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Die Kampagne "Geht mehr auf Konzerte" macht Laune, bringt aber durchaus auch ein ernstes Anliegen auf © 2013, Kapelle Petra

In ihrer Heimat Hamm sind sie seit 1997 aktiv und schon längst populär. Spätestens seit Sarah Kuttner ihr Lied "Geburtstag" in einer MTV-Show einsetzte sind sie auch deutlich über die Ortsgrenze hinaus bekannt. Mit ihrem jüngsten Song "Geht mehr auf Konzerte" hat die Kapelle Petra jetzt eine virale Kampagne angestoßen, die eine ganz große Runde durch das Netz macht. Olaf Menne von Lautstrom Booking, der mit der Band schon seit längerem zusammenarbeitet, befeuert das Ganze. Wir wollten von ihm wissen, wie es zu der Aktion kam und welcher ernsthafte Ansatz hinter der vordergründig spaßigen und launigen Forderung steckt.

regioactive.de: Hi Olaf! Geht mehr auf Konzerte von der Kapelle Petra hat auch unsere Aufmerksamkeit geweckt. Wie wurdest du auf die Band aufmerksam und seit wann arbeitest du mit ihnen?

Olaf Menne (Lautstrom Booking): Ich arbeite nun seit fast zehn Jahren mit der Kapelle Petra zusammen. Ein Freund besuchte damals eine ihrer Shows und rief mich noch vom Konzert aus an, weil er mich unbedingt auf diese grandiose Liveband aufmerksam machen wollte. Ich war von den Jungs schnell genauso begeistert wie er. Damals wie heute überrascht mich die Band immer mit ihren humorvollen und stets herzblutgetränkten Ideen. Ich kenne keine Band, die zu fast jedem ihrer Songs auch eine eigene Showidee hat, die ohne großartigen Technikeinsatz auf jeder Bühne zu realisieren ist.

Lena vs. Petra: 1:0

regioactive.de: Wie kam die Band auf die Idee zu dem auffordernden Songtitel Geht mehr auf Konzerte?

Olaf Menne: Die Idee zum Song hatten sie bereits im Mai 2010. Kapelle Petra spielte ein Konzert in Kempen. An diesem Abend gewann Lena den "Eurovision Song Contest". Während Millionen vor dem Fernseher hingen, kamen zu dem Konzert keine 10 zahlenden Gäste.

regioactive.de: Wann wurde dir klar, dass aus dieser Idee tatsächlich ein cooler Song entstanden ist?

Olaf Menne: Bei einer ihrer wenigen Konzerte im vergangenen Jahr probierten sie auch Songs des neuen Albums aus – unter anderen spielten sie Geht mehr auf Konzerte. Der Song wurde vom Publikum sofort mitgesungen. Als Booker der Band bekam ich in dem Moment eine Gänsehaut…

regioactive.de: …und dir kam dabei in den Sinn, dass du mit dieser Nummer mehr machen willst?

Olaf Menne: Ja. Ich wusste in diesem Moment sofort, dass ich damit alle meine Veranstalter angehen möchte. Ich habe die Band mit diesem Plan dann permanent genervt, bis sie zugestimmt haben, den Song auch schon 2 Monate vor dem Albumrelease als erste Single mit Video zu veröffentlichen.

VIDEO: Kapelle Petra – Geht mehr auf Konzerte

"Weg von der Couch, rein in die Clubs!"

regioactive.de: Du wolltest das von Beginn an direkt als virale Aktion oder Kampagne lancieren?

Olaf Menne: Die Botschaft des Songs muss man einfach weiterleiten, wenn man sich irgendwie für Livemusik interessiert! Die Band hat eine Steilvorlage geliefert für eine Kampagne, die das einfache Ziel hat, auf die besondere Atmosphäre und den Reiz von Konzerten aufmerksam zu machen. Weg von der Couch, rein in die Clubs! Wir wollen für Konzerterlebnisse werben. Für das Erleben der einzigartigen Dynamiken, die zwischen Zuschauer und Musiker bei Konzerten entstehen können, den Reiz aus Sound und Licht, der Momente schafft, die sich nicht in Worte fassen lassen, aber das Leben positiv verändern können.

regioactive.de: Wie hat sich diese Aktion bisher entwickelt, wie ist die Resonanz? Und wie geht's damit weiter?

Olaf Menne: Bislang sind die Ergebnisse vor allem in Klicks abzulesen. Das Video hatte bereits nach einem Tag über 30.000 Aufrufe und war plötzlich auf Platz 1 der myvideo-Charts. Aktuell sagt Facebook, dass "729 darüber sprechen". Ob die Botschaft des Songs auch umgesetzt wird, bleibt zu hoffen.

weiterlesen: Wie geht es mit der Aktion weiter, welches ernste Problem steht dahinter, und was können Musiker und Veranstalter noch tun, um dem entgegen zu wirken…

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"Wir laden zum Mitmachen ein"

regioactive.de: Wie geht's jetzt damit weiter?

