Fritz Kalkbrenner startet im März eine umfangreiche Tour durch Deutschland, Österreich und Luxemburg.

Fritz Kalkbrenner startet im März eine umfangreiche Tour durch Deutschland, Österreich und Luxemburg. © Torben Conrad

Sein Debütalbum "Here Today Gone Tommorow" wurde damals von der Fachpresse hochgelobt, vor kurzem erschien Fritz Kalkbrenners zweiter Longplayer "Sick Travellin'. Ab März geht er damit auch auf Tour. Wir trafen uns mit Fritz Kalkbrenner vorab in Berlin und sprachen über die Techno-Szene und ihre Gefahren sowie darüber, was man von seiner Welttournee erwarten kann.

regioactive.de: Dein Debütalbum Here Today, Gone Tommorow wurde vor ein paar Jahren hochgelobt. Danach hast du zunächst eine Mix-CD aufgenommen und hast nun vor kurzem dein neues Werk Sick Travellin' veröffentlicht. Was soll der Albumtitel aussagen?

Fritz Kalkbrenner: Der Albumtitel ist etwas irreführend, weil er sich nicht mit meinen Befindlichkeiten auf Tour auseinandersetzt – nach 10 Jahren als DJ kann ich mittlerweile kräftemäßig einiges wegstecken. Das ständige Touren ist reine Gewöhnungssache. "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben" ist nicht umsonst eine oft benutzte Floskel. Ich meine das Ganze metaphorischer und übergeordneter und beziehe den Titel auf die gesamte Techno-Szene und insbesondere auf jene Menschen, die schon lange in dieser Szene verwurzelt sind. Wenn man seit 10 oder 20 Jahren in der Techno-Szene mitmischt und mit 30 Jahren auf das vergangene Geschehen zurückblickt, dann merkt man, wie kaputt man sich dabei schuften kann – das war meine Intention. Gerade in der Techno-Musikszene stehen sich Vernunft und Exzess diametral gegenüber und wie man sich zwischen diesen Extremen selbst eine Balance schafft, mit der man leben kann, wird spätestens dann zu einer wichtigen Frage, wenn die eigenen Kräfte aufgrund des Alters nachlassen. Der Albumtitel ist eine Warnung und der Rat an alle aus dieser Branche, eine Balance zu finden. Sonst schadet man seinem ganzen Körper.

"Man sollte besser auf die Warnsignale des Körpers hören"

regioactive.de: Wie spürst du das am eigenen Leib?

Fritz Kalkbrenner: Zuallererst am körperlichen Verfall. Was ich mit 19 Jahren noch weggesteckt habe! Das gelingt heute nicht mehr. Allerdings habe ich auch nicht mehr den Willen dazu. Im Alter sollte man vernünftiger sein und sich nicht mehr zu Dingen zwingen, die man nicht mehr schafft. Und drei Tage Party machen gehört sicherlich dazu. Viele Leute aus unserer Szene haben deswegen stark an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Anstatt mit 45 Jahren noch Dingen nachzuhecheln, sollte man besser auf die Warnsignale des Körpers hören.

regioactive.de: Was ist dein Rezept nach einer durchzechten Nacht?

Fritz Kalkbrenner: Kalt duschen – das ist der Klassiker. Am besten wäre es natürlich am Vorabend kein Alkohol zu trinken, aber falls das doch passiert, sollte man vor dem Schlafegehen noch eine Aspirin nehmen und viel Wasser trinken und den alten Hausmittel-Tipps der Großmutter Glauben schenken.

regioactive.de: Den Song Sick Travellin' hast du auf deinem Album in zwei Stücke geteilt – Part 1 und Part 2, am Anfang und am Ende des Albums. Damit hast du dem Album einen Rahmen gegeben. Welche Absicht stand dahinter?

Fritz Kalkbrenner: Die Idee hat sich mit der Zeit entwickelt. Ich fand, dass eine Zweiteilung eine sehr schöne Klammer bilden würde. Und da ich sehr gerne schon einmal eine Art Overtüre und Epilog als Rahmen in mein Album einfügen wollte, hat das diesmal gut gepaßt.

regioactive.de: Wie würdest du den Aufbau bzw. die Dramaturgie deines Albums beschreiben?

