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© Romy Maxime

Laura Carbone hat nach Deine Jugend einen kompletten Neustart hingelegt. Mit ihrer Band singt die Wahl-Mannheimerin jetzt auf Englisch. Wir sprachen mit ihr uns über ihr Debütalbum, Inspiration, Vorbilder und warum "Girlpower" so wichtig ist.

regioactive.de: Laura, du hast bei deinem Album bis hin zur Covergestaltung überall selbst mit Hand angelegt. Wie fühlt es sich jetzt an die fertige Platte in der Hand zu halten?

Laura Carbone: Es hat tatsächlich einen Moment gedauert, bis ich kapiert habe, was für ein Prozess da jetzt zu Ende geht. Ich konnte mich erst dann freuen, als ich die Platte in der Hand hatte. Als die CD ankam hatte ich eher so einen Baby-Blues, wie eine Mama, die ihr Kind kriegt und nichts fühlt. Wahrscheinlich weil ich mit dem Medium CD gerade nicht so viel anfangen kann. Aber als das Vinyl ankam, brauchte ich erstmal fünf Minuten meine Ruhe und saß da mit meiner Platte und hab sie gestreichelt wie ein kleines Kätzchen. Es war diese Vinyl-Veröffentlichung, auf die ich hingearbeitet habe.

regioactive.de: In vielen Album-Kritiken werden Vergleiche zu PJ Harvey oder Lana Del Rey gezogen.

Laura Carbone: Ja, das ehrt mich wirklich. Ich finde beide Künstlerinnen hervorragend, jede auf ihre eigene Art und Weise. PJ Harvey ist schon lange eine Heldin für mich. Ihre Aura, ihr Auftreten als Frau, ihre Lieder, die teilweise hart und sperrig sind. Das alles finde ich unfassbar inspirierend. In Lana Del Reys neues Album habe ich mich richtig verliebt. Ich finde die Sounds toll, wie die Musik aufgenommen ist. Auch ihr Gesang ist hervorragend. Deshalb sind diese Vergleiche natürlich eine sehr große Ehre.

"Ein bisschen traurig, ein bisschen bittersüß"

regioactive.de: Und deine Vorbilder in der Musik?

Laura Carbone: Beim Schreiben gibt es ganz klar einen 90er-Einfluss, zu dem neben PJ Harvey auch The Breeders, Sonic Youth und die Smashing Pumpkins zählen. In Bezug auf die Sounds mag ich aber auch die 80er, wo es dann nach Sisters Of Mercy klingt oder Chris Isaac. Ich finde Gitarren hören sich bei mir immer nach den 80ern an, ein bisschen The Cure, ein bisschen bittersüß. Am Anfang war die Idee, so eine Art Soundtrack für "Eiskalte Engel" oder "Clueless" zu machen, also stillvolle, düstere, teilweise auch traurige Teenager-Movies. Inspirierend finde ich generell düstere Musik, auf der anderen Seite aber auch wieder Bands wie Best Coast, die machen ganz tolle Musik.

regioactive.de: Um beim Thema Inspiration zu bleiben: Welchen Stellenwert hat Mode für dich? Du hast schließlich als Fashionbloggerin angefangen.

Laura Carbone: Mode fasziniert mich auf jeden Fall, allerdings verschwende ich weniger Zeit als früher mit dem Blog und eben generell diesem Thema. Den Blog habe ich zeitgleich mit Deine Jugend mit meiner besten Freundin angefangen, aber es gab nie die Idee, einen Fashionblog zu machen. Das nannte man das Konzept dann, wen man Bilder von sich hochlädt, aber das war mir zu der Zeit nicht bewusst, dass es in diese Richtung geht. 

"Ich will mich generell in allen Ebenen ausleben"

regioactive.de: Also war das eher ein Hobby?

Laura Carbone: Genau. Das war zu der Zeit total spannend für uns, da man das Ergebnis nie wirklich absehen kann. Und für mich ist visuelle Inspiration immer noch wichtig. Modestrecken zum Beispiel finde ich super, oder Leute, die irgendwie krass angezogen sind. Ich will mich generell in allen Ebenen ausleben und kreativ zeigen, für mich gibt es da keine Grenzen. Mein Kleidungsstil gehört da natürlich auch dazu und das Stage Design.

regioactive.de: Dein Style auf der Bühne geht tatsächlich in eine ganz bestimmte Richtung. Suchst du das bewusst aus für dein Image als Künstlerin?

