Alex Schulz

Alex Schulz © Rieka Anscheit, Quelle: Reeperbahn Festival GbR

Das Reeperbahn Festival ist nicht nur eines der größten Indie-Festivals Europas: Zur Konferenz werden dieses Jahr mehr als 3.500 Fachbesucher aus der Musikwirtschaft erwartet. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer Alexander Schulz über die Pläne für das nunmehr schon elfte Jahr.

Vom 21. bis 24. September 2016 lockt die Reeperbahn wieder zu Konferenz-Sessions, Showcases und Networking-Events. Schon seit seiner Premiere im Jahr 2006 wird das Branchenevent von Alexander Schulz mit seiner Firma Inferno Events geleitet. Zusätzlich wird Schulz die Neuauflage des Elbjazz Festivals organisieren, das 2017 wieder rund um den Hafen stattfinden wird.

Zum Gespräch trafen wir ihn hoch über St. Paulis Pferdemarkt, 800 Meter von der Reeperbahn entfernt. Aus dem Konferenzraum im 5. Stock hat man einen guten Blick auf das Stadion des FC St. Pauli. Auch der Grüne Jäger, das Knust, und der Musikbunker mit dem Uebel & Gefährlich sind in Sichtweite: einige der aufregendsten Spielstätten des Reeperbahn Festivals.

regioactive.de: Sprechen wir zuerst über die 2016er Ausgabe des Reeperbahn Festivals. Was gibt’s Neues?

Alexander Schulz: Ich kann noch keine Namen nennen, aber das weniger mainstreamige Programm wird an den ersten beiden Tagen stattfinden, das ist die Tendenz. Freitag und Samstag sind viele Leute unterwegs, die vielleicht nur ein oder zwei Tage kommen und dann die etwas prominenteren Namen als Anlass benötigen. Wir werden versuchen, den Spielbudenplatz etwas umzugestalten, damit klar wird: das ist unser Hauptspielort. Wir wollen das Feeling ein bisschen festivalesker hinbekommen, mit Ausstellungen im öffentlichen Raum, am Vorplatz des Mojo Club und soweit möglich an der Baustelle der ehemaligen Esso-Häuser.

regioactive.de: Das XJazz in Berlin hat ein ähnliches Konzept wie ihr, mit lokalen Konzerten in einem Umkreis von zwei Kilometern. Allerdings verkaufen die für jedes Konzert einzelne Tickets. Das war für euch nie eine Option?

Alexander Schulz: Nein, umgekehrt war es für uns stets der Reiz, das Problem zu lösen. Es ist eine Philosophiefrage. Das kommunikative Dach ist das Festival, nicht die Zugangslogik. Du wirst nie Leute davon überzeugen können, ein Ticket für einen Künstler zu kaufen, den sie nicht kennen. Unser Repertoire besteht zu 80% aus unbekannten Acts. Nur so rennst du auch mal in Überraschungen.

regioactive.de: Würdest du sagen, dass das Reeperbahn-Konferenz-Programm mittlerweile genauso wichtig ist wie das Festival?

Alexander Schulz: Wir wären nicht da, wo wir sind, wenn es nicht beides gäbe. Unsere Stärke besteht darin, dass wir, wie kaum eine andere Veranstaltung, Zugangs-Regelungen und Programmierungen so weit möglich für Fach- als auch für Konzert-Publikum öffnen. Alle von Partnern präsentierten Konzerte sind öffentlich. Wenn ich nur ein Wristband habe, konnte ich bislang keine Konferenz-Panels anschauen. Dieses Jahr werden wir einige Referenten bitten, ihr Panel ein zweites Mal am Samstag für die Öffentlichkeit anzubieten. Denn wir haben ein sehr musikinteressiertes Publikum, das von uns Überraschungen erwartet.

regioactive.de: Das heißt, ihr habt viele Fans, die sehr weite Wege auf sich nehmen?