Fritz Kalkbrenner: Ich verbinde keine Visualisierungen mit meinen Produktionen. Bei mir findet die Suche nach einem dramaturgischen Bogen nur auf der musikalischen Ebene statt. Sobald ich mein Song-Portfolio für ein Album zusammen habe, nehme ich keine Nummern mehr auf. Ich schreibe die Songs auf einen Zettel und schiebe sie in ihrer Reihenfolge drei Wochen oder länger hin und her, bis die Beziehung unter den einzelnen Songs stimmt und sie sich gut voneinander ablösen. An einen Song wie Hummin' Hills, der aggressivste Tracks des Albums, schließt deshalb sofort ein eher beruhigender Track wie Little By Little an, der musikalisch genau das Gegenteil darstellt. Anders wäre die Aggressivität nicht richtig abgefangen worden. Bei solchen aggressiven Titeln muss danach zwingend ein absoluter Bruch folgen, der gleichzeitig einen Neuanfang einläuten kann.

regioactive.de: Würdest du sagen, dass Hummin' Hills aufgrund seiner Aggressivität auch der beste Clubtrack deines Albums ist?

Fritz Kalkbrenner: Das möchte ich nicht unbedingt behaupten. Ich werde auf Tour alle Songs live spielen und singen. Deshalb glaube ich, dass es eine Illusion ist, dass fetzige Songs unmittelbar auch im Club am besten funktionieren. Ich frage mich, warum bei solchen Bewertungen immer nach dem maximalsten Wert gesucht wird. Insofern ist das aber eine sehr interessante Frage, der man nachgehen könnte.

"Wir sind die Schwächeren gegenüber den Major-Labels"

regioactive.de: Auf dem neuen Album sind mehr Songs mit Vocals zu finden als auf deinem Debütalbum. In welchem Maße kann man diese neuen Songs noch mehr der Popmusik zurechnen?

Fritz Kalkbrenner: Das ergibt sich von selbst. Die Single Get A Life repräsentiert die Neuerungen des Albums im Querschnitt am besten, wie z.B. Instrumentierung, Tiefenbässe etc. Der Populärcharakter daran ist nicht zu bezweifeln. Es geht jedoch darum, wie man diesen Pop-Appeal innerhalb der Songs benutzt. Wenn ich Get A Life nehmen und seine Merkmale auf Papier notieren würde, dann sollten die technischen Daten auch auf die neue Single von Chris Brown zutreffen. Trotzdem sind es zwei verschiedene Dinge. Beides tarnt sich zwar als Clubmusik, aber das zu vergleichen ist wie eine Gottesanbeterin, die tut, als wäre sie ein Laubblatt. Es kommt vielmehr auf die musikalische Abstimmung und die Wertschätzung an, die man einer Sache entgegenbringt. Leider sind wir bei Soul Records die Schwächeren gegenüber den Major-Labels, die überhaupt kein Problem damit haben, fremde Sachen zu adaptieren und als ihre eigenen Sachen darzustellen, wenn dadurch der Profit stimmt. Wenn die sich unserem Sound annähern, dann haben wir das Problem, dass wir uns dann immer wieder was neues Kreatives einfallen lassen müssen. Vielleicht müssen wir dann ja schon in ein paar Jahren alle die Klappe halten, weil alle anderen plötzlich auch auf einer Dance-Platte singen und wir mit unserer Musik keine Innovation mehr darstellen.

regioactive.de: In Get A Life singst du: "Through The fire and the chains / We're gonna get a life out of this / The shining light upon our ways is making a live out of this. / We make the road by walking find a place / That is right which keeps us from falling / Out of reach and out of sight." Was ist das für ein Ort?

Fritz Kalkbrenner: Das ist immer der Knackpunkt eines Songwriters – er muss die Lyrics interpretieren. Ich mache das nicht, weil ich will, dass jeder seine eigenen Assoziationen dazu hat. Wenn ich eine Interpretation bestimmen muss, dann lasse keinen Raum mehr für andere Interpretationen. Es gibt große Götter des Songwritings, wie z.B. Don McLean, der sich nie zu solchen möglichen Interpretationen geäußert hat, obwohl er großartige, aber auch sehr verwirrte Sachen geschrieben hat. So will ich das auch handhaben.

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"Die Techno-Szene ist am Boden geblieben"

regioactive.de: Ich habe es so interpretiert, dass der Protagonist aus dem großen Scheinwerferlicht heraustreten möchte und einen Ort finden will, wo er mehr Ruhe findet. Inwieweit belastet dich das Rampenlicht als Musiker?