Laura Carbone: Nein, das passiert einfach so. Ich bin modisch tatsächlich mittlerweile sehr gefestigt, ich weiß was zu meinem Körper und meinem Aussehen passt und was gut auf der Bühne aussieht. Das sind alles Erfahrungswerte die ich im Laufe der Jahre sammeln konnte, so dass ich mich mittlerweile was Kleidung angeht sehr sicher fühle.

regioactive.de: In punkto Inspiration ist auch noch erwähnenswert, dass du viele christliche Symbole verwendest. 

Laura Carbone: Absolut. Ich kann gar nicht sagen woher das kommt. Vielleicht dadurch, dass meine Familie aus Italien stammt, wo Religion noch einen ganz anderen Stellenwert hat als hier. Diese Symbolik fasziniert mich und ist für mein Verständnis von Ästhetik auch sehr wichtig. Dadurch kommen dann auch tatsächlich Wörter und Themen auf’s Papier, die ich so spontan wahrscheinlich nicht sagen würde. Aber wenn ich mich dann zum Schreiben hinsetze, kommt alles raus, was ich irgendwann irgendwo mal aufgesaugt habe. 

regioactive.de: Und wie sieht es mit sozialen Medien aus? Du bist sehr aktiv auf Facebook, Twitter und Instagram. Ist das für dich ein Weg dich zu vermarkten oder mit deinen Fans in Kontakt zu treten?

Laura Carbone: Beides. Ich finde das Internet ist ein hervorragender Weg, um sich zu präsentieren, auch ohne Mittelsmann. Es gefällt mir, dass ich dort direktes Feedback bekomme. Ob es nun gut ist oder nicht, sei dahin gestellt, aber die Möglichkeit ist eben da. 

Im zweiten Teil des Interviews spricht Laura Carbone über ihre Erfahrungen mit Crowdfunding, den neuen Feminismus und künftige Projekte.

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"Es ist schön zu wissen, dass Leute an dein Projekt glauben"

regioactive.de: Du hast dein Album mit Crowdfunding finanziert. Fühlst du dich deshalb deinen Fans besonders verbunden?

Laura Carbone: Als die Crowdfunding-Idee kam, habe ich mich innerlich lange Zeit dagegen gewehrt. Es war ein langer Prozess bis ich es angenommen und gemerkt habe, dass es tatsächlich viele Vorteile hat, wenn ich mich dadurch finanziell ein bisschen unabhängiger mache. In meinem Fall ging es lediglich um die Basiskosten, da heißt Mastering, CD-Pressung, Vinyl-Pressung. Grafik und so weiter war da noch nicht mit drin. Ich wollte heraufinden, ob es überhaupt jemanden gibt, der das mitmacht. Und dann ging es tatsächlich sehr schnell, auch international.

regioactive.de: Welche Plattform hast du benutzt?

Die Aktion lief über PledgeMusic, eine internationale Plattform, so dass ich auch Leute aus den USA, aus Australien und aus ganz Europa auf das Projekt aufmerksam machen konnte, mit denen ich auch jetzt noch Kontakt halte. Das war wirklich ein Über-Erlebnis: Dass ich so ein Feedback bekommen habe und so viele Menschen fand, die mich ermutigt haben. Es ist einfach schön zu wissen, dass Leute, die nichts mit dir zu tun haben und nicht in dein Projekt verstrickt sind, an dich glauben. Dafür bin ich wirklich sehr dankbar.

regioactive.de: Du machst auch Gebrauch vom Streaming, was für die Künstler finanziell durchaus Nachteile birgt. Wie siehst du das?

Laura Carbone: Für mich als Newcomer ist Spotify einfach ein Promo-Tool. Leute sind wenig kaufbereit, was Musik angeht. Die gehen vielleicht auf ein Konzert, kaufen sich vielleicht ein T-Shirt, aber wann kaufen sie die Platte oder laden sie runter? Für mich war das keine Frage, mein Album da zurückzuhalten, weil es einfach hilft. Natürlich ist es nicht schön zu sehen, wie viel Geld ich erhalte beziehungsweise nicht erhalte, aber auf der anderen Seite muss man lernen, mit neuen Gegebenheiten umzugehen und sich irgendwie weiterentwickeln. 

