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Nie ohne Hut zu sehen: Sänger Paul Smith. © Ann Buster

Mit dem Debütalbum "A Certain Trigger" waren Maxïmo Park die Indierock-Überflieger des Jahres 2005. Nach "Our Earthly Pleasure" und "Quicken The Heart" hat die Band mit "The National Health" im Juni ihr viertes Album veröffentlicht. Unser Redakteur Daniel Voigt traf Sänger Paul Smith in Berlin und sprach mit ihm über das Album, die Stimmung in seinem Heimatland Großbritannien sowie über seine Lebensweise und den Umgang mit Emotionen.

"Großbritannien ist ein hilfsbedürftiger, kranker Staat"

regioactive.de: Euer Album heißt National Health. Wie geht es deinem Heimatland Großbritannien?

Paul Smith: Großbritannien ist für mich ein hilfsbedürftiger, kranker Staat. Es geht ihm nicht gut. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft stirbt aber zuletzt. Mit dem Album möchte ich den Hörern die latente Gewalt, Ungleichheit und das Chaos vor Augen führen, die in diesem Land herrschen. Ich sehe täglich, wie Leute aus der Arbeiterklasse an den Rand der Städte gedrängt werden und das finde ich schlimm. Denn man sieht sie nur aus einem Grund nicht mehr in der Stadt – wegen der globalen Wirtschaftskrise. Und das sehe ich nicht nur in meinem Land, sondern überall wird das Leben für die Leute härter. Das kann ich in dem Ausmaß kaum beschreiben. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch positive Dinge in dieser Zeit. Zum Beispiel gehen die Leute netter und höflicher miteinander um, als sie es vielleicht früher getan haben.

Wie überträgt sich das auf das neue Album?

Beide genannten Pole bilden eine Balance, die die Atmosphäre des Albums gut repräsentieren. Die Hörer bekommen hier Liebessongs (Reluctant Love) genauso zu hören wie Songs über die Einsamkeit (Take Me Home), aber auch aggressive Songs wie Banlieue oder The National Health kommen auf diesem Album nicht zu kurz. Ganz unterschiedliche Ansichten treffen hier geballt aufeinander. Gemeinsam beziehen sie sich alle auf das große Thema des Albums, den notbedürftigen Staat. Großbritannien ist meiner Meinung nach auf dem Weg in eine Katastrophe, dessen Ausmaß wir nicht abschätzen können. Großen Anteil daran hat die Selbstsucht und Gier bestimmter Leute. Der Song National Health baut die Spannung auf, die in Hips And Lips mit einer düsteren Atmosphäre kulminiert wird, wobei hier gleichzeitig ein Weg vom Dunklen ins Licht bzw. ein Ausweg aus diesem Schlamassel erkennbar wird. Die Menschen müssen darum nur leidenschaftlich und mit allen Mitteln kämpfen.

"für mich sind politische Dinge eher persönlicher Natur"

Findet der Hörer mehr politisches oder persönliches auf dem Album?

Ich denke, der Titel des Albums deutet etwas Politisches an, aber für mich sind politische Dinge eher persönlicher Natur. Schon wenn du dir die Nachrichten anschaust und daraus eine Reaktion folgt, wird das eine persönliche Sache. Mir ist klar, dass viele Leute aus dem Albumtitel schlussfolgern, dass die Songs politisch sind, aber wenn du die Platte hörst, dann merkst du, dass das Album vor allem von unterschiedlichen Beziehungen handelt – von kleinen, aber auch mächtigen Beziehungen. Die Platte ist eine Collage aus verschiedenen Musikstilen. Von einer Piano-Ballade über einen Techno-Part bis zur Jingle-Jangle-Musik soll man viele Formen entdecken können. Jeder Song hat eine andere Bedeutung. Es spiegelt wider, was das Leben ist – facettenreich. Alle Aspekte des Lebens schlingen sich auf diesem Album ineinander. Wir wollen zeigen, dass wir uns als Band nicht vor dem realen Leben verstecken bzw. der Komplexität der Welt verschließen.

Was kennzeichnet "reales Leben" und diese Komplexität deiner Meinung nach?

