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Die Felsen - "Blut und Bier auf dem Klavier" (VÖ: 6.10.12) © 2012, Coverfoto: Tom Eisele

Über ihre Heimatstadt kann man mit dem Auto fahren, ohne viel von ihr zu sehen oder den Boden zu berühren. An ihnen kommt trotzdem niemand vorbei. Mit ihrem zweiten Album "Blut und Bier auf dem Klavier" legen Die Felsen aus Ludwigshafen ein reifes und rundes Werk vor.

"Das klingt doch wie…" ist für viele Musikhörer eine Erkenntnis, die den Lustfaktor auf den gerade ertönenden Sound schmälert. Philosophisch veranlagte Gemüter mögen anmerken, dass ja sowieso irgendwie immer alles nach allem klingt, weil ja alles auf allem Vorigen aufbaut.

Trotzdem muss die folgende Frage beantwortet werden: Was machen Die Felsen aus Ludwigshafen richtig, so dass sie trotz aller Parallelen zu ihren musikalischen Nächsten und Vorbildern – hierzu zählen unter anderen Element of Crime, aber besonders die Scherben, denn die Stimme von Sänger Tim G. Mayer hat tief in Rio Reisers Glas geschaut – so dermaßen authentisch, spannend und mitreißend sind? Glücklicherweise übernehmen Die Felsen die Beantwortung dieser Frage mit ihrem Album Blut und Bier auf dem Klavier höchstpersönlich. Der Hörer kann, darf, muss genießen.

Rock und Roll Band

Die erste Antwort lautet: Hier spielt eine gottverdammte Rock und Roll Band. Treibender Groove, wirbelnde Klimpertasten und Orgelsounds, prägnante Gitarrenlicks, ideal platzierte Soli, kraftvolle Stimme und auf 3:13 Minuten komprimierte Energie, von der Möchtegerns ganze zwei Alben lang zehren würden. Die Musikalität der einzelnen Bandmitglieder kann sich durch das erbaute Gerüst voll entfalten und wirkt zurück auf den Gesamtsound. So ist Schlagzeuger Tobias Frohnhöfer, auch in anderen musikalischen Gefilden bekannt durch das erfolgreiche Jatzt!-Trio, bei weitem nicht nur Takt-, sondern auch Impuls-, Ideen- und Einsatzgeber.

"Das Rollen eines Felsen" soll ihre Musik kundtun, wünschen sich Die Felsen und setzen damit einen weiteren naheliegenden musikalischen Bezug. Die zweite Antwort lautet: Das Songwriting und die Arrangements dieser Band sind in Stones-Manier klassisch einfach gestrickt, funktionieren daher aber umso besser. "Klare, lockere Lieder" wollten sie für ihr neues Album schaffen – das ist ihnen hervorragend gelungen. Dazu tragen nicht zuletzt Tim Mayers Qualitäten bei, was das Schreiben von Ohrwürmern angeht. Er scheint die passenden Melodien zu den prägnanten Refrains mit Leichtigkeit aus dem Ärmel zu schütteln.

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Ein Mann, wenn ich ein Mann sein muss

All dies Wunderbare an der Musik der Felsen wäre im Nu verloren, würde Tim Mayer den Hörer mit banaler Selbstbefindlichkeitslyrik quälen. Ja, die Lieder handeln von der Liebe, von Jungen und Mädchen, von Wünschen, Hoffnungen und Entbehrungen, von Ups, von Downs. Aber banal sind Mayers Zeilen wie "Ich will mit dir untergehen" nicht.

Vor dem Hintergrund der Ludwigshafener Industrieromantik, dieser wie untot wirkenden Chemiestadt und ihrer Tristesse, entfaltet sich die Authentizität der Texte. Wer bin ich, wo stehe ich, was mache ich hier, will ich das, wie komme ich hier raus und verdammt nochmal mit wem? "Bin ich hier, bist du immernoch bei mir / Und bist du da, dann wird mir besonders klar / Ich bin ein Mann und du bist eine Frau / Was das bedeutet, weißt du ganz genau / Ich bin ein Mann, wenn ich ein Mann sein muss, Baby". Antwort drei lautet: Mit den Texten der Felsen kann man sich identifizieren und sie nachvollziehen. "Tim Mayer hat die Tragödien und Sehnsüchte eines jungen Erwachsenen in knackige Deutschrock-Texte verpackt. Melancholie trifft auf Straßenköter-Attitüde", so umschrieb es unser Autor Andreas Margara in seinem Portrait der Felsen.

Alles ist groovy

Für eine junge Band wie diese Newcomer aus der Vorderpfalz ist das vorliegende Album wirkich eine reife und runde Leistung. Kleinere Durchhänger sind rar gesät. Die Songs Florida und Büsche im Park zählen dazu, sind aber umzingelt von herausragenden Liedern wie dem mitreißenden Untergang, der als Ruhepol des Albums fungierenden Ballade Draußen am Balkon und dem Mambo, der nichts mit dem Grönemeyer-Evergreen gemein hat, sondern beweist, wie filigran, sicher und einfallsreich sich Die Felsen durch ihre Harmoniewechsel bewegen.

"Alles ist ok, groovy groovy…" heißt es im letzten Song des Albums. Damit geben die Felsen Antwort Nummer vier. Die fünfte Antwort fügen wir selbst hinzu: Wer sich mit deutschsprachiger Rockmusik versöhnen möchte oder ihr sowieso schon zugeneigt ist, dem sind Die Felsen und ihr neues Album wärmstens ans Herz gelegt.

Kaufen

Blut und Bier auf dem Klavier wurde von Die Felsen im Eigenvertrieb veröffentlicht und ist auf ihrer Homepage sowohl digital (7€) als auch physisch auf CD, inklusive eines zwölfseitigen Booklets (10€) zu haben.

Wertung: ++++ (von +++++)

 

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