regioactive.de: Gibt es ein Clubsterben in Stuttgart?

Peter James: Es gibt definitiv ein Spielstättensterben. Die Röhre, der Landespavillon, Rocker 33, das Zapata und aktuell schon wieder Rocker 33, das gerade erst eine Zwischennutzungsfläche bezogen hatte. Es fallen Spielstätten weg, für die es bisher noch keinen Ersatz gibt.

regioactive.de: Eine Gemeinsamkeit gibt es bei vielen der Spielstätten: Die Schließung hat mit Stuttgart 21 zu tun. Die Auswirkungen dieses Großprojekts sind offensichtlich schon deutlich spürbar.

"Es existieren nur wenige Ausweichflächen"

Peter James: Die Innenstadt wird großflächig umgestaltet und aufgrund der beengten Lage der Stadt existieren nur wenige Ausweichflächen. Zwischennutzungen wie zuletzt Rocker33 im ehemaligen Filmhaus helfen nur sehr begrenzt, weil sie regelmäßig mit Investitionen verbunden sind, deren Refinanzierung unsicher ist. Zu diesen Problemen kommen auch noch behördlichen Auflagen, Anliegerprobleme und ähnliches. Deshalb gelingt es im Moment nicht, geeignete Flächen aufzutreiben.

regioactive.de: Für diejenigen, die Stuttgart nicht so gut kennen: Die Stadt liegt in einem Talkessel und hat deshalb geringe Wachstumsmöglichkeiten. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass Stuttgart 21 anfangs eine populäre Idee war: Damit sollte auf ehemaligem Bahngelände ein neues Stadtviertel mitten in der Innenstadt entstehen.

Peter James: Richtig. Es ist eine Umnutzung vorgesehen, und das war in der Tat für viele ein Grund, sich anfangs dafür auszusprechen. Inzwischen sind zahlreiche Stuttgarter angesichts der allgemeinen Kostenexplosion aber der Ansicht, dass die Kosten-Nutzen-Relation komplett aus dem Ruder gelaufen ist.

"Haben die Politiker den Willen, sich des Problems anzunehmen?"

regioactive.de: Man könnte sich vorstellen, dass in diesem neuen Stadtgebiet, wenn es irgendwann fertig ist, neue Möglichkeiten für Clubs entstehen. Zunächst entstand aufgrund der Maßnahmen allerdings ein Vakuum, das bislang offenbar nicht behoben werden kann. Kann man das so zusammenfassen?

Peter James: Genau. Die Frage ist nun: Gibt es den politischen Willen, sich dieses Problems anzunehmen? Man muss auf die Suche nach geeigneten Flächen gehen, diese erschließen und zur Verfügung zu stellen. In Hamburg etwa ist der Mojo-Club durch den Abriss eines Gebäudes weggefallen, die Stadt hat aber dafür gesorgt, dass er in unmittelbarer Nähe in neuer Form wiedereröffnet wurde. Dafür muss aber auf politischer Seite der Wille vorhanden sein, auch diesseits der Hochkultur für ausreichend Spielstätten zu sorgen.

regioactive.de: Wie fällt ihre Diagnose bisher aus?

Peter James: Ich kann es im Moment noch nicht so richtig abschätzen. Die Situation ist merkwürdig: Man gibt sich gesprächsbereit und zeigt sich offen für die Probleme. Konkret hat sich allerdings noch nichts bewegt. Ich vermisse ein klares Bekenntnis zur aktuellen, lokalen Popkultur, die seitens der Politik mehrheitlich offenbar eher geduldet als proaktiv gefördert wird. Eine visionäre "Ruck-Rede" zum Thema mit dem Willen zur Gestaltung, zur Schaffung von Ausweichflächen etc., zum Beispiel. Andererseits stehen wir unmittelbar vor Kommunalwahlen und möglicherweise demnächst einer neuen Konstellation im Rathaus. Auch das könnte eine Erklärung für den momentanen Stillstand sein.