Alexander Schulz: 55% der öffentlichen Besucher kommen aus der Metropolregion Hamburg, 12% sind international. Das heißt, ein gutes Drittel kommt aus anderen Bundesländern. Und diese Besucher bleiben immer länger als einen Tag.

regioactive.de: Ihr habt eine große Bandbreite an Panel-Speakern, von Herbert Grönemeyer bis Justizminister Heiko Maas, der dann allerdings einen Stellvertreter schicken musste.

regioactive.de: Grönemeyer war der richtige, weil der sich zu ästhetischen Fragen äußern kann, er kann zur Auskömmlichkeit mit Musik als Künstler, aber auch als Werbebetreiber mit seinem Label Grönland Stellung nehmen. Die Bandbreite beginnt bei Leuten aus der Musikwirtschaft und endet bei denen, die die Rahmenbedingungen dafür setzen, das ist in Zeiten digitaler Veränderungen wichtiger denn je. Und dafür stehen nun mal Politiker. Von denen will man zuerst wissen: Werden sie die Gesetze und ihre Haltung juristisch definieren? Dann erst kann man auch über die moralische Ebene reden. Appelle wie "Copy Kills Music" sind ja gut und schön, helfen aber nichts, wenn kein Gesetz der Welt das jemals ahndet. Da kann ich das meinen beiden Söhnen so oft erzählen, wie ich will. Heute geht es natürlich eher darum, dass die legale Verwertung nicht auskömmlich ist, vor allem wegen Youtube. Deshalb werden wir immer wieder Leute aus Politik und Verwaltung einladen.

regioactive.de: Welche Schwerpunkte setzt ihr beim Booking?

Alexander Schulz: Wir haben uns hinsichtlich der Musikfarbe, der Internationalisierung und der Bekanntheit von Künstlern nicht verändert. Aber da der Live-Entertainment-Bereich für jeden Künstler so eine enorme wirtschaftliche Bedeutung bekommen hat, konnten alle Konzertagenturen in der westlichen Welt enorm wachsen. Die signen mittlerweile Künstler, die gerade den Übungsraum verlassen haben. Diese Künstler haben wir früher direkt gebucht, meist beim Management. Da denke ich an Bon Iver: 2007 in Austin gesehen und dann gleich hier ins Knust gebracht. Die erste Europa-Show beim SXSW zu buchen – das wäre heute unmöglich. Wir sprechen noch dieselbe Ebene Künstler an, aber die sind längst professioneller organisiert.

regioactive.de: Ist das Reeperbahn Festival noch immer ein Indie-Festival? Beobachtest du da Veränderungen?

Alexander Schulz: Vor drei Jahren hatte jeder noch ne Mandoline und nen Zwirbelbart, selbst Electro war Electro-Folk. Das war dann irgendwann vorbei, jetzt gibt’s wieder Electro-Electro. So sind die ästhetischen Verschiebungen, und so bilden wir das auch ab. Wir haben neue Strömungen immer schon früh gezeigt, aber wir haben nicht den Anspruch, ausschließlich Trendsetter zu buchen. Wenn jemand, ästhetisch gesehen, eher konservativ unterwegs ist, aber in Deutschland und Europa noch nicht gehört wurde, dann werden wir den auch zeigen. Eine Sara Hartman macht keine besonders innovative Musik, hat aber bald 30 Millionen Plays auf Spotify. Und die hat noch kein Album. Um eine solche Künstlerin wird man sich kümmern. Musikalische Qualität und Unbekanntheit in Deutschland sind die Hauptkriterien.

regioactive.de: Was bedeutet der Standort Hamburg, für Musik im Allgemeinen und für Festivals im Besonderen?

