Dank seinem Nachnamen haben nun etliche Schreiberlinge die Möglichkeit, ihre Artikel mit Wortspielen und Redensarten zu beginnen. Er erobere die Herzen im, sei die Ruhe vorm und laufe gegen alles - Sturm. Doch Nicolas Sturm ist ein eher ruhiger musikalischer Zeitgenosse. Vier EPs hat er bereits im Alleingang aufgenommen, die aktuelle trägt den Titel "Ben Hur". Mit regioactive.de sprach er über seine musikalischen Einflüsse, stilistische Kategorisierungen und seine erste größere Tour.

Nicolas Sturm & Das Klingen EnsembleNicolas Sturm & Das Klingen Ensemble
© Lasse Michaelson
RA: Ob man Musiker werden will oder nicht, ist meist keine bewusste Entscheidung. Aber den Zeitpunkt, an dem man beschließt, seine musikalischen Entwürfe auf Band festhalten zu wollen, weiß man meistens noch ganz genau. Du auch?
Nicolas Sturm: Bei mir war das ganz klassisch: Ich galt – zu Recht –  als völlig unmusikalisch, bis ich mit 13 die alte Gitarre meiner Mutter fand und begann, mir ein paar Songs beizubringen. Etwas später dann mit Schulfreunden die erste Band gegründet, kennt man ja alles... Mit 17 habe ich mir einen Vierspurkassettenrecorder zugelegt und herumprobiert. Das mache ich eigentlich immer noch, mein Bewusstsein hat sich da, denke ich, kaum verändert.

Du beschreibst deine Musik auch als "Happy Hardcore". Könntest du das näher umreißen?

Ehrlich gesagt musste ich diesen Begriff erst mal googlen, ich kannte ihn nur aus dieser mySpace-Kategorisierung. Anscheinend handelt es sich dabei um "fröhlichen Techno". Ich würde also sagen, dass dieser Begriff meine Musik nicht wirklich treffend umschreibt. Ich fand den Namen einfach nur ganz nett. Allerdings bin ich elektronischer Musik auch nicht abgeneigt und benutze entsprechende Elemente ab und zu ganz gerne für Songs.

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Bisher hast du nur EPs veröffentlicht. Kann man auch bald mit einem Album rechnen?

Ja, das hoffe ich. Allerdings bin ich noch auf der Suche nach dem passenden Label für eine Album-Veröffentlichung. Dafür wird es Ende April aber eine neue EP geben, die etwas umfangreicher als die letzte ausfallen wird.

Wie würde sich dein Album anhören?

Das kommt darauf an wann ich mit der Arbeit daran beginne. Zur Zeit würde es relativ akustisch werden.

Gibt es Stile und Sounds, die du schon immer mal ausprobieren wolltest?

Man lernt nie aus. Gottseidank. Vielleicht mache ich ja bald die lang erwartete Happy-Hardcore-Platte.

In deiner Presseinfo habe ich gelesen, du würdest mit einem Vierspurgerät aufnehmen. Wie wichtig ist dir beim Aufnahmeprozess die klangtechnische "Professionalität"?

Ja, meine bisherigen EPs sind mit einem Vierspur-Recorder aufgenommen worden. Das habe ich in erster Linie aus Kostengründen so gemacht und weil ich mit dem Gerät mittlerweile gut vertraut bin und es einfach schneller geht. Genauso wichtig für den Aufnahmeprozess sind aber auch meine Freunde, die mir helfen und mit Rat und Tat zur Seite stehen. Zum Thema "Professionalität" kann ich nur sagen, wenn es sich gut anfühlt, ist es gut, egal wie viele Fehler da drauf sind.

Wie fiel deine musikalische Früherziehung aus? Mit Singern/Songwritern oder eher mit Bandmusik?

Eher Bandmusik. Auch wieder klassisch: die Beatles waren mein erster Kontakt mit Popmusik. Danach bin ich erst einmal eine Weile in den Sechzigern hängen geblieben, während meine Klassenkameraden Pearl Jam und Metallica CDs kauften. 

Viele Musiker behaupten, es gäbe einen bestimmten Song, der sie zum eigenen Musikmachen inspiriert, gar den Blick auf die Musik verändert habe. Hattest du irgendwann einmal auch eine solche musikalische Erleuchtung?

Einen bestimmten Song hatte ich nicht. Aber Jimi Hendrix war damals sicherlich ein wegweisender Künstler für mich. Anfangs wollte ich einfach nur Gitarrist sein, Singen fand ich uncool.

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Die Songs deiner neuen EP Ben Hur hören sich teilweise nach Saddle Creek an, auch eine (von deiner Seite aus bestimmt unbeabsichtigte) Parallele zu Gisbert zu Knyphausen ist zu erkennen. Findest du musikalische Vergleiche generell schwierig? Oder macht es dir nichts aus, in einen musikalischen Kontext eingebettet zu werden?

Ich denke um eine Verständigungsebene zu schaffen sind Kategorien unverzichtbar. Wenn aber Kategorien aus Überstrapazierung oder anderen Gründen nicht mehr greifen, wie zum Beispiel "Anti-Folk", wird es schwierig. Auch Vergleiche mit anderen Künstlern sind sicher hilfreich für eine Kategorisierung, können aber schnell zu Missverständnissen führen. Eine reale Parallele zu Gisbert zu Knyphausen, dessen Musik ich sehr schätze, ist jedenfalls, dass wir sozusagen Labelkollegen sind, seit Gisbert und Christoph Kohlhöfer (alias pappmaché) mich bei OMAHA Records aufgenommen haben.

