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Selig spielen im März und April 2013 sechzehn Shows in 15 Städten in Deutschland und Österreich © 2012, RABSCH

In den 1990er Jahren waren Selig die deutsche Grunge-Band schlechthin. Bis sie sich Ende des Jahrzehnts plötzlich auflösten. Erst 2008 feierte die Band eine Reunion. Mit "Magma" erschien nun das dritte Album seit dieser Wiedervereinigung. Wir trafen Selig in Berlin und sprachen mit Jan Plewka, Christian Neander und Lenard Schmidthals über das neue Werk, den "Teufelskreislauf des Ruhms", Scheinheiligkeit und die digitale Welt im Allgemeinen.

regioactive.de: Ihr feiert dieses Jahr euer 20-jähriges Bandjubiliäum. Wie fühlt es sich an nach der Reunion vor einigen Jahren heute getreu eines eurer neuen Songs in "Love & Peace" zu leben?

Jan Plewka: Die 90er Jahre zu verarbeiten war ein langer und schwieriger Prozess für uns. Als wir uns gründeten, gab es die Black Crowes noch unter den Ladentischen der Plattenläden. Diese Musik hat uns so begeistert, dass wir diesen Rock'n'Roll auch auf die Bühnen bringen wollten. Musik mit außergewöhnlichen Texten, die so noch keiner gesungen bzw. gespielt hat. Das ging anfangs gut, doch dann haben wir schnell gemerkt, dass die Erfolgswelle zu schnell auf uns zugerast war – vier Jahre lang sind wir praktisch durch jede Mauer gerannt. Doch gleichzeitig taten sich die dunkelsten Abgründe auf, die sich bei uns in Emotionen wie Verzweiflung, Hass, Wut, Enttäuschung und Größenwahn niederschlugen, was auch mit Drogenkonsum einherging. Die zehnjährige Pause bis zu unser Reunion brauchten wir, um uns von diesen exzessiven Jahren zu erholen. Dass wir es geschafft haben, wieder eine Band zu werden, ist deswegen eigentlich unser größter bisheriger Erfolg.

"Wir sind praktisch durch jede Mauer gerannt"

regioactive.de: Wie habt ihr wieder zu euch selbst gefunden?

Jan Plewka: Das war nicht leicht, weil wir dafür erst einmal unsere ganzen Dämonen auf den Tisch packen mussten. Aber nachdem wir bestimmt ein halbes Jahr nichts anderes getan hatten als miteinander zu reden, und nachdem wir eine Liste erstellt hatten, welche Dinge gegeben sein müssten, um es mit unserer Band noch einmal zu versuchen, wussten wir, dass es gelingen kann. Als wir dann das erste Mal wieder im Studio zusammenkamen und die Instrumente in die Hand nahmen – da wussten wir endgültig, dass wir immer noch eine Band sind. Das war für uns ein wahnsinnig erhebendes Gefühl, weil es nichts Schöneres auf der Welt gibt, als wenn der ganze angestaute Hass von der Seele abfällt. Der Song Love & Peace ist insofern ein Zeitzeuge, was von den 80er bis in die 90er und die Millenniums-Jahre nicht nur in der Welt passiert ist, sondern wie auch uns diese Jahre im Schatten der Ereignisse verändert haben. "Wenn du die Welt nicht verändern kannst, dann verändere dich selbst" – dieser simplen Rat ist nicht nur autobiographischer Natur. Den wollen wir den Menschen mit auf den Weg geben.

regioactive.de: Inwieweit kann man heutzutage noch die Welt verändern?

Lenardt Schmidthals: Wenn man sich heute anschaut, was in den letzten drei Jahrzenten in Sachen Atomkraft passiert ist, dann kann man die Welt heute schon noch verändern. Es sollte uns darin bestärken etwas für unsere eigene Geschichte zu tun und darin, sich darüber klar zu werden, dass man als Bürger unseres Landes selbst die Gesellschaft wiederspiegelt. Man sollte nicht nur den Gesetzgebern die Schuld an bestimmten Entscheidungen geben, sondern selbst die Initiative ergreifen.

Jan Plewka: Wichtig ist, dass man nicht in Gleichgültigkeit versinkt, sondern darum kämpft, was man verändern möchte – auch wenn es unerreichbar scheint. Auch ich hatte das Projekt Selig schon längst abgehakt, doch der Zufall wollte es so, dass wir uns wiedertrafen und nach all den Jahren Frieden und Freundschaft geschlossen haben.

Christian Neander: Auf der einen Seite muss jeder einzelne Mensch selbst entscheiden, wie er mit seiner Lebenssituation umgeht und wann, wo und wie man seine eigene Überzeugung zum Ausdruck bringen möchte. Wir versuchen in unserer Musik Themen zu erörtern, die uns bewegen. Manchmal ist das politisch, aber oft kann das auch etwas Unpolitisches sein. Wichtig ist, dass man von der Sache überzeugt ist. Wenn dein Gegenüber spürt, dass deine Beweggründe authentisch und ehrlich sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass der andere selbst damit anfängt etwas für einen höheren Zweck zu tun, um in der Welt damit etwas in Schwingung zu bringen.

