboren, ist hier aufgewachsen und kam hier auch zur Fotografie.

Die Bilder sind scheiße

Eigentlich ging alles 2001 los. Seine Mutter kaufte sich eine Digitalkamera und überließ dem Sohn die analoge Canon, die sie über Jahre wie einen heiligen Gral in einer Glasvitrine hütete. Er legte los und knipste viele Bilder. Doch sie wurden alle nichts. Kurzerhand entschloss er sich, einen Kurs an der Abendschule zu belegen. "Das Ende vom Lied war, dass der Dozent vor versammelter Mannschaft sagte, er hätte noch nie so schlechte Bilder gesehen." Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. "Das war der Grund, warum ich mit der Fotografie angefangen habe."

Mardo wirkt wie eine seltene Mischung aus lässig und sein-Leben-fest-im-Griff. So etwas war ihm bisher noch nicht passiert, dass er als Schlechtester abschnitt. Also klemmte er sich dahinter, löcherte den Dozenten immer wieder mit Fragen zur Fotografie. Bis dieser schließlich merkte, dass er es ernstmeint und ihn zwei Jahre lang begleitete. Durch die Verbundenheit zu seinem ehemaligen Lehrer und durch viel Heimarbeit lernte Mardo die Grundlagen der Fotografie.

Vom Leben auf die Probe gestellt

Gleichzeitig war Mardo arbeitslos. Obwohl davor alles so glatt ging. Einem Familientraumpfad folgend absolvierte er zunächst eine Banklehre, arbeitete fünf Jahre hinter dem Schalter der Volksbank. Im Anschluss machte er Zivildienst und begann zu studieren. Ein Frankfurter Unternehmen aus der Finanzwirtschaft wurde auf ihn aufmerksam und machte ihm noch während des Studiums ein lukratives Angebot, das er nicht abschlagen konnte. Es ging steil bergauf. Dann meldete das Unternehmen Insolvenz an.

"Das war zur gleichen Zeit, als ich für die Fotografie an die Abendschule ging." Und noch ein Schicksalsschlag prägte ihn: Sein Vater war drei Jahre zuvor verstorben. Er hatte sich ein Leben lang der Arbeit gewidmet, merkte dann, dass das nicht alles sein kann und ging in Frührente mit dem Ziel, die Welt zu bereisen. Dann erfuhr er, dass er unter einer seltenen Krankheit litt. Plötzlich ging alles sehr schnell. Nur wenige Monate nach der Diagnose starb sein Vater.

Der Sprung ins kalte Wasser

"Ich hätte selbst nie gekündigt", sagt Mardo. Aber aus dieser Situation heraus entstand die Idee, etwas zu machen das ihm etwas bedeutet. Etwas, das ihm mehr Selbstverwirklichung ermöglicht. Bilder von Freunden und Bekannten wurden bereits herumgereicht. Kleinere Aufträge folgten. Die ersten fünfzig Euro wechselten im Tausch gegen eines seiner Bilder den Besitzer.

"Um das auf sichere Beine zu stellen, ich bin einfach Bankkaufmann, habe ich mich selbstständig gemacht. Anfangs habe ich hauptsächlich als Grafiker gearbeitet. Im grafischen Bereich hatte ich meine Kunden." Die Jobs verschafften ihm die Lebensgrundlage – und die Zeit für die Fotografie. 2004 veröffentlichte er zusammen mit den Söhnen Mannheims den Bildband "Mitten unter euch". Dann, im Jahr 2005, war es soweit: Mardo begann hauptberuflich als Fotograf zu arbeiten.

Mittlerweile hat er sein Studio im ehemaligen Kino Rex in der Schwetzingerstadt in Mannheim. Aus dem heruntergekommenen Bau machte Mardo ein helles, lichtdurchflutetes Studio, zog Fenster im oberen Drittel ein, strich Wand und Boden weiß.

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Bilder müssen fassbar sein

Eine Zeit lang versuchte Mardo über das Internet seine Bilder anzubieten und nahm auch weitere Künstler mit ins Boot. Schnell stellte sich aber heraus, dass die Leute die Bilder doch in ihrer tatsächlichen Größe sehen müssen, bevor sie eines kaufen. In seinem Studio, das gleichzeitig eine Galerie ist, hängt ein riesiges Rosenbild. Auf einem Sideboard steht ein langes Passepartout im Querformat und zeigt eines seiner Lieblingsbilder, entstanden in Österreich: Ein Baum auf einer Wiese. Die Macht der Natur: Nichts scheint zufällig, beide, Wiese und Baum, erzielen ihre hypnotische Wirkung aus ihrer Wechselbeziehung zueinander. 

Die Verbindung zwischen Fotograf und Bildern ist offenkundig: sie sind wie liebgewordene Begleiter; jedes Bild hat seine Geschichte, seine Bedeutung für Mardo und für den Betrachter. Dass sich dabei die Geister zwischen beiden oft scheiden, stört ihn nicht. "Ich habe zwei Portraits von Musikern, beide haben die Augen geschlossen. Manche sehen darin einen Toten oder eine Tote, andere empfinden dabei eine unheimliche Stille und Friedfertigkeit."

