© Christian Kleiner

Für 17 Tage verwandelt das Festival "Theater der Welt" Mannheim zur Bühne. Vom 23. Mai bis zum 8. Juni präsentiert es mit rund 30 Produktionen aktuelle Strömungen der darstellenden Künste in Deutschland und weltweit. Kurator ist Matthias Lilienthal. Der zukünftige Intendant der Münchner Kammerspiele gilt als Wegbereiter und Erfinder neuer Theaterformate.

AM: Herr Lilienthal, Sie sind eine Art Sozialforscher, der mit theatralen Mitteln arbeitet. Welche Entdeckungen haben Sie in Mannheim gemacht?

Matthias Lilienthal: Bei der Annäherung an die Stadt Mannheim stand ich irgendwann auf der kleinen Fußgängerbrücke zwischen den Neckartürmen und dem Collini-Center. Es kam mir alles bekannt vor, obwohl ich hier noch nie war. Mannheim hat die positiven Eigenschaften der Bundesrepublik vor der Wende bis in die Jetztzeit gerettet.

"In Mannheim ist die alte BRD noch lebendig"

AM: Die Endachtziger sind hier also noch lebendig?

Matthias Lilienthal: Wenn man es ein bisschen ironischer sagt: Mannheim ist auf einer gewissen Ebene eine in Kunstharz gegossene Bundesrepublik Deutschland. Doch nicht ganz, denn es gibt eine angenehm proletarische Kultur, die manchmal abrupt durch Multimillionäre durchbrochen wird. Normalerweise werde ich immer mit Blicken taxiert, weil ich wie ein Edelpenner ­rumlaufe. In Mannheim kann ich versuchen, was ich will, es passiert nichts. Es gibt hier eine alles umarmende Akzeptanz. In Stuttgart tragen die jungen Architekten T-Shirts mit der Aufschrift "Ich will nicht nach Berlin", in Mannheim freut man sich, wenn jemand aus Paris oder London zu Besuch ist.

AM: Wie werden Sie diese Neugierde auf die große weite Welt aufgreifen?

Matthias Lilienthal: Das Festival wird natürlich versuchen, ein bisschen Sao Paolo, ein bisschen Tokio und ein bisschen Manila nach Mannheim zu bringen.

"Ich muss nicht immer der Erste sein."

AM: Mit welchen Gastspielen?

Matthias Lilienthal: Ein konkretes Beispiel ist Bruno Beltrão, ein brasilianischer Choreograf, der vor zehn Jahren damit angefangen hat, die Hip-Hop-Moves von MTV zu kopieren. Er ist inzwischen einer der bestimmenden Choreografen und hat eine Gruppe von auf der Straße zusammengelesenen Tänzern in eine solche Virtuosität getrieben, dass er diese Art von Hip-Hop-Dance in einer unglaublichen Genauigkeit präsentiert. Seine Produktion ist auf vielen Gastspielen gewesen und gehört bei uns zur Kategorie "auf 20 Festivals gewesen und erst dadurch richtig gut geworden". Ich finde es super, wenn man auch Produktionen zu einem Zeitpunkt zeigt, an dem sie die Höhe ihrer Qualität erreicht haben. Ich muss nicht immer der Erste sein. Ich bin auch manchmal froh, wenn ich der Zwanzigste bin.

AM: Nun zeigen Sie natürlich ganz neue Formate, zum Beispiel X-Firmen. Was verbirgt sich dahinter?

Matthias Lilienthal: Vor zwei Jahren gab es bei den Schillertagen X-Wohnungen, ein Format, das ich vor mehr als zehn Jahren konzipiert habe. Das waren Performances in privaten Wohnungen. Alle zehn Minuten wurden zwei Zuschauer hineingelassen. Wir haben dabei mit dem Voyeurismus der privaten Welt gearbeitet. Das Projekt führen wir jetzt in Firmen weiter.

"Wir werden eine Tour mit acht Performances bei SAP machen"

AM: Welche Firmen haben Sie dafür ausgewählt?

Matthias Lilienthal: Wir werden etwa eine Tour mit acht Stationen bei SAP machen. Die Arbeitswelt dort hat etwas extrem Überraschendes, da die Mitarbeiter zum Beispiel erst am Freitag erfahren, in welchem Büro sie in der nächsten Woche arbeiten. Die Arbeitsgruppen werden immer wieder durcheinandergewürfelt und das führt dazu, dass jedes Büro aussieht wie das andere. Diese Realitäten zu untersuchen, macht uns extrem viel Spaß.

AM: Gehen Sie mit dem Theaterpublikum durch die Büros von SAP?

Matthias Lilienthal: Es wird dort acht kleine Performances geben. Eine interessante Frage ist dabei, ob die Mitarbeiter davon genervt sind, dass sie die Büros ständig wechseln, oder ob sie es als Abwechslung empfinden. Es kann einem ja auch auf die Nerven gehen, wenn man jeden Tag die gleichen Leute vor der Nase hat. Die überraschende Realität dahinter interessiert mich. Mich interessieren nicht meine Vorurteile, mich interessieren die Geschichten.

"Ich glaube, dass das klassische Repertoire abgelöst wird"

AM: Bei "Theater der Welt" werden neue Tendenzen aufgegriffen. Wo sehen Sie selbst die Zukunft des Theaters?

Matthias Lilienthal: Ich glaube, dass es sukzessive zu einer Ablösung des klassischen Repertoires kommen wird. Auch das Regietheater mit der Umwertung des klassischen Repertoires wird zunehmend unwichtiger werden. Nach der großen Welle des Dokumentartheaters gibt es jetzt ein Interesse an narrativem Theater und einem Theater, das mit Ritualen zu tun hat. Da stellt sich natürlich die Frage: Wo ist die große Gegenerfindung, die sich formulieren wird?

Über "Theater der Welt"

Theater der Welt ist eines der bedeutendsten internationalen Theaterfestivals Deutschlands. Ähnlich der documenta im Bereich der bildenden Kunst präsentiert das Festival alle drei Jahre die innovativsten Entwicklungen des Theaters aus aller Welt.

Das Festival wurde 1981 vom Internationalen Theater­institut (ITI) initiiert und findet alle drei Jahre in einer anderen Stadt in Deutschland statt. Nach Stuttgart, Halle und Essen ist in diesem Jahr Mannheim der Veranstaltungsort. Die jewei­lige künstlerische Leitung prägt gemeinsam mit ihrem Team die Handschrift der Ausgabe.

Dieses Interview ist dem Magazin "Die Festivals", einer gemeinsamem Broschüre der Festivalregion Rhein-Neckar entnommen. Das Magazin zu den Festivals und weitere Publikationen zur Metropolregion Rhein-Neckar können hier bestellt werden.

Theater der Welt 2014 in Mannheim

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