Das Leben ist ein kontinuierlicher Prozess, der nie an einen Endpunkt kommt. Manchmal ist es schwer zu begreifen, was gerade vor sich geht. Manchmal scheint alles stehen zu bleiben, obwohl die Zeit voran schreitet. Sie fühlt sich manchmal sehr merkwürdig an. Mal geht die Zeit schnell voran, ein anderes Mal langsam, aber fest steht, dass man seine Zeit sehr intensiv gestalten kann und versuchen sollte, die Welt zu verstehen – auch wenn die Gesetze der Welt eigentlich nicht zu erklären sind.

Was lässt sich da tun?

Man kann sein Leben gestalten, indem man sich zum Beispiel mit einer Platte auf ein Sofa setzt, sich Kopfhörer aufsetzt und sich während dieser Phase des Hörens nur auf die Platte konzentriert, anstatt die Musik nur als Nebengeräusch während der Tätigkeit von anderen Dingen zu begreifen. Das bedeutet auch, dass man dabei den Computer auslassen oder zumindest nicht auf Facebook oder Twitter surfen sollte. Ich sage zwar nicht, dass ich diese Dinge nicht auch selbst tue, aber ich versuche mich wenigstens auf die essentiellen Dinge zu bestimmten Zeiten zu fokussieren und zu realisieren, was in meinem Leben wichtig ist.

Durch solche bewussten Auszeiten kannst du also dein Leben wieder ordnen?

Genau. Um diese persönliche Kontrolle geht es auch auf dem Album.

Inwiefern?

Es geht zum Beispiel darum, dass man immer seine eigenen persönlichen Regeln haben sollte. Zwar kann man in diesem Rahmen die kleinen Regeln brechen, aber den großen persönlichen Werten sollte man treu bleiben, da man ansonsten seine Persönlichkeit aufbrechen würde. Das Leben ist zu aufregend und großartig, um es zu verschwenden. Ich als Musiker bin zwar in einer privilegierten Position und ich liebe es in einer Band zu spielen, aber ich mag manchmal auch einfach einen Abend zuhause zu verbringen, mit Freunden Spaß haben, ein schönes Essen für meine Lieben um mich herum kochen und jedem Menschen die Aufmerksamkeit geben, die er braucht. Leider tun das in unserer Welt viel zu wenige Menschen. Anstatt anderen Menschen mit Geld oder Aufmerksamkeit zu helfen und ihnen ein größeres Selbstwertgefühl zuteil kommenzulassen, geben viele Leute das Geld lieber für allerlei Konsumgut aus. Diese Atmosphäre von Unzufriedenheit macht zwar nicht das ganze Album aus, aber sie ist immerzu im Hintergrund präsent.

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"es hilft nichts Fehlern hinterher zu trauern"

Bist du ein Mensch, der eher in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in der Zukunft lebt?

Solange ich die Zukunft noch nicht erlebt habe, kann ich von ihr auch nichts wissen. Die Vergangenheit ist geschehen, also sollte man über diese Zeit nicht mehr nachdenken. Demnach bleibt nur noch die Gegenwart. Man sollte sich auf das fokussieren, was man gerade tut. Zwar bedaure ich manche Dinge in der Vergangenheit, doch schlussendlich erkenne ich immer wieder, dass einen nur der positive Gedanke nach vorne weiterbringt. Es hilft nichts Fehlern hinterher zu trauern. Es sollte wie bei Konzertbesuchen sein. Wenn man auf Konzerte geht lässt man sich auf die Atmosphäre und Emotionen der Gegenwart ein und vergisst all die Ärgernisse des Lebens und erlebt dafür stattdessen vielleicht eine der besten Nächte seines Lebens. Ich als Musiker liebe es, die Emotionen der Menschen von der Bühne aus zu beobachten und aufzusaugen. Ich will mit ihnen kommunizieren und mit ihnen eine Verbindung aufbauen, die sie von allen anderen Dingen um sie herum ablenkt.

Du hast mal gesagt: "All is about emotion in my music..."