Deine Texte sind deutsch – und sehr poetisch, wortgewandt und dicht, was man von der populären, chartsorientierten deutschen Musik (im Moment) nicht behaupten kann. "Zwei Jahre Knast waren nicht schlimmer als dass/ du mich hast warten lassen am Tor/ um aufzutauchen mit einem dicken Bauch/ und einem falschen Diamanten an der Hand" (aus Ben Hur) Schöner kann man eigentlich das Gefühl nicht beschreiben, wenn man den Ex-Partner nach langer Zeit wiedertrifft und feststellen muss, dass man selbst gleich geblieben ist, während der andere irgendwie das geworden ist, was als "erwachsen" tituliert wird...

Vielen Dank! Es fällt mir immer sehr schwer, eigene Texte zu besprechen. Besonders im Fall von Ben Hur handelt es sich in erster Linie um Bilder, die zwar zusammen wirken sollen, jedoch nicht auf einen verbindenden Inhalt oder gar einen fortlaufenden Erzählstrang bestehen. Ich finde, dass deine Interpretation auf jeden Fall treffend ist, das Bild könnte aber auch genauso gut für einen anderen Moment der Ernüchterung beziehungsweise Selbsterkenntnis stehen.

Ist Herzkammer teilweise auch eine kleine Hommage an Roy Orbison?

Ich mag Roy Orbison sehr, vielleicht ist es gar ein Tête-à-tête zwischen Roy und Johnny Cash? Stimmt, es finden sich auch textlich ein paar Parallelen, das war aber nicht bewusst so gewählt. 

Spielen Literatur und Film für deine Texte eine Rolle? Beeinflussen dich diese Kunstformen ihren jeweiligen Ausprägungen? Dein Vokabular und die Dichte deiner Texte lassen darauf schließen, dass du mit literarischen "Formeln" umgehen kannst. Silbermond, zum Beispiel, würden wohl kaum einen ihrer Songs Zetermordio nennen...

Es gibt viele Inspirationsquellen, die ich bewusst oder unbewusst anzapfe. Das kann natürlich auch gefährlich sein. Ich lese sehr gerne, vor allem die gelben und roten Reclam Heftchen. Ganz toll sind übrigens auch die alten Donald Duck Comics von Carl Barks, in der deutschen Übersetzung von Erika Fuchs. 

Gibt es Motive, die du spannend findest oder welche, die du in deinen Liedern noch verarbeiten möchtest?

Nein, es existiert da keine Liste, die ich abarbeite. Ich lasse mich überraschen.

Du spielst noch in der Band Alte Neue Tricks. Möchtest du deine Solo-Musik und die Band-Musik stilistisch trennen?

Das geschieht automatisch, denn die Arbeitsweise ist bei den Tricks eine ganz andere. Da sind vier Musiker mit sehr verschiedenen musikalischen Hintergründen am Werk. Wir schreiben die Musik gemeinsam, sie entsteht in einem langwierigen, demokratischen Prozess. Zur Zeit arbeiten wir übrigens parallel zu meinen Aufnahmen an einer neuen Tricks EP.

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Du warst im November 2009 unterwegs. War das deine erste größere Tour?

Ja, zumindest in dieser Konstellation, in Begleitung des Klingen Ensembles, einer One Man Band, verkörpert durch Jeremy "James" Dhôme. Er spielt live verschiedene Instrumente wie Schlagzeug, Keyboards, Percussion, und das oftmals sogar gleichzeitig. 

Wie lief's?

Überraschend gut! Anfangs war ich mir nicht so sicher, ob die Leute mit dieser Musik in der dargebotenen Form etwas anfangen könnten, aber die Reaktionen vom Publikum und den Veranstaltern waren sehr ermutigend. Die nächste Tour Ende April ist bereits in Planung.

Hast/Hattest du Lampenfieber?

Ja, immer. Dieser Bastard lässt mich einfach nicht mehr los.

Gibt es Unterschiede in den Reaktionen des Publikums?

Meine Erfahrung war, dass das weniger von der Stadt oder dem Club abhängt, sondern vom Verlauf des jeweiligen Abends. Das klingt vielleicht etwas bescheuert, aber manchmal entsteht im Laufe des Konzerts eine besondere Chemie zwischen Band und Publikum, die schwer zu beschreiben ist, die man nicht heraufbeschwören, die sich aber an jedem Ort entwickeln kann. Schön war auf jeden Fall, dass bei dem Konzert in Frankfurt meine beiden Brüder dabei waren.

Ist dir irgendwas Ungewöhnliches auf der Bühne passiert, oder gab's auch ein anderes Ereignis, das eine Erwähnung verdient hätte?

Die verrückten Sachen passieren meist erst nach dem Konzert, zu späterer Stunde. Wir hatten auf jeden Fall jede Menge Spaß auf der Tour.

Wo übernachtet man als Musiker, der noch keinen Bekanntheitsgrad erreicht hat, der es ermöglichen würde, das Hyatt zu buchen?

Da muss man sich leider mit dem Hilton begnügen... Oder – wie wir – bei sehr netten Leuten, meist Freunden und Veranstaltern, aber auch völlig Unbekannten unterkommen.

Danke für das Interview!

Ich danke!

Dobromila Walasek

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