Lest im zweiten Teil, wie Anwohner den Clubs das Leben schwer machen und warum sich in Stuttgart kurzfristig wenig ändern wird.

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"Die Streitbereitschaft der Anwohner ist gewachsen"

regioactive.de: Liegen dieser Entwicklung nicht auch tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen zugrunde? Wohnraum wird immer teurer und die Industriebrachen in publikumsfreundlichen Stadtlagen sind immer schwieriger zu bewirtschaften.

Peter James: Dass Clubs generell aus den Innenstadtlagen verdrängt werden, hängt sicher auch mit der erhöhten Streitbereitschaft der Anwohner zusammen. Musik wird ab 22 Uhr zum Lärm und auch der Publikumsbetrieb, der sich draußen auf der Straße abspielt, kann zu Anwohnerbeschwerden führen. Außerdem beobachten wir ein verändertes Konsumentenverhalten: Die Leute scheuen weite Wege und wollen alles möglichst zentral und in Laufnähe. Es gibt also nur wenig Möglichkeit, in abgelegene Randbezirke auszuweichen. Kommt hinzu, dass seit der Love Parade in Duisburg die Last der allgemeinen Auflagen deutlich zugenommen hat. Insgesamt wird es also immer aufwändiger, einen Club profitabel zu betreiben. Das war vor 20 oder 30 Jahren noch wesentlich einfacher.

regioactive.de: Auf der anderen Seite entdecken Stadtplaner die Musikkultur als Element der Stadtplanung.

Peter James: Das ist hier noch nicht sehr weit gediehen. Ich habe vor Kurzem das erste Mal erlebt, dass im Zusammenhang mit Zwischennutzungen, mit denen man sich in Stuttgart seit einiger Zeit befasst, behördenübergreifend eine Gesprächsrunde zusammengestellt wurde, bei der Liegenschaftsamt, Ordnungsamt, Baurechtsamt, Feuerwehr und alle anderen Beteiligten an einem Tisch saßen. Diese neue Form modernen Verwaltungshandelns begrüße ich sehr: Behördenübergreifendes Handeln könnte in Zukunft zu schnelleren und besseren Lösungen führen.

"In Stuttgart wird sich kurzfristig nur wenig bewegen"

regioactive.de: Dieser Prozess fällt vor allem in mittelgroßen Städten auf: In Wiesbaden wurde der Schlachthof aufwändig renoviert und feierlich eingeweiht, in Heidelberg wird die Halle02 saniert und in den neuen Stadtteil integriert. Stuttgart tut sich in dieser Hinsicht schwer. Ist trotzdem erkennbar, dass man sich um die Kreativszene bemühen will?

Peter James: Man bemüht sich schon um die Kreativszene. Aber es gibt in Stuttgart unterschiedliche Interessen: Manche würden Gewerbeflächen gerne für die Nutzung durch Kreativwirtschaft und Unterhaltungsgastronomie freigeben. Andere wollen die Flächen weiterhin der Industrie zur Verfügung stellen, um Neuansiedlungen zu fördern. Die Situation ist meines Erachtens eher nicht vergleichbar mit Orten wie Wiesbaden oder Heidelberg, einschließlich des finanziellen Engagements der öffentlichen Hand. In Stuttgart wird sich kurzfristig nur wenig bewegen, eher rechne ich mit einem sehr langfristigen, politischen Prozess. Aus diesem Grund wurde auch das Club Kollektiv Stuttgart ins Leben gerufen. Man musste eine verbindliche Adresse schaffen, die sich mit Politik und Verwaltung auseinandersetzt und einen geregelten Dialog führt.

Lest im dritten Teil mehr über die Ziele des Club Kollektivs und weshalb in Stuttgart die Bedeutung der Kreativszene unterschätzt wird.

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regioactive.de: Wie kam es zur Gründung des Club Kollektivs?