Jan Plewka: Es geht vor allem darum, offen für die Welt und die Beweggründe und Gedanken Anderer zu sein. Wir als Band sind nicht nur sehr offen zueinander, sondern schreiben auch sehr persönliche Songs. Manche warnen uns vor dieser Offenheit, aber uns wird dadurch darüber bewusst, was es heißt, gewisse Momente der Freiheit offen genießen zu können.

"Scheinheiligkeit hat sehr viel mit Gleichgültigkeit zu tun"

regioactive.de: Im Song Ich Lüge Nie spielt ihr auf die Scheinheiligkeit in unserer heutigen Gesellschaft an.

Jan Plewka: Diese Scheinheiligkeit hat sehr viel mit Gleichgültigkeit zu tun. Nur wenige Menschen hinterfragen die Ereignisse, die in ihrem Umfeld passieren. Der Song Ich Lüge Nie drückt dieses  Gefühl sehr gut aus, wenn man aus Bequemlichkeitsgründen lieber scheinheilig ist als seine Gleichgültigkeit aufzugeben. Wenn ich einen Bank-Chef als Beispiel nehmen darf: Wenn er meint, dass er sich nichts zu Schulden hat kommen lassen, aber im gleichen Satz ausdrückt, dass er ja auch nur das tun kann, was in seinen Möglichkeiten steckt, dann drückt das genau dieses Gefühl einer Ohnmacht und Gleichgültigkeit aus, die einen dann scheinheilig wirken lässt. Oder wenn eine Demo stattfindet: Wie viele Schaulustige gibt es, die die Demo mit ihrem iPhone abfotografieren, das auf Facebook stellen, ihre Facebook-Freunde aufrufen auch zu dieser Demo zu kommen, aber gleichzeitig selbst ins Starbucks einen Kaffee trinken gehen, anstatt daran aktiv teilzunehmen und etwas zu bewegen? Das ist dann nichts anderes als scheinheilig...

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"In der digitalen Welt gibt es kein Hier und Jetzt mehr"

regioactive.de: Inwieweit kann aber gerade dieses interaktive Posten und Verkünden solcher Protestaktionen zu mehr Engagement beitragen? Mit Aufrufen bei sozialen Plattformen wie Facebook oder Twitter werden heute ja ganze Flashmobs organisiert und spontan Menschen zu Bewegungen zusammengerufen, die vorher keiner vorausahnen konnte...

Christian Neander: Ich finde, dass es in dieser Hinsicht Vor-und Nachteile gibt. Durch das Weiterverbreiten solcher Meldungen im Internet verlieren die Dinge etwas von der Mystik einer geheimen Spontanaktion. Natürlich können aus Flashmobs Bewegungen entstehen und auch der arabische Frühling profitierte von Facebook und dem Internet, aber  das Gefühl exklusiver Verschwiegenheit und Heimlichkeit geht dabei verloren.

Jan Plewka: In der digitalen Welt gibt es kein Hier und Jetzt mehr. Jeder schaut die ganze Zeit immer nur auf den Bildschirm – die Grenze zwischen der Zukunft, der Vergangenheit und der Gegenwart verschwindet. Meiner Meinung nach ist der Mensch aber für den Moment und für das Miteinander geschaffen. Doch wenn du vor dem Computer sitzt, dann ist das zwar kommunikativ auf einer interaktiven Ebene, aber auf der menschlichen Basis finden so keine Gespräche statt. Wenn du mit jemanden chattest, dann ist deine Seele nicht direkt bei dem Chatpartner, sondern dazwischen ist das Medium: Keiner ist wirklich präsent und nichts erscheint mehr wesentlich. Als Musiker haben wir aber die Aufgabe, genau diesen Wesentlichkeit zu verkörpern, wenn wir auf der Bühne stehen und ein Song performen. Es ist auch umso schöner, wenn es sich auf der Bühne so anfühlt, als würdest du auf ein Surfbrett steigen und auf der Zuschauer-Welle  reiten. Wenn dieser magische Funke bis in die letzten Reihen des Publikums überspringt, dann bedeutet das Glück bzw. ein Erfolg für uns.

"Wenn Selig unser Körper ist, dann ist Magma die Seele unserer Band"

regioactive.de: Euer neues Album heißt Magma. Würdet ihr sagen, dass diese vulkanische Glut genau dieses Energiebündel beschreiben kann, das den Funken auf die Zuschauer überspringen lässt? Oder welche Bedeutung würdet ihr dem Begriff zukommen lassen?

Jan Plewka: Wenn wir uns zu fünft in einem Raum aufhalten, dann herrscht dort eine bestimmte Energie. Diese Essenz wollten wir sichtbar machen und auf das Album bannen. Da passte der Name Magma bestens, denn dem Begriff wohnt nicht nur etwas Bedrohliches und Gefährliches, sondern auch eine explosionsartige Kraft inne. Wenn Selig unser Körper ist, dann ist Magma die Seele unserer Band.

regioactive.de: Ihr habt – nach den letzten eigenproduzierten Alben – für Magma wieder die Hilfe eines Produzenten in Anspruch genommen. Inwieweit hat euch Steve Power beeinflusst?

