Bereits um 11 Uhr öffneten die Tore der neunten Ausgabe der MTV HipHop Open, das diesmal auf dem Vorplatz des Mannheimer Barockschlosses stattfand. Mit dem Umzug von Stuttgart in die Quadratestadt sollte das Festival gleichzeitig einen neuen Anstrich bekommen, indem der übliche HipHop-Künstlerkreis auf benachbarte Genres ausgedehnt wurde und das Event den Namenszusatz "Open Minded" erhielt. Die Festivalgäste erlebten ein positives, aber nicht durchgehend spektakuläres Event.
Peter Fox (HipHop Open 2009 in Mannheim)
Foto: Simone Cihlar
© regioactive.de Noch bevor
Nazz, die Gewinnerin des "Featured-Artist"-Wettbewerbs, um kurz nach High Noon die gigantische 50-Meter-Bühne erklomm, rannten die ersten Fans in
KIZ-Shirts wie von der Tarantel gestochen los, um sich einen Platz in der ersten Reihe zu sichern. Den undankbaren Job des Hosts übernahm Mannheims Vorzeigesohn
Xavier Naidoo, der die Festivitäten unter widrigen Wetterbedingungen eröffnete. 15 Minuten Ruhm gebührten dann der Rapperin aus Siegen, ehe mit
Jondo schon der zweite Act an der Reihe war. Mit einer musikalischen Mischung aus Reggae und Singer/Songwriter verdeutlichte sich zum ersten Mal an diesem Tag das neue "Open Minded"-Konzept. Während sich die Sonne nun immer kompromissbereiter von ihrer freundlichen Seite zeigte, wechselten sich auf der Stage die Künstler im 20-Minuten-Takt ab. Sowohl
Marteria und seine
Band of Brothers, als auch der zum Songwriting konvertierte Beginner Denyo alias
Dennis Lisk lieferten solide Live-Leistungen ab.
Naidoo (HipHop Open 2009 in Mannheim)
Foto: Simone Cihlar
© regioactive.de Zum ersten wirklichen Höhepunkt kam es anschließend mit den Allstars aus dem benachbarten Heidelberg. Begleitet von dem Deutschrap-Klassiker
Fenster zum Hof näherten sich die
Stieber Twins in weiße Hemden gekleidet aus dem Bühnenhintergrund. Bei katastrophaler Sound-Qualität, viel Wind und übersteuerten Mikros, stieß schließlich auch die erfrischende Zulu Queen
Cora E zu den Zwillingen dazu, um in der mittlerweile seltenen Dreierkonstellation das Stück
Einmal Macco, Zweimal Stieber zu performen. Mit
Schlüsselkind und
Malaria bekam das überwiegend jugendliche Publikum noch eine anschauliche HipHop-Geschichtsstunde geboten – bei den alten Hasen kamen schöne Erinnerungen hoch. Komplettiert wurden die Riege der deutschen HipHop-Wegbereiter durch
Torch und
Toni-L – die MCs von Advanced Chemistry. Dass Altmeister Torch immer noch ein Crowd-Pleaser ist, unterstrich er unter anderem mit
Rote Wellen und natürlich
Wir waren mal Stars, nach dem das Funkanimal Toni-L und seine Funk-Truppe
Safarisounds das Ruder übernahmen.
Fotogalerie des MTV HipHop Open Minded 2009: Peter Fox, Clueso, Kool Savas, Method Man, K.I.Z. u.a.
Kool Savas (HipHop Open 2009 in Mannheim)
Foto: Simone Cihlar
© regioactive.de Die Umbauphase für die abgedrehten K.I.Z.-ler aus der Hauptstadt überbrückte Xavier einmal mehr mit Beatboxeinlagen und Plattitüden-Geplänkel in der Endlosschleife. Basierend auf den durch T-Shirts ausgedrückten Sympathien, wurde das Open eindeutig von KIZ-Fans regiert. Zu schwachsinnig bis sinnlosen Texten bekam das Prekariat dafür die erste richtige Bühnenshow geboten: Während Nico, Maxim und Tarek zunächst wie Könige auf riesigen Thronen ihre Plätze einnahmen, durfte der Mob aus 13.000 Menschen die Federn aus überdimensionalen Kissen prügeln. Nach der ausgelassenen Kissenschlacht und dem Power-Auftritt mit den Tracks
Hurensohn und
Was willst du machen, betrat dann mit
Kool Savas der eigentliche "King of Rap" das Szenarium. Wie auf wundersame Weise war der Sound nun wieder bestens aufbereitet, so dass KKS begleitet von Statisten in Mönchskutten und
Olli Banjo – dem einzigen Überraschungsgast an diesem Abend – seine Hits wie
Mona Lisa und
Schwule Rapper abfeiern konnte. Am Ende stellte er auch noch die Mona Lisa der deutschen Beatproduktion,
Melbeatz, vor, die sich sichtlich gerührt zeigte.