Peter James: Es gab eine Eskalation vor etwa eineinhalb Jahren, als die Behörden ein Nachlassen des Drucks wegen Stuttgart 21 verspürten und personell wieder mehr Spielraum hatten. Die Ämter gaben sich plötzlich auffällig dominant und führten wiederholt Kontrollen durch, bei denen gleich ein Dutzend Uniformierte während der Cluböffnungszeiten aufliefen, um Jugendschutzkontrollen oder ähnliches durchzuführen. Das sorgte zunächst für böses Blut und gelangte über die Presse auch an die Öffentlichkeit. Es gab anschließend Gespräche, „Runde Tische“ wurden einberufen und Kontrollen in dieser Schärfe fanden auch nicht mehr statt. Wir gelangten aber zu dem Eindruck, dass runde Tische auf Dauer keine Lösung sind. Wir leben nun einmal in einem Staat, in dem Interessenvertretungen über geregelte Institutionen laufen. Deshalb haben sich die Clubbetreiber dazu entschlossen, eine solche Institution zu schaffen.

"Die Gründung des Club Kollektivs wird langfristig Früchte tragen"

regioactive.de: Hat das schon einen spürbaren Effekt erzeugt?

Peter James: In der Presse wurde das Ganze recht schnell aufgegriffen, eine gewisse Außenwahrnehmung ergab sich also bereits. Da die Gründung zunächst in kleiner Runde mit 14 Mitgliedern stattfand, akquirieren wir momentan weitere Mitglieder und stellen uns zunächst intern auf. Das wird noch einige Wochen dauern. Anschließend wollen wir das Gespräch mit der Politik und Verwaltung suchen, bevor schließlich die Kommunalwahl ansteht, von der wir uns eine gewisse Mobilisierung und Dynamisierung erhoffen. Es kam aber auch schon zu Kontakten, die ohne das Club Kollektiv nicht zustande gekommen wären. Wir sehen daher schon jetzt, dass es der richtige Weg ist und langfristig Früchte tragen wird.

"Die Bedeutung der Kreativszene wird in Stuttgart unterschätzt"

regioactive.de: Die Probleme sind aber im Kleinen wie im Großen offensichtlich dieselben: Das Engagement der öffentlichen Hand ist ausbaufähig, da immer noch nicht erkannt wurde, dass es sich bei der Gegenwartskultur um einen Wirtschafts- und einen Lebensfaktor handelt.

Peter James: Ganz genau. Gerade die jüngeren Generationen sind nicht mehr primär auf hohe Einkommen und Statussymbole wie Autos etc. fixiert. Es bahnt sich offenbar eine Wertewandel an, bei dem andere Dinge in den Vordergrund treten, zum Beispiel umfassendere, kulturelle Angebote, Freiräume insgesamt etc. Ich habe den Eindruck, dass Stuttgart im Vergleich mit anderen Metropolen momentan gerade in diesem Bereich in der Wahrnehmung ein paar Jahre zurückliegt: Selbstverständlich sind Kindertagesstätten extrem wichtig, aber nicht nur diese.

Von Kulturpolitikern hören wir immer wieder: "Auf die Wirtschaftskraft des Standortes kommt es an". Die sogenannten soften Standortfaktoren, die auch die Außenwahrnehmung von Stuttgart prägen, sind allerdings nicht statisch, sie verändern sich. Das kommt hier nur langsam an und so wird Stuttgart trotz Stuttgart 21 oft noch als konservativ und provinziell wahrgenommen. Dies zu verändern braucht es politische Prozesse, die sich nicht mit einem Fingerschnipsen umsetzen lassen. Und damit sind wir wieder beim Club Kollektiv angelangt. Der ist notwendig, um die Interessen zu organisieren und Sprecher zu finden, die einen geregelten Dialog aufnehmen. Ein Aufschrei ab und zu hilft da nicht weiter.

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