Alexander Schulz: Wir kennen die anderen Festivals, die nur in Hamburg stattfinden können: Dockville und Elbjazz. Solche Formate, die spezifisch für einen urbanen Raum gebastelt werden, weil man bestimmte Image- und Infrastruktur-Parameter erkannt hat, kann es an jedem Ort geben. Das kann aber nur von Menschen zusammengewürfelt werden, die die Geisteshaltung eines Ortes kennen.

regioactive.de: Was ist denn die Geisteshaltung bei diesen beiden Festivals?

Alexander Schulz: Ein Elbjazz entwickelst du ja nicht nur, weil du die gute Idee hattest, den Hafen zu bespielen. Sondern weil du weißt, wie der Hafen in den Köpfen aller Menschen wirkt, nicht nur bei den Jazz-Liebhabern. Dockville ist auch eine Mischung: auf der einen Seite wusste man, dass der Stadtteil Wilhelmsburg entwickelt werden sollte, gleichzeitig ist es cool, auf der anderen Elbseite auf die Stadt zu schauen. Es war allen klar, dass es in Wahrheit die Speerspitze eines Stadtentwicklungsprojektes war. Was aber gut passt, in einer guten Ästhetik dargestellt wird, mit tollem Rahmenprogramm. Dann pflanzt du das da ein. Dann muss man natürlich den Platz kennen, seine Arbeit machen. So funktioniert auch das Reeperbahnfestival. Wenn du das SXSW kopieren willst, musst du wissen, wie man sich auf dem Kiez bewegen kann, welche Häuser infrage kommen, ob man überhaupt ein Indoor-Festival machen kann. Die drei sind gute Beispiele für Festivals, die so nur in Hamburg stattfinden können. Es gibt ja auch Festivals, die keinen bestimmten Ort brauchen. Ein Hurricane gibt es auch im Süden: das Southside. Veranstaltungen, die sehr über das Line-Up gehen, sind austauschbar.

regioactive.de: Wie sind eure Finanzen? Seid ihr mittlerweile sorgenfrei, was die Refinanzierung angeht?

Alexander Schulz: Das ist keine Veranstaltung, mit der man Geld verdienen kann. Im ersten Jahr sind wir auf die Nase gefallen und 2014, als es so warm war, hatten wir eine defizitäre Ausgabe. 2015 hatten wir einen Etat von 2,3 Millionen Euro. Davon sind 600.000 Landes- und Bundesmittel. Die Förderungsrate ist unter 30%; im nächsten Schritt wollen wir die 25% erreichen. Wir haben mit über 50% Förderquote angefangen.

regioactive.de: Du bist, wie im Dezember 2015 bekannt gegeben wurde, mit deiner Firma nun Geschäftsführer von gleich zwei Festivals, dem Elbjazz und dem Reeperbahn Festival. Das ist eine Umstellung, oder?

Alexander Schulz: Natürlich. Wir kannten bisher nur ein Produkt. Nun müssen wir eine andere Zielgruppe ansprechen. Als wir uns nach den ersten Anfragen im Herbst mit dem Elbjazz beschäftigt haben, sind wir erstmal alle auf Distanz gegangen. Plötzlich kippte das. So erinnerte sich der Kollege aus dem Sponsoring an eine bestimmte Marke, bei der er mit der jungen Reeperbahn-Zielgruppe nie landen konnte. Auch die Kollegin aus der Kommunikation fand es gut, andere Kanäle und Medienpartner ansprechen zu müssen, um auch den Blick auf die ursprüngliche Veranstaltung zu schärfen. Man ist ja immer sehr verhaftet in seinen Partnerschaften.

regioactive.de: Was wird sich beim Elbjazz ändern?

Alexander Schulz: Wir werden ein anderes Wording haben, eine neue Bildsprache – das war erst schwierig, aber jetzt macht es Spaß. Wir müssen z.B. wieder physische Tickets anbieten. Und haben uns auch gefragt: müssen wir auf der Website jetzt siezen?

regioactive.de: Der Geschäftsführer-Wechsel beim Elbjazz war ja eher unschön, Festival-Gründerin Tina Heine wurde wegen wirtschaftlichen Misserfolgs entlassen.

