Musik pro Spaß, pro Liebe, gegen Krieg, gegen die Melancholie und gegen die globale wie die private Krise: Einen thematisch bunten Pool bieten uns die neuen Alben von Philip Bölter, Mom's Day, Mos Def, Virginia Jetzt! und der Rückblick auf Woodstock.
Mit dem komplett selbst produzierten und finanzierten Album New Hour liefert Philip Bölter bereits sein drittes Soloalbum ab. Aufgenommen wurde es in den Studios der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim, wo der 21-jährige gerade erfolgreich sein Studium abgeschlossen hat. Zum Studienbeginn legte er Before the TVs dreamed vor, sein zweites Werk. Erhalten blieben neben Bölters Stil auch manche seiner Mitmusiker: Diesmal spielen Daniel Schild am Schlagzeug, Benjamon Gärtner am Bass, Christina Müller und Sarah Krimm an den Backingvocals. Philip Bölter bedient den ganzen Rest der Instrumente im Alleingang, und es gibt einige davon: E-, Slide- und Akustik-Gitarren, Banjo, Klavier, Orgel und Mundharmonika. Diese beeindruckende Musikalität Bölters springt dem Hörer bei New Hour förmlich ins Ohr. Gleich zu Beginn liefert er mit Big City einen wilden Auftakt, der von der überragenden Gitarrenarbeit geprägt ist. Deutlich erkennbar, dass Bölter als Singer/Songwriter gereift ist. Dennoch verleugnet er auf dem neuen Album seine Wurzeln nicht: Nach wie vor steht er in der Tradition der Folk- und Rockmusik der 60er und 70er Jahre. Die dementsprechend fehlende musikalische Innovation gleicht Bölter damit aus, dass er seine Songs in gleichermaßen ausgereifte wie live-taugliche Arrangements verpackt. So bleibt das lebhafte Element, das die Konzerte des unermüdlich tourenden Philip Bölter ausmacht, auch auf dieser Studioaufnahme erhalten. Und das nicht nur bei den flotteren Songs wie Big City, sondern auch bei Balladen wie Smile. Seine Mitmusiker weiß Bölter gezielt in Szene zu setzen, wie etwa beim Gänsehaut-Backgroundgesang zu The Sea. So gelingt es ihm, der unaufdringliche Kopf der Gruppe zu sein, und seinem Solo-Werk damit gleichzeitig echten Band-Charakter mitzugeben. Hervorragend gelungen ist ebenfalls das komplette Artwork des Albums, für das sich Christian Schmitt verantwortlich zeichnet. Wer bei diesem Album mit aller Macht nach einem Makel sucht, der mag ihn eventuell bei den Texten finden. In ihnen beschreibt Bölter seine Erfahrungen und Eindrücke während seiner Studienzeit in Mannheim. Die Texte sind direkt, schnörkellos und in einfachem Englisch gehalten. Bölters Beschreibungen sind keine ausufernden metaphorischen Umschreibungen, so dass man sich zu dieser Art Musik, insbesondere bei den Balladen, einen Hauch mehr Poesie wünschen würde. New Hour von Philip Bölter ist dennoch ein Muss für Liebhaber des Genres.
"Quietschvergnügte Punkrocker von der Schwäbischen Alb", die dem krisengeplagten Deutschland ihre neu CD Super Sonnig "vor den Latz knallen". Dem weniger von der Krise, als vielmehr vom viel zu häufigen musikalischen Einerlei geplagten Redakteur war das Einladung genug, sich das von Robert Tschreppl produzierte Werk zu Gemüte zu führen. Nicht zuletzt schreit das Cover bereits laut das Versprechen heraus, dass hier alles andere als 08/15 zu erwarten ist. Also bedeutungsschwangeres beiseite legen, den Schalter auf Spaß umstellen und bereit machen für eine Überdosis Fun-Punk. Und in der Tat, das nunmehr fünfte Werk von Mom's Day liefert soliden Punk, der diese Genrebezeichnung auch wirklich noch verdient. Bei heftigem Einsatz der Doublebass haut das Quartett dem Hörer Texte um die Ohren, die mit dem versprochenen Fun einerseits den Kopf frei machen, ohne aber andererseits völlig anspruchsbefreit zu sein. Spielerisch gut und präzise werden hier 14 Songs durchgeknüppelt, die deutlich machen, warum diese Band gerne als Einheizer für die Konzerte von Donots, Revolverheld oder Jennifer Rostock gebucht wurde. Über 200 Gigs und eine Tour durch Indonesien stehen bereits auf der Liste dieser Jungs, die sich bewusst weigern wollen, irgendwann richtig erwachsen zu werden. Das klingt ein wenig nach Spieltrieb und so ist es auch: Wem Super Sonnig alleine als Album nicht ausreicht, dem liefern Mom's Day das Brettspiel zum Album gleich mit.