Mardos Auftraggeber sind große Firmen aus der Rhein-Neckar-Region, Berlin, Dresden, aber auch aus dem Ausland. So arbeitet er als Freiberufler und verdient gut. Gleichzeitig sucht er weiterhin die Verwirklichung in der Kunst, denn damit erfüllt er sich seinen Lebenstraum: Er kann von der Fotografie leben und sie ermöglicht ihm, freie Projekte mit rein künstlerischem Schwerpunkt anzugehen. Die Trias aus seinem Studio, in dem man sich begegnet, in dem er seine Bilder Interessierten zeigt, Aufnahmen macht und dem damit verbundenen, für ihn so wichtigen Menschlichen und der Qualität, die er bei jedem Bild bieten will, das ist sein Berufsethos.

Ich will nicht der beste Fotograf der Welt werden

"Ich will gute Qualität abliefern. Und das mache ich." Und gleichzeitig fragt er: "Der beste Fotograf der Welt, was bedeutet das?" Gurskys Foto, das teuerste der Welt, trifft bei ihm auf Unverständnis. "Ich will das Bild nicht schlecht reden, aber es kickt mich nicht. Wer entscheidet, was Kunst ist, was ein Bild zum teuersten Bild der Welt macht?" Was ist Kunst und wer urteilt darüber?

"Wenn ich heute zum Nationaltheater gehe und mache ein Bild vom Gebäude, von schräg unten, die gleiche Perspektive wie Robert Häusser vor vierzig Jahren. Mein Bild, aus dem gleichen Winkel fotografiert, wird nie so gut sein wie das von Robert Häusser. Bei Häusser steht der Opel Kapitän, dadurch ist das Bild interessant. Bei mir stehen jetzt die A-Klasse und der Opel Vectra. Das interessiert keinen." Kunst entsteht aus dem Kontext und über das, was der Betrachter darin sieht, was er mit dem Gesehenen verbindet. "Was wir hier alle machen, das ist Rosen fotografieren. Dem einen gefällt es, dem anderen nicht."

Mannheim, die schönste Stadt

Mit Mannheim verbindet Mardo viel: Hier ist er aufgewachsen, hier machte er seine Anfänge als Fotograf. "Für mich ist Mannheim die schönste Stadt", sagt Mardo. Er liebe den Dialekt, obwohl das die meisten Menschen außerhalb der Region nicht nachvollziehen können. "Andere Städte haben auch unschöne Ecken", so Mardo pragmatisch. Und für ihn sei Mannheim, diese Industriestadt mit großem Hafen, im Krieg völlig zerbombt, einfach schön. Die Menschen, die Flüsse, alles.

Vor allem biete die Stadt ihm als Fotograf eine gute Lebensbasis: gute Infrastruktur, vergleichsweise wenige Fotografen bei einem recht hohen Aufkommen großer, auch internationaler Firmen. Nicht zuletzt sei für ihn aber das Netzwerk unbezahlbar, über das er hier durch seine Arbeit, durch frühere Zeiten als Barkeeper und durch das Aufwachsen in dieser Stadt verfüge. 

Aktuelle Projekte

Mardo ist zufrieden, mit dem was er gefunden hat: Einem Beruf, von dem er leben kann und der ihn immer wieder antreibt; der ihn auf neue Pfade führt. Ein Projekt für die Rhein-Neckar Löwen hat er gerade abgeschlossen: Team und Fans im Mittelpunkt, weitere sind in Planung. Ein Bildband über den Mannheimer Hafen ist im Entstehen, 150 Jahre Mannheimer Akte. Viele Shootings stehen an, für Alnatura, die MVV und vieles mehr und aktuell drehte er ein Musikvideo mit Stephan Ullmann.

Und dann gibt es noch ein Projekt, das er mit viel Herzblut verfolgt und bei dem er sich, wieder einmal, auf ganz neue Wege begibt: Zusammen mit zwei Freunden, Gerry Brosius und Simon Daubermann, gründete er eine Kunstfirma co-laboration. Entstanden ist co-laboration über mehrere Begegnungen: Als Mardo im Mannheimer Rosengarten die Pianistin Olga Zado erlebte, war er sofort beeindruckt von der Energie und Passion der Pianistin. Dieses Erlebnis ließ ihn nicht mehr los.

Durch Zufall sah er bei "Deutschland sucht den Superstar" den Street Dancer David Kwiek, der Street Dance zu klassischer Musik interpretiert. Auf einmal war für ihn alles klar: Er brachte die Pianistin und den Street Dancer mit einem befreundeten Musikproduzenten zusammen, der seinerseits Klassik mit Elektrobeats mischt. Zusammen schufen sie ein Video, das, so viel darf man verraten, absolut außergewöhnlich ist und den Betrachter schnell in seinen Bann zieht. Bald geht dieses Video online. Und natürlich, weitere Projekte sind bereits geplant.

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