aufgelegt 03:2009 Neue Alben von Miss Kittin, Nosliw, Kilians, Coppelius und Madlib

Von regioactive.de. Veröffentlicht am Freitag, 27. März 2009

Wir packen unseren Koffer und nehmen mit: Eine Röhrenjeans aus Elektro-Pop, ein buntes Reggae-T-Shirt, einen britischen Indie-Trainingsanzug, einen düsteren Zylinder und groovige Baggy-Pants. Das heißt konkret: In diesem Monat gibt es Besprechungen der neuen Alben von Miss Kittin and The Hacker ("Two"), Nosliw ("Heiß & Laut"), Kilians ("They Are Calling Your Name"), Coppelius ("Tumult!") und Madlib ("Beat Konducta"). Lauscher auf und aufgelegt!

Diesmal für euch aufgelegt: NosliwMiss KittinKiliansCoppelius Madlib

Nosliw – Heiß & Laut | Rootdown Records


Nosliw: Heiß & laut (2009)
Foto: Rootdown Records
Mittendrin einem breiten Publikum als deutschsprachiger Reggae-Künstler vorstellte, kam das einer musikalischen Revolution gleich. Trotz der zwiespältigen Meinung hierzulande, ob Reggae auf Deutsch überhaupt ernst zu nehmen sei, knüpfte Nosliw bereits drei Jahre später mit seinem Modern Roots-Album Mehr Davon an, wofür ihn seine zahlreichen Fans heute noch feiern. Heiss & Laut läutet er nun als logische Konsequenz die Dancehall-Ära in Deutschland ein. Verstärkung bekommt der Wahlberliner aus dem Rootdown-Camp diesmal vom Kult-Sachsen Ronny Tretmann, Rapper Olli Banjo und dem Heidelberger Drum'n'Bass-DJ und Produzenten Bassface Sascha, der seinen Lebensschwerpunkt mittlerweile ebenfalls um das Icon in Berlin aufgebaut hat. Natürlich hat auch wieder Dauergefährte Teka bei Heiss & Laut mitgemischt. Schon früh kommt das Dancehall-Konzept zum Tragen: die Tunes sind weniger besungen und melodiös, sondern preschen deutlich härter nach vorn. Schweißdurchtränkt wie Eric schon auf dem CD-Cover abgebildet ist, rasseln die pumpenden Dancehall-Riddims nur so nieder und bergen dabei erhöhtes Potenzial für zündende Live-Auftritte von Nosliw. Besonders besticht das gesellschaftskritische Angst ist deren Business, das in Kooperation mit dem bereits erwähnten Banjo entstanden ist. Sogar beim prasselnden Soundgewitter der bassface'schen Bassdrum auf Ihr könnt mir garnichts kann der Rude Boy mühelos den Takt halten. Bis zum Schluss bleibt Nosliw kompromisslos dem Ragga verpflichtet, weshalb diesmal leider auch die für ihn typischen Soul-Reggae-Nummern ausbleiben. Trotzdem punktet er einmal mehr durch seine durchdachten Aussagen und die gehaltvollen Texte.

Wertung: +++ (Andreas Margara)

Miss Kittin and The Hacker – Two | Nobody's Bizzness


Miss Kittin & The Hacker: Two (2009)
Foto: Groove Attack
Ich muss zugeben, dass ich eigentlich kein ausgwiesener Elektro-Fan bin. Es gibt nur wenige Acts, die mich begeistern können. Miss Kittin ist definitiv einer davon. Auch auf ihrem neuen Album beweist sie wieder einmal, dass sie nicht nur als Djane zu überzeugen weiß. Zusammen mit The Hacker, mit dem sie schon seit über zwölf Jahren zusammen arbeitet, entstand Two. Kühle, minimale, elektronische Stücke sind darauf zu finden, so wie man es von den beiden gewohnt ist. Mit ihrem englischen Sprechgesang, mit leichtem französischem Akzent, verleiht Miss Kittin – bürgerlich heißt sie übrigens Caroline Hervé – den Liedern ihr unverkennbares Markenzeichen. 1000 Dreams z.B ist ein leichtes, ruhiges Stück, wie der Name schon andeudet, kann man einfach träumen. Indulgence ist hingegen ein hartes, minimalistisches Stück, welches ordentlich Druck hat. Minuspunkte gibt es für Suspicious Minds. Elvis muss man nun wirklich nicht auf Platte covern. Als Live-Schmankerl wäre das sicherlich interessant, aber auf dem Album dann doch eher unnötig. Sehr sympathisch ist es hingegen, dass Miss Kittin die Scheibe wieder über ihr eigenes Label Nobody's Bizzness veröffentlicht. Two steigert jedenfalls die Vorfreude auf die Konzerte im April.