Eigentlich sollte im Sommer 1969 in Bethel, im US-Bundesstaat New York gelegen, alles ganz anders beginnen. Als sich nämlich die für den Anfang ausgewählte Rockband Sweetwater verspätete, wurde das legendäre Festival von dem bis dahin noch unbekannten Richie Havens eröffnet. Mit Rauschebart, rauer Stimme und seiner Akustikgitarre, die er gleichzeitig als Perkussionsinstrument einsetzte, machte Havens sich dann unsterblich. Passend dazu bildet der zugehörige Havens-Song Freedom auch den Auftakt für die Warner Music 2CD-Compilation zum 40-jährigen Jubiläum von Woodstock. In chronologisch korrekter Reihenfolge der Auftritte des Festivals schließen danach Sweetwater mit ihrem Titel Look Out an. Die heterogene Auswahl der Stücke reicht von der bekannten Joe Cocker-Interpretation des Beatles-Songs With a little Help from my Friends, über Jimi Hendrix’ subversive Version von Star Spangled Banner oder Bad Moon Rising von Creedence Clearwater Revival bis hin zu dem unbekannten Theme For An Imagenary Western der Gruppe Mountain. Damit wird ein bunter Querschnitt der drei Festivaltage und das Gros der verschiedenartigen Künstler schön aufgezeigt. Besonders eine Grace Slick (Jefferson Airplane – Somebody to Love) live in ihren besten Jahren nachzuerleben, bereitet allergrößte Freude und ermöglicht dem Hörer wenigstens einen Hauch des Original Woodstock-Spirits einzufangen. Erinnerungen an den Woodstock-Film kommen durch die Protest-Hymne I-Feel-Like-I’m-Fixin’-To-Die-Rag von Country Joe McDonald hoch. Joan Baez, Santana, Janis Joplin, The Who und Canned Heat komplettieren die Liste der hörenswertesten Auftritte des Mega-Events. Begleitet wird die Zusammenstellung der teils bekannten und teils raren Live-Aufnahmen von einem ausführlichen Booklet, das neben der Festival-Historie des Autors Holly George-Warren mit ausdrucksstarken Fotos überzeugt. Wem die Doppel-CD noch nicht genug ist, der kann auch auf die ausführlichere 6er-CD-Box aus dem Hause Warner zurückgreifen.
Als Mos Def 1999 mit seinem Soloalbum Black on both Sides debütierte, präsentierte er sich lyrisch als neuer Stern am Himmel der afrozentristischen Native-Tongue-Posse um Rap-Crews wie De la Soul und A Tribe Called Quest. Mit lukrativen Rollen an der Seite von Robert de Niro, Bruce Willis und Eddie Murphy galt seine Motivation fortan aber vielmehr der Schauspielerei, als dem Rappen. Das belegten auch seine unausgereiften Nachfolgeralben The New Danger und True Magic. Zehn Jahre nach seinem Entrée in die Rap-Arena will Mos nun mit The Ecstatic wieder musikalisch verzücken. Produktionstechnisches Geleit bekommt er dabei von keinen Geringeren als der Elite auf diesem Gebiet umOh No, Alchemist, Madlib, Havoc und The Neptunes. Textlich präsentiert sich der zum Islam konvertierte Mos verstärkt politisch. So prangert er mit Workers Comp unter anderem die ansteigenden Arbeitslosenzahlen an, oder thematisiert in Auditorium gemeinsam mit Slick Rick die problematische Resozialisierung von aus dem Irakkrieg heimgekehrten US-Soldaten. Für No Hay Nada Maslässt Baby Grand den Beat entspannt baumeln, während Mos seine Zeilen dazu lässig auf Spanisch vorsingt. Roseshingegen ist ein Piano-Stück, bei demGeorgia Anne Muldrow, die First Lady des Stones Throw Labels, den Gesang beisteuert und Def sich wieder auf das Rappen konzentriert. Absolutes Highlight von The Ecstatic ist der Track History, bei dem die Black Stars Talib Kweli und Mos Def endlich wieder aufeinander treffen. Bis auf die weniger gelungene Kweli-Line "I'm down with the crew like Mussolini in Italy", überzeugt besonders der urtypische J Dilla Beat mit einem erdigen Basslauf und einem netten Vocal-Sample von Mary Wells. Mit gleich einer ganzen Palette an Styles feiert Mighty Mos ein eindrucksvolles Comeback im Rapgame.
