"das reguläre rockkonzert-schema aufbrechen"

Interview mit Erik Langer von Kettcar

Jasmin Dreger, Stefanie Müller / Live-Fotos: Holger Nassenstein, Marco Di Salvo, Julian Reinecke, Achim Casper. Veröffentlicht am Montag, 30. November 2009
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Kettcar mit Streicher-Unterstützung: Das Coverfoto der DVD

Wer keine Gelegenheit hatte, Kettcar auf ihrer Akustik-Tour zu erleben oder gar ihr Sonnenaufgangskonzert im Hamburger Kampnagel live zu sehen, der wurde auf eine andere Art und Weise entschädigt: Kettcar veröffentlichten eine Live-DVD, die unter anderem Ausschnitte dieses außergewöhnlichen Auftrittes beinhaltet. Wir trafen Gitarrist Erik Langer und er erzählte uns darüber, wie die Idee für das Konzert entstand, wie sich die Verstärkung durch Streicher anfühlt und noch einiges mehr!


Kettcar (Live bei Rock im Park 2009) Foto: Achim Casper
Foto: regioactive.de
RA: Euer erstes Konzert mit Streichern fand im Hamburger Kampnagel statt. Wie kam es dazu?
Erik Langer: Wir wurden gefragt, ob wir im Rahmen von dem Sommerfest dort spielen wollen. Uns wurde angeboten, dieses Fest mit einem Konzert zu beenden. Daraufhin haben wir uns näher informiert und rausgefunden, dass es dort möglich ist, etwas Besonderes zu machen. Da wir es immer toll finden, dieses reguläre Rockkonzert-Schema aufzubrechen, sind wir hingefahren und haben geguckt, ob wir vielleicht auf dem Dach spielen oder etwas anderes machen könnten. Es gab dort eine Halle, wo man hinter der Bühne das Tor aufschieben kann und da haben wir überlegt, dass es toll wäre, dort zu spielen. Dann kam die Idee, dass man das Konzert beim Sonnenaufgang geben könnte – alles mit Streichern, was nur als einmalige Sache für dieses Konzert gedacht war. War ja auch nicht die Erfindung des Rades: Das haben schon viele vor uns gemacht und werden auch noch viele nach uns machen. Für uns aber war es etwas Neues und wir dachten, dass es passen würde. So ungefähr war das!


Kettcar (live in Hamburg, 2008) Foto: Holger Nassenstein
Foto: regioactive.de
Wie war das Konzert für euch?

Erik: Es war gut! Wir waren tierisch aufgeregt. Wir haben es genossen, etwas anderes zu machen. Ich habe Reimer um 2 Uhr morgens von zu Hause abgeholt, wir sind dort hingefahren und haben mit den Leuten abgehangen, die Abends dort Alkohol tranken und schon in den Seilen hingen. Das war lustig, nachts anzukommen und zu wissen, dass man in ein paar Stunden ein Konzert gibt. Das Konzert war toll, genau wie das Publikum. Irgendwie hatten wir das Gefühl, dass es alle gut fanden, mal etwas anderes zu machen. Es war bei vielen auch so, dass sie extra früh aufgestanden oder erst gar nicht ins Bett gegangen sind. Nach dem Konzert standen wir noch mit vielen Leuten draußen vor dem Tor und haben noch ein Bier oder einen Kaffee getrunken. Es war einfach eine schöne und runde Veranstaltung. Dort entstand auch der Gedanke, dass man so was noch einmal machen könnte.

Bei der Tour waren andere Streicher dabei, als beim Kampnagel-Konzert. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Erik: Das weiß ich gar nicht. Es war wunderbar mit denen. Wir hatten einen Tipp von unserem Mischer bekommen, der mit diesen Streichern schon einmal zusammen etwas gemacht hatte und die toll fand. Ich weiß gar nicht, ob wir die Streicher vom Kampnagel-Konzert noch gefragt hatten. Das sind alles Profis. Denen musste man nur einen Zettel hinlegen und dann konnten sie das sofort spielen. Aber mit den Streichern, die wir auf Tour dabei haben, ist das auch ganz toll. Bei dem Dockville-Festival haben wir zum ersten Mal mit ihnen gespielt und das hat einfach auch menschlich total gut gepasst. Das ist sehr wichtig! Denn wenn man eine Woche auf Tour ist, wo wir alle in einem großen Bus schlafen, dann muss man miteinander auskommen. Wenn da ein Arsch dabei ist, macht das alles kaputt.


Kettcar (live in der Factory in Magdeburg, 2009) Foto: Julian Reinecke
Foto: regioactive.de
Wo habt ihr denn geprobt?