Olaf Menne: Wir werden über die Seite www.gehtmehraufkonzerte.de immer wieder zum Mitmachen einladen und bieten dort nette Tools zum Weiterleiten der Botschaft an. In Kürze werden wir den Text und die Akkorde des Songs zur Verfügung stellen. Jeder soll den Song covern und auf den eigenen Konzerten spielen können. Außerdem wollen wir auf dieser Seite konzertbegeisterte Leute zu Wort kommen lassen und Veranstalter präsentieren, die außergewöhnliche Konzertreihen organisieren.

regioactive.de: Neben dem offensichtlichen Spaßfaktor einer solchen Aktion – wie würdest du den ernsten Hintergrund daran beschreiben? Dass das Live-Geschäft brumme, hört man zwar immer wieder, aber bei Newcomern sieht das nach wie vor anders aus?

"Es kommen viel zu wenige Zuschauer"

Olaf Menne: Genau. Das ist das größte Problem mit dem etliche Bands und vor allem kleinere Veranstalter zu kämpfen haben. Das Livebusiness wurde in den letzten Jahren oft als Boom-Geschäft dargestellt. Zwar würden keine CDs mehr gekauft, dafür aber mit Konzerttickets viel mehr Umsatz gemacht. Das mag bei Acts wie U2 funktionieren. Schauen wir aber auf der Rangliste der Superstars weiter nach unten, sieht die Realität spätestens im semiprofessionellen Bereich völlig anders aus.

regioactive.de: Kannst du das am Beispiel der Kapelle Petra näher erläutern?

Olaf Menne: Diese Band hat sich über Jahre eine bundesweite Fangemeinde aufgebaut. Sie zählt heute zu den wenigen Acts in Deutschland, die im Mittelfeld des Livebusiness spielen. Sie ziehen genug Zuschauer, damit sich Shows in 100er- bis 300er-Clubs für Veranstalter und Band bei Eintrittspreisen zwischen 8 und 15 Euro rechnen. Niemand wird reich. Aber alle sind glücklich. Von solchen typischen Club-Bands gibt es in Deutschland immer weniger. Bei etlichen Newcomern kommen einfach viel zu wenig Zuschauer, damit sich die Shows rentieren. Leider geben dadurch immer mehr Clubs auf.

"Konzerte benötigen eine durchdachte Dramaturgie"

regioactive.de: Was müsste deiner Meinung nach passieren, so dass auch kleine Konzerte für ein größeres Publikum an Attraktivität gewinnen?

Olaf Menne: Ein Ansatz für Musiker könnte sein, den Schwerpunkt ihrer Arbeit mehr auf das Programm ihrer Konzerte zu legen. Neue Songs und neue Alben sind interessant für Fans, aber nicht für die große Masse, die man mit Konzerten von der Couch locken möchte. Spannende Interpretationen und Kooperationen können ein Weg sein. Konzerte benötigen eine durchdachte Dramaturgie. Wenn darin bekannte Elemente oder Zitate vorkommen, wird das Konzerterlebnis für den Zuschauer viel angenehmer.

regioactive.de: Was sollten Veranstalter tun?

Olaf Menne: Sie sollten weniger Einzelveranstaltungen planen, sondern lieber Konzertreihen organisieren, die inhaltlich einen deutlichen roten Faden haben. Der Aufbau eines Stammpublikums und nicht die Maximierung des Umsatzes pro Zuschauer sollte das Ziel sein. Fühlt sich ein Konzertbesucher abgezockt, kommt er nicht so schnell wieder.

regioactive.de: Viele Veranstalter und Locations scheuen ja prinzipiell das Risiko, noch vergleichsweise unbekannte Bands zu buchen.

Olaf Menne: Die wirtschaftlichen Perspektiven bei einem Newcomerkonzert führen schnell zu Motivationsmangel. Das ist nachvollziehbar, aber oft zu kurzfristig gedacht. Die Möglichkeiten der kostenlosen PR werden von Veranstaltern und Locations oft gar nicht erkannt. Jede Band wirbt für ihr eigenes Konzert und macht damit Werbung für den Club. Auch berichtet jedes Veranstaltungsmagazin, jede Tageszeitung und jeder lokaler Radiosender über Konzerte. Man muss sie nur rechtzeitig informieren. Mit jedem durchgeführten Konzert kann man den Bekanntheitsgrad der Location steigern. Gerade Newcomerförderung kann man zudem sehr imagefördernd für das eigene Marketing nutzen und damit wiederum eventuell auch Sponsoren und Förderer für sich gewinnen.  

"Musiker gehen zu selten auf Shows anderer Bands"

regioactive.de: Was rätst du jungen Bands bezüglich des Booking-Themas: Gibt es einen Toptipp, wie sie das am besten angehen sollten?

Olaf Menne: Networking ist beim Booking das Wichtigste. Der persönliche Kontakt zu Veranstaltern und zu anderen Bands muss systematisch – aber stets auf einer menschlichen Ebene – gepflegt werden. Auch hier gilt: "Geht mehr auf Konzerte"! Vor Ort lassen sich die besten Kontakte knüpfen. Die meisten Musiker gehen viel zu selten auf Shows anderer Bands. Dabei könnten sie viel voneinander lernen. Bei einem gemeinsamen Bierchen nach oder während der Show lassen sich super Erfahrungen und Kontakte austauschen. Oft entstehen an der Theke die besten Ideen für gemeinsame Projekte. Danach müssen den Worten Taten folgen. Neue Kontakte müssen angeschrieben werden. Aus Ideen konkrete Pläne gemacht werden.

regioactive.de: Danke dir für das Interview und grüße die Kapelle Petra von uns! Wir wünschen noch viel Erfolg mit der Aktion "Geht mehr auf Konzerte"!

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