Fritz Kalkbrenner: Allgemein kann ich ganz gut damit umgehen. Die Szene ist zum Glück am Boden geblieben. Zwar gibt es auch hier Neid bzw. Anerkennung, aber insgesamt ist Hysterie doch sehr schwach ausgeprägt. Deshalb hält sich das Ganze in Grenzen, auch wenn ich in manchen Ländern schon noch vom Security-Personal von der Bühne gebracht werden muss. Scheinwerferlicht von der Bühnendecke nervt mich dagegen unglaublich.

regioactive.de: An welchem Ort kannst du dich am besten erholen?

Fritz Kalkbrenner: Mir reicht es, wenn ich im Sommer auf einem Dach sitzen und mich mit einem Bier in der Hand sonnen kann.

"Ich habe keine Zeit unausgeglichen zu sein"

regioactive.de: Die zweite Single deines Albums heißt Little By Little. Der Text handelt von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit sowie dem Auf und Ab im Leben. Wie ausgeglichen bist du selbst?

Fritz Kalkbrenner: Ich bin recht ausgeglichen. Das liegt wohl auch an der Exorzismus-Funktion des Songwritings. Durch das Schreiben lösen sich die Sachen von deiner Seele ab. Geldsorgen und Angst um eine sichere Bleibe habe ich zum Glück nicht mehr. Opas Weisheiten besagen ja, dass man sich in die Arbeit stürzen soll, wenn es einem nicht gut geht. Und da ich immer was zu tun habe, habe ich überhaupt keine Zeit unausgeglichen zu sein.

regioactive.de: Die Single Get A Life hat zwei Remixes, je einen von Jonas Woehl und Agoria. Was gab den Ausschlag dafür?

Fritz Kalkbrenner: Agoria kenne ich schon von seinen Arbeiten für meinen Bruder Paul, auf Jonas Woehl kam ich aus Zufall über eine Verbindung aus unserem Verlag. Er hat die Tonspur zum Song bekommen und hat innerhalb von zwei Tagen die Grundversion fertig gehabt – das hat mich beeindruckt. Er hat die Harmonien anders gesetzt, trotzdem funktionieren sie genauso und machen den Remix zu einer wunderbaren Neuinterpretation.

regioactive.de: Willing ist ein Cover von Gil Scott-Heron, einem amerikanischen Soul-Jazz-Musiker und Dichter. Wie hast du seine Musik entdeckt und was begeistert dich daran?

Fritz Kalkbrenner: Gil Scott-Heron lernte ich durch meine HipHop-Sozialisation kennen. Er war nicht nur Jazz-Musiker und Dichter, sondern er war auch als Spoken-Word-Künstler bekannt. Was man heute Poetryslam nennt hat er schon vor 30 Jahren gemacht und damit schon damals viele, wilde Gedichte veröffentlicht. Mit der Sampling-Kultur bin ich stückweise auf seine Soul-Sachen gekommen und habe sie mir einverleibt. Der Song Willing ist im Original vom Drumming her sehr stark auf einen Vierviertel-Takt angelegt. Das half mir natürlich dabei, den Song im Vierviertel-Clubgewand auf gelungene Weise neu zu interpretieren. Eigentlich hat er auch viele wilde Jazz-Odyssee-Geschichten mit Saxophon und Flöte gemacht, aber ein gutes Cover wäre da viel schwieriger gewesen.

regioactive.de: Würdest du dich trotzdem irgendwann mal an Remixes von z.B. sehr dissonanter Free-Jazz-Musik, sagen wir mal von einem Künstler wie Brötzmann, heranwagen?

Fritz Kalkbrenner: Das kann man gerne versuchen, aber im Endeffekt sind das zwei unterschiedliche Konzepte. Zwar könnte man einzelne Partituren aus diesen Songs herausschneiden, aber früher oder später müsste man das Ganze dann wieder in ein geeignetes Gewand für den Dancefloor  zurückzwingen. Diese Musik funktioniert ja vor allem wegen ihres harmonischen Trotts. Deshalb würde bei sowas die Qualität des einen Songs unweigerlich auf Kosten der Qualität des anderen Songs gehen.

"Durch meinen Live-Gesang werden die Konzerte ein großes Experiment werden"

regioactive.de: Auf deiner großen Welttournee wirst du zum ersten Mal das ganze Album live mit Vocals performen. Wie werden deine Shows aussehen?

Fritz Kalkbrenner: Es wird große Shows in großen Venues mit einzigartigen Visuals geben. Durch mein Live-Gesang mit angeklebtem Mikro werden die Konzerte ein großes Experiment werden!

regioactive.de: Dann freuen wir uns auf deine Tournee und bedanken uns für dieses Interview!

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