"Ich will mich nicht limitieren"

regioactive.de: Sprachlich hast du dich auch weiterentwickelt, bist von deutschen zu englischen Texten gewechselt. Wie kam es dazu?

Laura Carbone: Nach zwei Alben mit Deine Jugend haben wir angefangen mit meinen Sachen weiterzumachen. Das war zu einem Zeitpunkt, als ich komplett gesättigt war von allem, was irgendwie mit deutscher Musik zu tun hatte. Ich habe keinen Reiz mehr verspürt, irgendeine Textzeile auf Deutsch zu schreiben oder einzusingen. Ich wollte eine komplett weiße Leinwand, die ich selbst mit meinen neuen Farben bemalen konnte, und dazu gehört auch die Sprache. Außerdem habe ich auch gedacht, wenn ich auf deutsch weitermache, halte ich mich immer, außer ich bin Rammstein, in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf. Da wollte ich mich nicht beschränken. Momentan möchte ich mich durch so etwas wie Sprache nicht limitieren.

regioactive.de: Von dir hört man auch öfters mal das Wort "Girlpower". Was genau bedeutet der Begriff für dich?

Laura Carbone: Dass es Mädchen und Frauen gibt, die genau wissen, was sie wollen und sich nicht einschüchtern lassen. Ich habe gemerkt, dass man das braucht, wenn man im Alleingang so ein Projekt machen will. Ich denke es ist schon anders, ob du das als Mann machst oder als Frau. Es gab Momente, da habe ich gespürt, dass "Girlpower" mehr ist als nur Spice Girls, und warum man das braucht.

"Auch bei uns gibt es noch viel zu tun"

regioactive.de: Der Feminismus hat gerade im letzten Jahr eine Kehrtwende gemacht, mit Vertretern wie Emma Watson und Co. Was denkst du darüber, gerade im Hinblick auf deine Erfahrungen?

Laura Carbone: Ich finde das ganz toll, dass immer weniger Leute Angst vor negativen Assoziationen haben. Feminismus bedeutet ja auch eigentlich etwas ganz harmloses, nämlich die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Da geht es nicht um diese stupiden stereotypischen Sachen, dass alle Frauen ohne BH rumrennen wollen oder so, sondern es geht einfach nur um Gleichberechtigung. Ich glaube, da ist immer noch, auch bei uns, ganz viel zu tun, aber es ist schön, dass sich immer mehr Leute, auch Männer, als Feminist outen, ohne Angst haben zu müssen, gleich blöd angeguckt zu werden. Klar passiert auch das noch, aber man sollte alle Frauen und Mädchen bestärken, dass man keine Angst davor haben muss, als Frau unabhängig und vor allem gleichberechtigt zu sein.

regioactive.de: Was bringt das kommende Jahr noch für dich?

Laura Carbone: Ich hoffe, dass ich noch mehr Konzerte spielen werde. Dass ich vielleicht auch eine kleine Tour im Herbst mache. Ich werde noch ein paar Videos drehen, und mir schwebt schon wieder ein kleiner 7-inch-Single-Gedanke durch den Kopf. Das ist definitiv ein Projekt, dass jetzt nach dem Album-Release in Planung ist.

regioactive.de: Dann mit neuem Material?

Laura Carbone: Ja, ich habe die "Ceremonials" angefangen. Mich haben ein paar Leute gefragt, ob ich nicht mal was akustisches machen könnte, aber akustische Gitarren will ich in meiner Musik nicht hören. Zumindest jetzt nicht. Ich habe ewig lange überlegt, wie ich etwas in der Richtung umsetzen kann, und bin auf jemanden gestoßen, der Kirchenorgel spielt. In Kombination mit meinem Gitarristen werden meine Songs dann eben in die "Ceremonials" verpackt. Das hört sich dann an, als wäre es in der Kirche eingespielt worden. Das sind dann also meine Lieder in einer schönen, getragenen, vielleicht noch düsteren Version als sie eigentlich schon sind. Es wäre schön, wenn ich das als langfristiges Projekt noch mal festhalten kann, das dann vielleicht live auf Vinyl zu pressen. Aber das ist Zukunftsmusik, so ein kleiner Stern irgendwo am Horizont. 

regioactive.de: Klingt auf jeden Fall sehr spannend. Dann wünschen wir dir alles Gute und viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.

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