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Michael Scheuermann (Nachtwandel, 2016) © Quartiermanagement Jungbusch

Die Absage des Nachtwandels 2016 stieß auf Reaktionen, die von Erstaunen bis Enttäuschung reichten. Wir haben mit Michael Scheuermann vom Quartiermanagement Jungbusch über die Zukunft des Nachtwandels gesprochen.

regioactive.de: Viele Mannheimer waren sehr überrascht oder enttäuscht, dass es 2016 keinen Nachtwandel geben wird.

Michael Scheuermann: Das ist auch enttäuschend für den Moment. Das Positive an der Absage ist die Möglichkeit innezuhalten und das neue Konzept mit allen Unterstützern zu erarbeiten. Daher starten ab September 2016 die Vorbereitungen für den Nachtwandel 2017.

regioactive.de: Spielte das Thema Sicherheit eine Rolle bei der Absage des Nachtwandels 2016?

Michael Scheuermann: Das Thema hat eine große Bedeutung zur Zeit, es ist aber nicht zentral, wenn es um die Zukunft des Nachtwandels geht. Relevanter ist die Größe, die die Veranstaltung erreicht hat und die Organisationskraft, die man dafür benötigt. Dieser Wachstumsprozess zwingt uns dazu, eine tragfähigere Grundlage zu schaffen.

regioactive.de: Einige Leser haben vermutet, dass Angst vor Anschlägen ein Grund für die Absage des Nachtwandels 2016 war. Können Sie dazu Stellung beziehen?

Michael Scheuermann: Es kann keine Rede davon sein, dass wir Angst haben. Wir haben uns den Sicherheitsanforderungen trotz unseres Wachstumsprozesses immer gestellt. In diesem Rahmen standen wir stets im engen Dialog mit den Ordnungsbehörden und für das Engagement dieser Organisationen können wir uns nur bedanken. Ich bin überzeugt, dass wir auch unter schwierigeren Bedingungen die nötige Gelassenheit haben, um Sicherheit zu gewährleisten.

regioactive.de: Wer hat die bisherigen Nachtwandel organisiert?

Michael Scheuermann: Zunächst sind es die Bewohner des Jungbuschs, die die Veranstaltung wollen. Sobald dieser Input verloren geht, wäre es das Ende dieses Ereignisses. Dazu kommen Organisationen, Vereine und andere Institutionen des Stadtteils sowie der Stadt Mannheim, insbesondere das Kulturamt. Besonders wichtig waren zudem stets das Gemeinschaftszentrum Jungbusch sowie das Künstlerkollektiv Laboratorio 17.

regioactive.de: Kann man sagen, dass das Quartiermanagement des Gemeinschaftszentrums Jungbusch federführend ist?

Michael Scheuermann: Ja, wir koordinieren den Nachtwandel. Zusammen mit dem Netzwerk der Künstler des Laboratorio 17 haben wir die Fäden in der Hand. Das schmälert allerdings nicht die wesentlichen Beiträge anderer, denn für uns steht die Vielfalt des Stadtteils Jungbusch im Vordergrund.

regioactive.de: Wie kam es zu der anscheinend sehr kurzfristigen Entscheidung, dieses Jahr auszusetzen?

Michael Scheuermann: So kurzfristig war die Entscheidung nicht, wenn man die Geschehnisse der letzten Jahre betrachtet. 2015 konnten wir erst Mitte Juli das Freizeichen zur eigentlichen Planung für eine Veranstaltung geben, die Ende Oktober stattfindet und 30.000 Menschen anzieht. Das ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn der Nachtwandel im Jungbusch und seitens der Stadt gewollt ist, dann benötigt er mehr Vorlaufzeit.

regioactive.de: Es wurde also die organisatorische Notbremse gezogen, um wieder ein geregeltes Planen zu gewährleisten?

Michael Scheuermann: Ja, um Festigkeit zu gewinnen. Deshalb wurden einige Stützpfeiler bereits formuliert.

regioactive.de: Einer davon ist die Finanzierung, die bisher ein Problem war. Woraus setzt sich das Budget des Nachtwandels zusammen?

Michael Scheuermann: Unser Budget von etwa 100.000 Euro besteht aus vier Grundpfeilern. Erstens die Erlöse aus der Gastronomie, zweitens das, was die Besucher beitragen, drittens das Sponsoring und viertens der Teil, den die Stadt Mannheim beisteuert. Gerade bei der Stadt geht es uns nicht um mehr Geld, sondern um mehr Festigkeit und Verbindlichkeit, um die frühzeitige Planung zu vereinfachen.

regioactive.de: Für die frühzeitige Finanzierung sollen auch die beteiligten Gastronomen aufkommen. Ist das richtig?