Auf Emotionen baut unser ganzes Leben auf. Sie beeinflussen unser komplettes Verhalten. Wenn du Fernsehen schaust, dann geht das nicht ohne Emotionen. Auch wenn du Musik hörst, ein Buch liest oder ins Kino gehst, spürst du dieses Gefühl. Unsere Musik ist emotional, weil wir in den Songs darüber nachdenken, wie wir unser Leben leben sollen und wie wir dieses Leben mit in die Songs hineintragen können. Wir schreiben bewusst keine Songs über abstrakte Dinge, sondern wir wollen über Sachen schreiben, die auch wahrhaftig existieren. Ich möchte all meine Erfahrungen und Emotionen aufschreiben. Die Songs dokumentieren diese und in National Health sind das eben meine Erfahrungen mit der Nation und die Wut darüber, dass es dem Staat aus verschiedenen Gründen so schlecht geht. Emotionen gehen tief in die Seele und sind deshalb wert, ausgesprochen zu werden.

Wie würdest du euer Album beschreiben?

Die Musik klingt vielfältig, aufregend, realistisch, innovativ und einfach nach Rock'n'Roll. Wir haben bisher drei Alben veröffentlicht und hatten die Chance Fehler zu machen, aber auch die Chance daraus zu lernen und neue Styles auszuprobieren. Daraus ist jetzt unser bisher bestes Album entstanden, auf dem das Gefühl der Melancholie genauso zu spüren ist wie wir schnelles Tempo anbieten oder Akustiksongs performen. Verschiedene Musikstile miteinander zu vereinen – das möchten wir damit erreichen.

Ein Song heißt Take Me Home. Was bedeutet Heimat für dich?

Die Heimat ist dort, wo man das Herz spürt. Es klingt wie ein Klischee, ist aber wahr. Dort wo du dich wohlfühlst und deine Seele wiederfindest ist deine Heimat zu finden. Es ist der Ort, wo du die Nacht verbringst. Dort, wo du dich erholst und wo deine Geliebten leben. Für mich ist das Newcastle. Hier wohnen nicht nur meine Freunde, sondern auch meine Familie.

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"Man sollte immer die Kontrolle über sein eigenes Leben behalten"

Ein weiterer Song auf dem Album heißt Banlieue. Dort geht es um Grausamkeiten, die in der Gesellschaft passieren, oder?

Die Gesellschaft ist so aufgebaut, dass es oft nur noch um Konsum geht und darum, was man kaufen kann. Man kann heutzutage alles kaufen. Manche Leute lernen, dass dann das Leben leichter wird. Aber leider ist das nicht so. Reiche Menschen können es sich leisten, hunderttausende Euro für Fußball oder so etwas auszugeben, aber das kann höchstens einer aus 50 Millionen. Für meinen Geschmack brauchen wir stattdessen mehr Bestreben, sich um andere Leute zu kümmern und ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Ich möchte hier keinen beeindrucken, ich möchte auch kein Richter über diese Geschehnisse sein, aber diese ständigen Grausamkeiten kommen von Leuten ganz oben in der Regierung. Diese Vertreter nutzen ihre Macht, um immer reicher und reicher zu werden und ihr Haupt zu schmücken. Sie geben lieber ihren Familien und den Reichen etwas von ihrem Ruhm ab, als den Armen etwas zu geben.

…eine Einstellung, die sich sicher nicht nur auf Regierungsvertreter beschränkt…

Das große Geschäft wird heute in den Industriezweigen getätigt. Von dort kommt das Geld, das entweder zurück in den Staat investiert wird oder wieder bei den Privilegierten landet. Es ist grausam das mit anzusehen. Doch leider hat sich diese Entwicklung angedeutet. Allein schon wie die Werte unserer westlichen Gesellschaft mit den Begriffen "Jugend", "Schönheit" und "Geld" definiert und festgehalten werden. Da frage ich mich: Was tun die Leute, die weder jung sind, noch Geld haben oder schön sind? Das macht mir Sorgen. Es tut mir weh darüber nachzudenken. Ich versuche diese Dinge mit der Musik zu transzendieren. Mal gelingt es mehr, mal weniger. Aber sicher ist: Man sollte immer die Kontrolle über sein eigenes Leben behalten, anstatt die Dinge geschehen zu lassen. Stark, einzigartig und individuell sollte man sein, jedoch dabei nie vergessen, dass es auch Leute um dich herum gibt, denen es schlechter geht als dir und die du nie vergessen solltest.

Vielen Dank für dieses Interview!

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