Wer bereits bei Land Unter dachte, Virginia Jetzt! bewegen sich am seidenen Faden dem Schlager entgegen, der wird bei dem neuen Album Blühende Landschaften feststellen, dass diese Band sich noch näher am Genre-Abgrund platzieren kann, ohne jedoch ganz auf die Seite des Schlagers gezogen werden. Mit Blühende Landschaften melden sich die Wahl-Berliner zurück. Es soll das Album sein, das Virginia Jetzt! schon immer machen wollten. Leider wirkt es recht einseitig: 9 von 10 Liedern handeln von Liebe und nur ein Song (die Single Dieses Ende wird ein Anfang sein) sticht aus dem Strom der Liebesdudeleien heraus. Ingesamt macht sich aber trotzdem ein guter Gesamteindruck nach dem ersten Hören breit, und das trotz dieser textlichen Eintönigkeit. Lieder wie Hollywood oder So schlägt mein Herz setzen sich gleich im Ohr fest. Es fehlt bei diesem Album dennoch an jener drastischen musikalischen Untermahlung, wie es sie z.B. bei Bitte, bleib nicht wenn du gehst gab. Somit bleiben zwar Textteilen hängen wie "So schlägt mein Herz, es schlägt für dich, wir haben kein Grund zu zweifeln und wir zweifeln nicht", aber trotzdem wirkt die Platte sehr ernüchternd. Abgerundet wird das Album durch den Song Leise gehen, der mit einer Gastsängerin aufgewertet wird und den Höhrer in einen schönen Tag entlässt. Blühende Landschaften ist ohne Zweifel das ruhigste und leider auch eintönigste Album dieser Band, das zudem in vielen Punkten an die Münchener Freiheit erinnert.
CD-Review vom 01.11.2011 | Unsere Redakteure haben sich neue Veröffentlichungen der regioactive.de-Artists herausgepickt, um sie auf Herz und Nieren zu testen. Diesmal mit dabei: Tarranado, Philip Bölter, Fugitive Dancer, Bourbon Seas, Die Versenker und Loaded. Weiterlesen
News vom 11.10.2011 | Sollte es auch plötzlich zum Wintereinbruch kommen, im Herbst kommen einige heiße regioactive.de-Acts auf Tour. Selbst wenn die Temperaturen unter Null Grad fallen, sind eisfreie Straßen garantiert. Weiterlesen
Review/Bericht vom 27.10.2010 | Hamburg, 8 Grad und Regen, doch die Bar Bedford im Alternativviertel von Hamburg lud mit einer warmen, gemütlichen Kerzenstimmung am 25. Oktober zum Solo-Konzert von Philip Bölter ein. Weiterlesen
News vom 26.05.2010 | Vor wenigen Tagen gaben die Jungs der deutschsprachigen Indie-Pop-Band Virginia Jetzt! ihre Auflösung zum Ende des Jahres bekannt. Zum Abschied lässt es die Band jedoch nochmals so richtig krachen und lädt auf der Abschiedstour zum Tanzen! Weiterlesen
CD-Review vom 20.11.2009 | Gleich drei Soloprojekte gibt es in diesem Monat: Julian Casablancas und Hello=Fire sind erst kürzlich zu Einzelgängern geworden, Charlotte Heatherley kann schon mit ihrem dritten Soloalbum aufwarten. Weiterlesen