Jan Plewka: Sehr – allein durch seine pure Anwesenheit. Alles besteht ja aus Schwingungen und jene, die durch Steve Power im Raum waren, waren sehr harmonisch.

Christian Neander: Wir waren auf die Albumaufnahmen von Anfang an sehr gut vorbereitet worden und wussten genau, welche Songs wir wie aufnehmen wollen. Steve Power hat uns von der ersten Minute ein gutes Gefühl gegeben. Wir haben uns gut mit ihm verstanden, gleichzeitig hat er die richtigen Sachen reflektiert, um an einzelnen Stellen noch Verbesserungen herzustellen – in ganz ruhiger und bestimmter Form, aber gleichzeitig in extrem humorvoller und durchgeknallter Art und englischer Zurückhaltung. Manchmal hat er auch unsere Gedankengänge ausgehebelt, indem er selbst Ideen vorschlug, die uns vom Effekt sehr überrascht haben. Bei einem Song sollten wir z.B. die Melodie eine Oktave tiefer spielen, bei einem anderen Stück hat er ein Teil des Stücks an den Anfang gestellt und das ist jetzt der prägendste Teil dieses Songs. Er gab uns Mut unsere kreativen Ideen umzusetzen. Und um ehrlich zu sein: Da wir ja auch Produzenten sind, gefiel es mir auch sehr, einfach mal nur der "Musikeridiot" zu sein, der sich nur auf das Spielen der Songs, aber nicht um die technische Umsetzung kümmern muss. Deshalb möchten wir mit ihm auch in Zukunft gerne weiterarbeiten.

regioactive.de: Der Song 4:33 thematisiert die Suche nach Heimat. Im Song singt ihr, dass man euch nach Hause bringen soll. Als Musiker lebt man ja ständig in Hotels. Da wir auch das Interview gerade in einem Hotel führen: Was ist Heimat für euch?

Jan Plewka: Heimat sind Plätze, wo man sich sicher fühlt und die einem auch seelisch ein Geborgenheitsgefühl vermitteln. Das kann mal die Familie, aber kann auch der Platz auf der Bühne sein.  

Christian Neander: Das würde ich voll unterschreiben. Wenn man soviel Input von außen bekommt, dann ist es wichtig, dass du etwas hast, wo du dich vertraut und geborgen fühlst. Hotelzimmer gehören da natürlich auch dazu. Wenn man nach einem rauschartigen Auftritt die Tür seines Hotelzimmers zumachen kann und die eigene Privatsphäre wieder spürt, dann ist das ein großartiges Gefühl. Du sehnst dich nach dieser Ruhe, indem du all das nochmal reflektieren kannst, was du am Tag erlebt hast.

"Wir erlebten einen kollektiven Band-Burnout"

regioactive.de: Kommen wir zuletzt noch auf eure Single Alles Auf Einmal zurück. Dieser biographische Song thematisiert, wie schwer es euch fiel, in den 90er Jahren den ganzen Medienrummel zu ertragen. Inwieweit seid ihr heute ausgeglichener?

Jan Plewka: Zuallererst ist es das Alter, dass einen ausgeglichener werden lässt. Bis zum 27. Lebensjahr willst du die Welt erobern, egal mit welchen Mitteln. Du nimmst alle Erfahrungen bis zur völligen Reizüberflutung in dich auf. Das wurde uns zum Verhängnis – und erlebten einen kollektiven Band-Burnout, als das bis dahin nur in gehobenen Managerkreisen ein Begriff war. Heute ist Burnout wegen den immer weiter steigenden Leistungsanforderungen zu einer Volkskrankheit geworden. Heute findest du praktisch in jeder Familie Fälle von Burnout. Wir wollten dem mit dem Song entgegenwirken und mit den Lyrics "Bitte, bitte, bitte, nicht alles auf einmal, verliere meine Mitte" ausdrücken, das man nicht alles hinnehmen muss, sondern auch mal "Nein" sagen darf bzw. sollte.

Christian Neander: "Nein" zu sagen ist wichtig, um nicht wahnsinnig zu werden und sich vor Ausbeutung zu schützen. Mit dem Alter und der Familie lernt man sowas besser zu kontrollieren. Da wir neben Selig auch noch Nebenprojekte am Laufen haben, ist es wichtig aufzupassen, dass wir uns nicht überfordern. Ich habe zum Beispiel in letzter Zeit sehr viel gemacht und ich fühlte mich am Ende des letzten Jahres dann schon wieder ziemlich schlecht. Ich habe das gar nicht gemerkt bis ich krank wurde und mit Fieber im Bett lag – das war ein Warnsignal. Und da die Sucht nach Arbeit, wenn man einmal damit begonnen hat, nie aufhört, muss man diesen Drang etwas zu tun regelmäßig und ständig kontrollieren – das tue ich bzw. wir heute sehr viel bewusster als früher und das ist auch gut so.

regioactive.de: Vielen Dank für dieses Interview!

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