Wertung: ++++ (Rene Seyedi)

Kilians – They Are Calling Your Name | Vertigo/Universal


Kilians: They Are Calling Your Name (2009)
Foto: Vertigo
Die Praxis der Plattenfirmen, Alben vorab als Snippet-CDs zur Verfügung zu stellen, ist oftmals ärgerlich. Manchmal jedoch ist es von Vorteil: Wenn man eh schon genug von einem Song hat, wird einem das lästige Weiterdrücken nach zweieinhalb Minuten durch das automatische Ausblenden abgenommen. Beim neuen Album der Kilians, They Are Calling Your Name, muss man sogar die Snippets weiterspulen, denn meistens kämpft man sich durch die neun Titel nur noch krampfhaft durch. Dem Debüt Kill The Kilians konnte man vor zwei Jahren aufgrund des herrlichen jugendlichen Überschwangs verzeihen, dass sämtliche musikalischen Bausteine aus dem Gitarrenpop-Baumarkt (vor allem der Abteilung The Strokes) geklaut und herzerwärmend sorglos zusammengeleimt wurden. Für den Nachfolger They Are Calling Your Name hat man sich jedoch eine Weiterentwicklung gewünscht, das Finden eines eigenständigen Klangs. Das deutsche Quintett driftet mit ihrer neuen Veröffentlichung jedoch in Indie-Irrelevanz ab. Der erste Titel Hometown, Reminiszenzen an alte Zeiten, verspricht mit den Cinemascope-Gitarren im Refrain mehr als der Rest des Materials auf der Platte tatsächlich halten kann. Mit der Single Said And Done geht es melodischer und etwas ruhiger weiter – nichts, was einem signalisieren würde, dass es sich um eine Auskopplung handelt. Danach: Legally Fly, bei dem Sänger Simon den Hartog erneut Julian Casablancas gibt. Man ahnt schon, in welchem Stil das Album weitergehen wird, also lässt man das etwas undifferenzierte Gitarrengeschrammel und die immergleichen Gesangslinien der folgenden sechs Songs höhepunktlos an einem vorbeirauschen. Eine Platte, die sich im Mittelfeld bewegt und fast keine Ausreißer hat. Die Schützlinge von Thees Uhlmann haben noch einen weiten Weg vor sich. Schade, aber vielleicht klappt es ja beim dritten Wurf!

Wertung: ++ (Dobromila Walasek)

Coppelius – Tumult! | F.a.M.E.