Erik: Wir hatten extra einen größeren Raum dafür angemietet, weil wir in unseren kleinen Proberaum gar nicht alle gepasst hätten. Da passen nur wir ja noch nicht einmal richtig rein! Falls jemand einen guten Proberaum in Hamburg weiß: Wir suchen! Dort wurde dann intensiv geprobt. Wir haben uns auch einen Tag vor der Probe mit den Streichern schon vorbereitet. Das sind Profis, die brauchen da nicht so lange. Die haben dann auch selber Vorschläge gemacht, teilweise noch während der Tour. Das ist super, dass sie sich daran beteiligen. Man kommt sich so musikalisch vor! Es ist kein starres Korsett. Die Lieder, das sind teilweise Songs, die wir seit 8 Jahren immer gleich gespielt haben. Jetzt ist es anders und das ist großartig!

Habt ihr denn alle eure Lieder mit Streichern geprobt?

Erik: Nicht alle Lieder, die wir haben, es gab vorher schon eine Auswahl. Wir haben versucht ein Set zusammen zu stellen, das in der Stimmung schlüssig ist. Es gab auch andere Lieder, die wir hätten spielen können. Aber das hätte in eine andere Richtung geführt. Es wäre dann zu spaßig oder zu wild geworden.

Wird es noch mal so etwas wie die Hamburgwoche geben?

Erik: Vielleicht! Also Spaß gemacht hat es. Aber vielleicht wird es auch was ganz anderes geben, was schön wäre. Wir versuchen uns immer irgendwie Dinge zu überlegen, die für uns auch neu sind. Das hält das Ganze frisch.

Warum gibt es denn keine Konzerte in Österreich oder der Schweiz?

Erik: Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich glaube, es ist tatsächlich so, dass wir nicht so lange auf Tour wollten, weil viele in der Band Kinder haben. Wir mussten gucken, dass wir für eine knappe Woche etwas sinnvolles zusammenstellen. Es war abgesprochen, dass wir nicht länger machen wollen. Das wäre einfach zu hart gewesen, in die Schweiz oder nach Österreich zu fahren.


Kettcar (Fest van Cleef 2008, Mannheim) Foto: Marco Di Salvo
Foto: regioactive.de
Wie ist es für euch als ehemalige "Punks" in einer Kirche zu spielen?

Erik: Ich weiß gar nicht, ob die Kulturkirche in Köln, in der wir spielten, noch richtig in Betrieb ist. Teilweise, glaube ich. Also ich habe damit kein Problem, weil Kirchen ein Teil der Gesellschaft sind und es viele gute Aspekte gibt. Zum Beispiel wird Menschen geholfen, die sozial schwach oder am Rande der Gesellschaft leben. Ich glaube, dass es gute Kirchenarbeit gibt. Man kann die Kirchen nicht alle über einen Kamm scheren und verdammen. Wenn wir uns manchmal unzufrieden über Religion äußern, dann meinen wir damit eher etwas anderes als die Kirchengemeinde, die einfach wertvoll für das soziale Gefüge in der Nachbarschaft ist.

Für eure Konzerte sucht ihr euch immer wieder besondere Locations aus. Wie entstehen dafür die Ideen?

Erik: Wir laufen mit offenen Augen durch die Städte und gucken, was andere Leute so machen. Dann wird halt überlegt, ob wir das auch machen könnten. Fragen, ob man hier oder da spielen kann. Was wäre interessant für die Leute? Was würde uns Spaß machen?

Werden die Ideen dann gesammelt und darüber abgestimmt oder wie läuft das bei euch?

Erik: Wir werden teilweise auch eingeladen. 2005 zum Beispiel, ob wir nicht Lust hätten, auf dem Vordach vom Schauspielhaus zu spielen. Da wurden auch andere Hamburger Bands gefragt, aber die haben abgelehnt. Ich weiß gar nicht genau, warum die anderen Bands dort nicht spielen wollten. Wir haben sofort zugestimmt, weil es genau so etwas ist, was wir toll finden. Wenn sich so eine Gelegenheit ergibt, dann sind wir eine Band, die dankbar zugreift. Außerdem hatte das noch einen politischen Hintergrund. Da ging es darum, dass man sich den öffentlichen Raum wiedererobern will und es nicht sein kann, dass alles privatisiert wird. Es werden immer mehr Verbote ausgesprochen, man wird stärker eingeengt. Wir spielten auf dem Vordach und da ist dann der Verkehr zusammengebrochen. Die Polizei konnte nichts anderes machen, als das einigermaßen zu regeln. Aber man hat uns machen lassen. Sicherlich auch, weil es ein Schauspielhaus war. Da sagt die Polizei vielleicht: wenn das jetzt keine 3 Stunden geht, dann lassen wir es einfach durchgehen. Ich glaube, wenn wir bei der roten Firma gespielt hätten, dann wäre das anders ausgegangen.