Michael Scheuermann: Das Finanzierungskonzept sollte nicht losgelöst von den Inhalten diskutiert werden. Die gastronomische Beteiligung hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Schon bisher haben die Gastronomen einen Teil ihrer Gewinne beim Nachtwandel zurückgegeben, wodurch wir viel Geld eingenommen haben. Das fand jedoch in der Vergangenheit auf rein freiwilliger Basis und erst im Nachhinein statt, weshalb die Höhe der Einnahmen für uns schwer planbar war.

regioactive.de: Und das soll sich ändern?

Michael Scheuermann: In Zukunft wollen wir im Dialog mit den Gastronomen eine Regelung finden, wie die Einnahmen verlässlicher und verbindlicher fließen. Wir wollen nichts anordnen, denn der Nachtwandel ist ein Beteiligungsprojekt. Wichtig ist, dass wir die Gastronomen dabei individuell betrachten werden.

regioactive.de: Glauben Sie, dass die Gastronomen dabei mitziehen?

Michael Scheuermann: Wir werden viel Überzeugungsarbeit leisten müssen und das braucht Zeit. Deshalb ist es richtig, dieses Jahr auszusetzen. Es müssen viele Gespräche geführt werden, die man  nicht überstürzen darf.

regioactive.de: Planen Sie die Eintritts- und Spendemöglichkeiten auszuweiten? Letztere waren in der Vergangenheit nicht immer offensichtlich.

Michael Scheuermann: Das ist ein wunder Punkt. Es ist notwendig, dass die Besucherinnen und Besucher mithelfen, den Nachtwandel zu erhalten, wenn sie mit ihm zufrieden sind. Deshalb haben wir 2015 eine Kampagne namens “Statt Eintritt Spende” gestartet. Mit deren Hilfe waren die Spendeneinnahmen beinahe doppelt so hoch wie im Jahr zuvor, insgesamt handelte es sich um eine fünfstellige Summe. Deshalb werden wir die Kampagne ausbauen.

regioactive.de: Wie verhält es sich mit Sponsoren?

Michael Scheuermann: Wichtig sind Sponsoren, die zu uns und zum Jungbusch passen. Über die Resonanz der Sponsoren konnten wir uns schon in der Vergangenheit nicht beklagen. Dennoch suchen wir große Unternehmen, die zum Nachtwandel passen und die Vielfalt und Lebendigkeit des Festes schätzen.

regioactive.de: Wofür werden diese 100.000 Euro ausgegeben?

Michael Scheuermann: Da gibt es unterschiedliche Kostenpunkte. Das ist einerseits das Kulturprogramm und andererseits Sicherheit und Ordnung sowie die dafür nötige Infrastruktur und Kommunikation.

regioactive.de: Was ist der größte Ausgabeposten?

Michael Scheuermann: Das ist ohne Zweifel Sicherheit und Ordnung. Das beinhaltet alles von Verkehrsabsperrungen und Toilettenhäuschen bis zum Einsatz von Rettungsdiensten, Polizei und Feuerwehr. Auch Security ist ein Faktor, denn wir haben sowohl ehrenamtliche als auch professionelle Ordner beim Nachtwandel. Es gibt ein Sicherheitskonzept, das einen Stab vorsieht, der permanent anwesend ist. Dort laufen die Informationen zusammen und alle Beteiligten sind permanent über Funk verbunden. Die Einrichtung dieser Infrastruktur muss finanziert werden.

regioactive.de: Werden einzelne Projekte unterstützt, wenn es dort an Geld mangelt?

Michael Scheuermann: Es gibt grundsätzlich die Möglichkeit für die Beteiligten, einen Antrag zu stellen, um Unterstützung zu erhalten. Die Kriterien sind da allerdings sehr eng gehalten, deshalb ist das eher die Ausnahme als die Regel.

regioactive.de: Wie ist der aktuelle Stand beim Gesamtkonzept für 2017? Was soll sich ändern und was soll bleiben?

Michael Scheuermann: Das Konzept steht in den Grundzügen und wurde im Konsens verabschiedet. Natürlich geht es da um Organisatorisches. Wir wollen weiterhin auf Beteiligung setzen, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Dadurch soll aber das ehrenamtliche und freiwillige Engagement der Mannheimer keineswegs verringert werden. Wir benötigen mehr Professionalität, aber das darf sich nicht verselbstständigen. Aus dieser Grundüberzeugung heraus lehnen wir eine Kommerzialisierung ab. Geschäftsinteressen dürfen den Markenkern des Nachtwandels nicht perforieren oder in Frage stellen.

regioactive.de: Vielen Dank für das Interview.

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