Coppelius: Tumult (2009)
Foto: F.a.M.E.
Nach jahrelangem Überleben nur mit Singles kommt bereits knapp 2 Jahre nach ihrer Album-Veröffentlichung Time-Zeit bereits die zweite Scheibe auf den Markt: Tumult! Also ran an den Schrank, Zylinder und Gehrock angelegt und mit einem Glas Absinth die Kunst des Tonträgers genießen. Klarinetten, Cello, Kontrabass und ein Schlagzeug verzaubern den Hörer mit einer Art von Folk-Metal, wie man sie sonst vergebens suchen wird. Wie auch bereits bei der letzten CD beginnt und endet Tumult! mit einem Vor- und Nachwort, um dann sofort kräftig einzusteigen. Bereits der dritte Track ist mehr als nur eine Besonderheit – Coppelius haben Gastmusiker geladen, um mit ihnen zu musizieren! Gleich drei Mannen von Subway to Sally unterstützen die Berliner bei ihrem neuen Machwerk. Bei Rightful King, einer Cover-Version von The Inchtabokatables, nimmt Eric Fish, der Sänger von Subway to Sally, das Mikro in die Hand und zusätzlich spielt der Cellist b.deutung, welcher bei den Inchties Mitglied war. Bei dem fünften Stück Komposition werden die Spielleute von Coppelius an der Geige von Frau Schmitt unterstützt. Gerade dieses Stück wird dem aufmerksamen Hörer mal wieder sofort auffallen, da es sich im Grunde genommen um eine textlich und musikalisch leicht abgeänderte Version des altbekannten Stücks Die Operation handelt. Ebenso bekannt klingen die Stücke Schöne Augen und Das Amulett, welche man nach der Time-Zeit das ein oder andere Mal bei ihren Live-Auftritten mit schönem Bühnenbild in Erinnerung haben wird. Das Album ist durchwoben mit schnellen Stücken, Mid-Tempo-Songs, und auch Balladen sind darauf vertreten. Durch die Gastmusiker entsteht noch mehr Abwechslung. Diese wird wohl nur noch durch den häufigeren Gesang von Comte Caspar übertroffen. Als Anspieltipp sollte wohl auch einmal das Liedchen Lilienthal erwähnt werden, ein sehr interessantes Stück, vor allem für Fans der Luftfahrt. Ein wahres Kunstwerk wurde hier wieder mal Geschaffen, welches auch nach häufigem Hören nicht an Abwechslung sowei Genießbarkeit verliert, und das vor allem im Vergleich zu den Vorgängern mit noch mehr Varianten aufmacht. Genießen kann man Tumult! wirklich, denn mit 15 bisher unveröffentlichten Liedern und einer Laufzeit von knapp 50 Minuten hat man auch ein bisschen was davon.

Wertung: ++++ (Jan Philipp Brand) 

Madlib – Beat Konducta Vol. 5-6 (A Tribute to J Dilla)| Groove Attack


Madlib: Beat Conducta Vol. 5 - 6 (2009)
Foto: Groove Attack
Otis Jackson Jr. gilt zu Recht als einer der ausgeklügelsten Musik-Produzenten der Welt. Egal unter welchem Pseudonym Madlib, Loopdigga oder Beat Konducta bei seinen Projekten auch auftritt: mit seinem Sampler hantiert er dabei stets wie mit einem hochexplosiven Bombenbaukasten. Gemeinsam mit DJ J.Rocc, dem Initiator des Turntablisten-Kollektivs The Beat Junkies, hat die Beatkoryphäe aus Los Angeles nun Teil fünf und sechs der Beat Konducta-Reihe eingespielt. Das simple Konzept dabei: Ältere Rohbeats sollten in die Form eines Albums gebracht werden. Nicht weniger als 42 Tracks sind dabei entstanden, die alle dem 2006 verstorbenen Produzenten J Dilla gewidmet sind. Um diese Fülle an geeigneten Loops von alten Jazz-, Funk- und Soulplatten aufspüren zu können, muss Madlib etliche Tage und Stunden in seinem legendären Keller verbracht haben. Dabei hat das Aushängeschild des Stones Throw-Labels wieder derart komplexe Konstruktionen kreiert, dass die Rauchschwaden der abgefackelten Blunts förmlich zu sehen und riechen sind. Wie es sich für ein Tribut gehört, tragen die kurzweiligen Arrangements Titel wie Dilla's Still Here, Two For Pay Jay, Dil Cosby Interlude oder Dill Withers Theme. Welche raren Rillen Madlib als Rohmaterial verwertet, verdeutlicht beispielsweise Rolled Peach, bei dem deutlich das warme Knistern der Schellackplatte durchdringt. Mit dem absoluten Brett So Much, präsentiert sich der Beat Konducta einmal mehr als unverbraucht und innovativ: Bläser harmonieren hier mit einem melancholischen Sample eines Soul-Chors und gehen anschließend Hand in Hand mit der dumpfen Bassline. Obwohl die auferlegte Richtlinie für die Hommage an den "King of the Beats" daraus bestand, vom Einfluss her möglichst nah an den soulhaltigen Dilla-Stücken zu bleiben, wechseln die Grooves hoch und runter, wie derzeit die Börsenkurse. Von Krise ist hier allerdings nichts zu spüren – insgesamt eine gute Zusammenstellung.

Wertung: ++++ (Andreas Margara)

So werten wir:

+

schnell auf ebay damit, bevor es jemand merkt

++

hier mangelt es an so einigen Ecken und Enden

+++

das kann sich wirklich hören lassen

++++

ein TOP-Album

+++++

definitiv ein "must have"

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