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Die entspannte Haltung täuscht: Bob Dylan zur Zeit von Self Portrait. © Sony Music

Self Portrait ist eines der umstrittensten Alben von Bob Dylan. Als es im Juni 1970 erschien, irritierte es Kritiker und Fans zutiefst. Von dieser Wirkung hat es bis heute wenig eingebüßt. Another Self Portrait, die zehnte Ausgabe von Bob Dylans Bootleg Series, bietet nun auf 2 CDs oder 3 LPs einen neuen Zugang zu dieser seltsamen, verworrenen Phase in der Karriere des größten Songwriters des 20. Jahrhunderts.

Als das Doppel-Album Self Portrait erschien, existierte das Konzept eines schlechten Bob Dylan-Albums nicht. In den 1960ern hatte Dylan hauptsächlich Meisterwerke veröffentlicht. Selbst seine größten Fans stellten nach Erscheinen mit Entsetzen fest, dass Self Portrait nicht an die Qualität früherer Alben anknüpfte. Die Enttäuschung darüber brachte Greil Marcus berühmter Verriss im Rolling Stone zum Ausdruck, den er mit den Worten "What is this shit?" einleitete.

Obwohl Self Portrait Anhänger besitzt, betrachten es die meisten Dylan-Fans auch heute noch als schwerverdaulichen Mischmasch aus mehr oder weniger gelungenen Coverversionen, Nichtigkeiten, Belanglosigkeiten und wenig überzeugenden Livetaufnahmen von Dylans Auftritt beim Festival auf der Isle Of Wight.

Die Demontage eines Mythos

Der wegwerfende, achtlose Charakter von Self Portrait verriet nicht nur mangelndes Interesse des Künstlers, sondern enthüllt die Absicht der vermeintlich befreienden Selbstdemontage. Dylan war seinen Status als Heilsbringer leid und erklärte später, Self Portrait sei der Versuch gewesen, ein Album zu veröffentlichen, das seine Fans unmöglich mögen könnten.

Ins Positive gewendet singt Dylan in The Man In Me: "The man in me will hide sometimes to keep from being seen/But that's just because he doesn't want to turn into some machine."

Wie ernst man auch immer diese Aussagen nimmt, es steht fest, dass Dylan eine Phase künstlerischer und persönlicher Verunsicherung durchlebte, die den kreativen Prozess dieser Jahre beeinträchtigten. Obwohl Another Self Portrait mit der Vorstellung aufräumt, die frühen 1970er seien verlorene Jahre gewesen, so bleibt doch die Erkenntnis, dass es Dylan in dieser Zeit nicht gelang, seine musikalischen Ideen stets in überzeugender Form zu realisieren.

Ein unverstellter Blick

Dylans Experimente mit Bläsern, Streichern, seinem Gesang und weiblichen Backgroundvocals verdeutlichen seine Suche nach der passenden Produktion für seine Musik. Im Grunde sollte sich diese Suche die nächsten Jahrzehnte mit wechselndem Erfolg fortsetzen. Erst mit Time Out Of Mind fand er wieder eine dauerhafte musikalische Sprache, die bis zum heutigen Tag Bestand hat.

Another Self Portrait befreit zahlreiche Songs von Self Portrait vom Ballast der Overdubs. Dadurch bietet es einen leichteren Zugang zum Dylan dieser Tage. Die Aufnahmen erscheinen direkt und unverstellt, der Entstehungsprozess gewinnt an Transparenz und Logik. Darüber hinaus wirkt Bob Dylan als Musiker menschlicher und greifbarer als auf Self Portrait.

Der vielleicht größte Wert der neuen Bootleg Series besteht aber darin, dass die fast konfrontative Abwehr- und Verweigerungshaltung Dylans fehlt. Another Self Portrait ist Self Portrait ohne Selbstdemontage.

Höhen und Tiefen

Zu den Highlights von Another Self Portrait zählen beispielsweise das faszinierende, intensive Demo von Went To See The Gypsy, das die Compilation eröffnet. Die zärtliche Coverversion von Pretty Saro überzeugt ebenso wie die engagierte Interpretation von This Evening So Soon (Tell Old Bill).