Method Man & Redman (HipHop Open 2009 in Mannheim)
Foto: Simone Cihlar
© regioactive.de Nach den bisher immer sensationellen Line-Ups der letzten Jahre (Wu-Tang Clan, LL Cool J, Ice Cube, Snoop Dogg) überraschte das Open in diesem Jahr mit nur einem ausländischen Booking:
Method Man & Redman. Pünktlich zur Veröffentlichung ihres neuen Kollabo-Albums, das den innovativen Namen
Blackout! 2 trägt, fand sich das "Most-Blunted-Rap-Duo" nun genau wie in ihrem Kiffer-Streifen
So High auf dem Campus der Uni ein. Als ein wenig Anlaufszeit vergangen und ein paar nicht wirklich live-taugliche Tracks vom neuen Album gespielt waren, nahm das Tandem mehr und mehr Schwung auf. Die Herzen der Fans hatten die Stage-Dive-Junkies mit
Da Rockwilder,
Y.O.U., How High und einigen Bädern in der Menge schnell erobert.
Clueso (HipHop Open 2009 in Mannheim)
Foto: Simone Cihlar
© regioactive.de Den Schluss des immer noch vom Regen verschonten Open Minded teilten sich die drei deutschen Headliner
Clueso,
Jan Delay und
Peter Fox. Während der durchaus im HipHop sozialisierte Songwriter aus Erfurt die eher ruhigeren Töne anschlug, sorgten Jan Delay und Peter Fox jeweils für eine explosive Show, besonders dank ihrer zündenden Live-Bands. Ohne dass es zu einer Beginner-Reunion mit Denyo und Eißfeldt kam, ging es mit
Türlich, Türlich, Klar, zahlreichen Coversongs und seiner neuen Single
Oh Johnny gleich steil in Richtung Funk und Reggae. Mit
Disko No.1 im Rücken brillierte der Hamburger Dressman und Stammgast des HipHop Opens in Bestform.
Peter Fox (HipHop Open 2009 in Mannheim)
Foto: Simone Cihlar
© regioactive.de Den finalen Schlusspunkt im altehrwürdigen Ambiente, in dem auf Rücksicht auf die neue Schlossfassade zum ersten Mal die Graffiti-Action des Opens eingespart wurde, setzte
Seeed-Frontmann
Peter Fox zusammen mit
Cold Steel. Da ihm der Rummel um seine Persönlichkeit ein zu großes Ausmaß angenommen hat, gab Fox kurz vor seinem Auftritt das Ende seiner Solo-Karriere bekannt – man durfte also Zeuge einer seiner womöglich letzten Shows als Solo-Act werden. Die aufkommende Dämmerung nutzte die Foxsche Effekt-Armada geschickt mit hell leuchtenden LEDs aus – keinerlei Anzeichen von "müden Gestalten im Neonlicht". Für weitere schöne Gimmicks sorgten Cold Steel mit einstudierten Drum-Set-Choreografien. Während
Schwarz zu blau aus den Bassboxen preschte, zog passenderweise langsam die Nacht über Mannheim ein. Peter Fox sorgte dafür, dass er den gewaltigsten Sound aller Acts aufbieten konnte, um seine Hits wie
Alles Neu,
Stadtaffe und
Haus am See in optimaler Klangqualität präsentieren zu können.
Fotogalerie des MTV HipHop Open Minded 2009: Peter Fox, Clueso, Kool Savas, Method Man, K.I.Z. u.a.
Peter Fox (HipHop Open 2009 in Mannheim)
Foto: Simone Cihlar
© regioactive.de Ein positives, aber nicht durchgehend spektakuläres Festival in Mannheim fand damit sein Ende. Gewalttätige Auseinandersetzungen gab es keine zu verzeichnen, dafür erinnerte das enorm große Polizeiaufgebot – das selbst inmitten des Publikums patrouillierte – an die bekannten Bilder aus Stuttgarter Zeiten. Mit einer gelungenen Organisation unterstreicht Mannheim dennoch seine Ambitionen, eine führende Rolle in der deutschen Musiklandschaft zu spielen. Anschließend strömten die Festivalbesucher auf die zahlreichen Aftershow-Partys, von denen sich besonders die Mixery Raw Deluxe-Aftershow in der alten Feuerwache absetzte.
Schowi als Mitbegründer des HHO und Rapper der Formation Massive Töne, Torch aka
DJ Haitian Star, sowie Harris aka
DJ Binichnich definierten den HipHop-Begriff hier wieder etwas enger (ganz ohne "narrow minded" zu sein) und sorgten mit Rap-Klassikern für tanzbare Untermalung. Man darf gespannt sein, ob sich 0711-Entertainment im kommenden Jahr wieder für 0621 als Austragungsort entscheidet.
Andreas Margara