Kettcar (live in Hamburg, 2008) Foto: Holger Nassenstein
Foto: regioactive.de
Warum wurden bei normalen Konzerten so viele Lieder vom Sylt-Album gestrichen?

Erik: Wir haben tatsächlich fast alle Lieder der Platte mal live gespielt und haben dann festgestellt, dass einige davon live nicht gut funktionieren. Teilweise müssen wir uns da sehr konzentrieren, weil manche wirklich schwierig zu spielen sind. Bei einigen anderen Songs ist das Publikum nicht angesprungen. Es gibt verschiedene Gründe, weshalb man sagt: Lasst uns den Song erstmal nicht mehr spielen! Fake for real haben wir zum Beispiel trotzdem gespielt, der auch sehr elektronisch ist. Mit 3 Keyboards auf der Bühne. Wir haben das versucht und es hat auch ganz gut funktioniert. Das haben wir eine Zeit lang gemacht und dann war's auch wieder gut. Kann schon sein, dass wir uns mal wieder an einigen dieser Lieder vergreifen werden. Wenn jetzt jemand sagt, dass er diesen oder jenen Song mal wieder spielen würde und alle anderen zustimmen, dann ja. Jetzt spielen wir Fake for real auch. Also Lars und Marcus zusammen mit den Streichern. Frank ist auch dabei mit etwas Beckengerassel. Da passt das dann wieder.

Andere Bands lassen ab und an ihre Fans über die Setlist abstimmen. Wie steht ihr dazu?

Erik: Da würde Marcus jetzt sagen: "Ich bin nicht Dieter Thomas Heck und das hier ist kein Wunschkonzert!" Vielleicht wäre das auch mal eine Sache, die man ausprobieren könnte. Aber im Moment sind wir noch so drauf, dass wir das wichtig nehmen und bei unseren Konzerten versuchen, einen Spannungsbogen reinzubekommen. Wir überlegen, wann genau welches Lied kommt. Normalerweise, wenn wir auf Tour sind, setzen wir uns jeden Abend kurz zusammen und überlegen, ob das gestern gut war oder ob man jetzt paar Songs austauscht.

Gibt es etwas, das euch am Publikum stört?

Erik: Wir sind dankbar, dass wir überhaupt Publikum haben. Manchmal gibt es Leute, die einfach nicht aufhören, irgendetwas dazwischen zu rufen. Und andere, die aggressiv sind. Gerade bei vielen Besuchern ist es normal, wenn Leute darunter sind, die sich gar nicht das Konzert angucken wollen, sondern aus irgendwelchen anderen Gründen kamen. Das nervt dann alle. Irgendwie schafft man es dann, diejenigen dazu zu bewegen, das Konzert nicht kaputt zu machen. Ich habe den Eindruck, dass sowas meistens vom Publikum geregelt wird. Manchmal sagt Raimer dann auch: "Jetzt sei mal ruhig! Was meinst du, warum ich ein Mikro habe und nicht du!"

Die Rufe nach Balu: Nervt das nicht mit der Zeit?

Erik: Gar nicht so sehr! Irgendwie ist es uns als Band bewusst, dass es für viele ein besonderes Lied ist. Wenn man als Band nur auf dieses eine Lied reduziert werden würde, dann wäre es wirklich schade. Da würden wir ernsthaft darüber nachdenken, was man dagegen tun könnte.

Gab es denn mal die Überlegung, das Lied..

Erik: ..das Lied zuerst zu spielen, damit die Leute nach Hause gehen können, die nur Balu hören wollen? Das wäre fair! Die Überlegungen gab es schon, ja. Es wird auch noch häufiger passieren. Wenn die Fans teilweise über 20 Euro für das Konzert bezahlen und sich sehr auf dieses Lied freuen, dann finde ich es schon hart, zu sagen: Nö, ich habe heute keinen Bock. Es gibt einfach eine Menge Menschen, die den Song sehr gerne hören. Ich weiß auch, dass ihn Marcus und Lars noch immer sehr gerne spielen und er ihnen auch etwas bedeutet.

Wie geht es mit Kettcar weiter?

Erik: Wir spielen im nächsten Jahr erstmal keine Konzerte. Wir arbeiten an neuen Liedern. Damit haben wir schon angefangen und auch versucht, etwas davon live zu spielen. Da wird jetzt mehr passieren. Ganz wichtig ist, dass wir einen neuen Proberaum brauchen. Wenn wir das geschafft haben, dann wird das auch alles intensiver werden.

Danke dir für das Interview, Erik!

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