Eric Andersons Thirsty Boots, Tom Paxtons Annie’s Going To Sing Her Song sowie die Traditionals Tattle O’Day und Belle Isle enthalten allesamt kleine Unsicherheiten, die dem Charme der Aufnahmen aber keinen Abbruch tun. Days Of 49 und Copper Kettle zählen zu den (wenigen) Highlights auf dem ursprünglichen Self Portrait und sind in ihren um Overdubs reduzierten Versionen schöne Zugaben.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Another Self Portrait durchgehend großartig ist. Die Verunsicherung Dylans hinterlässt auch auf der neuen Zusammenstellung ihre Spuren. Eddie Noacks These Hands und Railroad Bill bilden die Entsprechungen von I’ll Forgot More Than You’ll Ever Know: Die Interpretationen sind so belanglos, dass man arge Mühe hat, sich an Details zu erinnern, sobald der letzte Ton verklungen ist. Zwei weitere eindeutige Tiefpunkte sind schnell ausgemacht: Die beiden Versionen von Little Sadie nerven auch ohne Overdubs.

Another New Morning

Da sich die Self Portrait-Sessions über den für Dylan ungewöhnlich langen Zeitraum von fast einem Jahr hinzogen (April 1969 bis April 1970), überschnitten sie sich sogar mit den Aufnahmen des Nachfolgealbums New Morning, das zwischen März und Juli 1970 eingespielt wurde. Es erschien bereits im Oktober 1970, lediglich vier Monate nach Self Portrait und wurde sogleich als eine Rückkehr zu alter Form gefeiert.

Another Self Portrait bietet auch Another New Morning, also alternative Versionen und Outtakes dieses Werks, beispielsweise Sign On The Window und den Titelsong mit zusätzlichen (!) Overdubs. Beide werden sicherlich ihre engagierten Befürworter und Gegner finden. Aus meiner Sicht wird Sign On The Window durch die zusätzliche Instrumentierung überladen, während das euphorische New Morning von den zusätzlichen Bläsern profitiert.

Zärtlich und etwas verloren

Auf New Morning gibt Dylan seine Gedanken in bemerkenswerter Offenheit preis. Wie weit das ging, zeigt die alternative Version von If Not For You, die von einer zärtlichen Violine dominiert und Dylans etwas übertrieben verführerischem Gesang bestimmt wird.

Während If Dogs Run Free in seiner jazzigen Originalversion zu Dylans bizarrsten Aufnahmen zählt, kommt die Version auf Another Self Portrait in einem relativ konventionellen Gewand daher – und fügt sich daher schlüssig in das Gesamtbild ein.

Während der New Morning-Sessions nahm Dylan auch einige Songs mit George Harrison auf. Working On A Guru stellt ein eher leichtgewichtiges Ergebnis dar. Weitaus pointierter ist hingegen die eindringliche erste Version von Time Passes Slowly, die auch gesanglich die veröffentlichte Version bei weitem übertrifft.

Keine Rehabilitation von Self Portrait

Die Self Portrait/New Morning-Aufnahmen werden von Liedern ergänzt, die im Rahmen der Sessions für Greatest Hits II im September und November 1971 entstanden. Besonders hörenswert ist das Demo von When I Paint My Masterpiece, während Only A Hobo durch die entspannte Grundhaltung viel von der essentiellen Wut verliert, die es als Outtake der The-Times-They-Are-A-Changing Sessions (auf Bootleg Series Vol. 1-3) besessen hatte.

Another Self Portrait rehabilitiert nicht Self Portrait, wie einige Kritiker meinen, sondern offenbart, wie stark Dylans Verweigerungshaltung dessen Entstehungsprozess bestimmte. Die Zeitgenossen haben Dylans Botschaft weit besser verstanden als einige heutige Beobachter.

Wer argumentiert, Self Portrait wäre ein besseres Album geworden, wenn Dylan einige Songs durch andere, vermeintlich bessere, ersetzt hätte, führt sich selbst in die Irre. Es war nie das Ziel von Self Portrait zu funktionieren. Warum sollte man etwas reparieren, was gar nicht funktionieren soll?

Ein Musiker im Studio

Another Self Portrait verdeutlicht, dass Self Portrait im Rahmen normaler Aufnahmesessions entstand, die Dylan nicht gerade in Topform, aber auch nicht komplett verloren oder abgeschnitten von jedem kreativen Impuls zeigen. Stattdessen offenbart sich Dylan als etwas verunsicherter Musiker, der zwar stimmlich absolut auf der Höhe ist, aber nicht so recht weiß, wie er seine Ideen musikalisch realisieren soll.

In dieser Erkenntnis liegt die heilsamste Wirkung der neuen Bootleg Series. Sie zeigt Dylan als "working musician", der im Studio experimentiert, Ideen ausprobiert, realisiert oder wieder verwirft, ohne etwas sonderlich Geniales zu produzieren. Manches funktioniert, anderes nicht. Siehe da, ein Mensch.

Wertung: +++1/2 (von +++++)

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