Alexander Schulz: Die Gesellschafter waren unzufrieden mit der Geschäftsführung, viel mehr ist nicht klar. Wir wissen bis heute nicht, wo bei der Veranstaltung die Untiefen liegen. Aber was da in den nächsten 10 Monaten auf uns zukommt, kann ich nicht sagen. Eine Hauptaufgabe ist natürlich, das Festival wirtschaftlich gesund zu kriegen. Dafür muss man bestimmte kostensparende Schritte unternehmen, und ob die der Veranstaltung gut tun und von der Zielgruppe angenommen werden, werden wir sehen.

regioactive.de: Wie sieht denn die Zielgruppe aus?

Alexander Schulz: Das Publikum beim Elbjazz ist eine komische Mischung: Da gibt es ja einerseits die wirklichen Jazz-Freaks, andererseits ein reines Erlebnispublikum. Kein einfaches Projekt. Die Veranstaltung war Tina Heines geniale Idee gewesen, die war besessen davon, über das Programmatische hinaus. Tina hat noch jeden zum Jazz-Fan gemacht, das werde ich nicht können. Unser Ansatz muss das Festival nicht schlechter machen, aber wir gehen etwas sachlicher heran. Die Programmierung übernimmt Karsten Jahnke selbst, und der ist ausgewiesener Jazz-Freak. Da muss sich keiner Sorgen machen, dass das nicht ein geiles Programm wird.

regioactive.de: Das Elbjazz hatte immer wahnsinniges Pech mit dem Wetter.

Alexander Schulz: Das Hauptgelände ist so windanfällig, wenn es da nur ein bisschen regnet, fühlt sich das gleich doppelt so kalt an. Aber dieses Werftgelände ist nun mal der USP dieser Veranstaltung, da können noch so viele Elbphilharmonien ankommen. Es ist schön, wenn die dabei ist, und vielleicht auch mal eine Kirche, aber bei Blohm+Voss muss man mehr machen, mehr Orte schaffen. Von den kleineren Bühnen wir es nur noch zwei bis drei geben, auf dem Werfgelände, oder nahe an der Elbphilharmonie. Das sind die Hotspots.

regioactive.de: Ist eine Zusammenarbeit von Folkert Koopmans (FKP Scorpio) und Karsten Jahnke als Gesellschafter des Elbjazz nicht eigentlich ungewöhnlich?

Alexander Schulz: Das ist tatsächlich ungewöhnlich. Diese Kooperationsbereitschaft trotz allen Wettbewerbs in Hamburg ist etwas Besonderes. Die Zusammenarbeit dieser zwei großen Konzertagenturen verläuft sehr kollegial. Hamburg ist eben groß, aber nicht so groß, dass man sich aus den Augen verliert. Sowas wie Lollapalooza oder Live Nation haben wir hier noch nicht, dafür viele kleinere, inhabergeführte Firmen. Hier ist man international ausgerichtet, aber kaufmännisch geprägt.

regioactive.de: Und du selbst wirst ab Oktober nur noch Jazz hören?

Alexander Schulz: Ich werde mehr Jazz hören, aber ich bin kein Jazz-Freak. Eigentlich höre ich meist Singer/Songwriter-Gejammer. Aber es wird beim Elbjazz nicht nur Jazz geben, sondern auch viel im Grenzbereich. Ich werde die Künstler verfolgen, die die Kollegen so buchen. Und mir dabei überlegen, wie man dieses wirklich reizvolle Setting noch besser inszenieren kann. Wie man das transportiert für die, die 2017 noch nicht dabei sind. Damit wir die 2018 am Start haben. 2017 ist erstmal ein Rantasten.

regioactive.de: Wir wünschen euch bei diesem neuen Unterfangen ebenso wie dem diesjährigen Reeperbahn Festival viel Erfolg! Danke für deine Zeit!

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