wie ein abend mit der besten freundin

Maria Mena live im Docks in Hamburg

Review/Bericht vom 15.03.2009 | Autor: Johanna Lange

Tags: Maria Mena   Jarle Bernhoft  

Die Fakten legte sie sogleich auf den Tisch: Maria Mena sei ihr Name, 23 Lenze zählend, und seit neun Jahren Musikerin. Doch so nüchtern, wie es klingt, war ihr Auftritt im Hamburger Docks ganz und gar nicht. Maria Mena bezauberte das Publikum mit einer gut gemischten Retrospektive ihrer Alben, bestach durch Stimme und Präsenz.

Maria Mena 5Maria Mena 2008
Foto: Arne Blatterspiel
© regioactive.de
Maria Mena auf Deutschlandtour klingt verheißungsvoll. Sie spielt in Bremen, Köln, Leipzig, doch eben nicht in Berlin. Dies ist jedoch kein Grund zum Verzweifeln, sondern vielmehr ein Grund, um nach Hamburg in den kiezigen Club Docks zu fahren. Ausverkauft prangt über dem Hamburger Club, mitten auf der Reeperbahn, und die Jungs und Mädels stehen lange vor dem Einlass Schlange, um sich einen idealen Stehplatz sichern zu können. Dann geht es auch schon los: "I am the support band" – nie war der Satz wahrer als bei Jarle Bernhoft, der Support von Maria Mena. Er setzt sich, nimmt die Gitarre zur Hand, dreht sie auf die Rückseite, trommelt auf ihr, drehte sie wieder um und sorgt spontan für einige Verwirrung. Das Trommeln geht weiter, danach spielt er auf der Gitarre, stoppt, und das Trommeln ist auf einmal mit der Gitarre zusammen zu hören. Klingt verwunderlich? So ist das, wenn in Oslo bekannte Musiker sich selbst die Band stellen.

Jarle BernhoftJarle Bernhoft
© Anja Basma
Jarle Bernhoft reflektiert aktuelle Weltpolitik, seine Stadt und die Musik. Als Rod Hot spielt er bei der Band Green Granadas, doch an diesem Abend ist er sich selbst Chor, Schlagzeug, Rhythmusgitarre und der Leadsänger. Zu Beginn eines Liedes gibt er sich den Beat vor, nimmt ihn auf und ergänzt sich mit seiner Aufnahmeschleife um alle nötigen Instrumente. Was dabei herauskommt, ist großartiger Soul mit Swing und jeder Menge Herzblut. Beim Major Universal unter Vertrag und als Support für Maria Mena ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis er ganz Deutschland eingenommen hat. Die Zeit ist reif für Meister ihres Fachs. Jarle Bernhofts Stimme beweist bereits eine außergewöhnliche Klangfarbe und eine gute Schulung, dass er seine Gitarren kennt. Und zwar wirklich kennt. Kraftvoll und zerbrechlich zugleich bahnen sich die Töne den Weg in den Gehörgang, setzen sich fest und bereiten perfekt vor auf Maria Mena, die sich selbst als großer Fan Jarles bezeichnet. Norwegen verbindet und bringt offensichtlich nur großartige Musiker hervor.

Maria MenaMaria Mena
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Um halb zehn ist es dann soweit: Maria Mena betritt die Bühne und legt direkt mit Cause And Effect vom gleichnamigen Album los. Sie wirft ihre Haare, schüttelt ihre Hüften und lächelt das breite und bekannte Maria-Mena-Lächeln. Leichte Lichteffekte begleiten ihren Einstieg in den Abend, nahtlos geht sie über in You Are The Only One. Mit diesem Song ihres Albums White Turns Blue zeigt sich bereits, dass das Konzert keine reine Werbeveranstaltung für das aktuelle Album ist, sondern vielmehr das Gesamtkonzept vorstellt: Maria Mena – von damals bis heute. Genau genommen ist das auch das Thema des Albums Cause And Effect: privat, ehrlich und aus den Tiefen der schmerzenden Erinnerungen an Essstörung, Trennung der Eltern und dem normalen Leiden in der Pubertät erzählend. Maria Mena heilt sich selbst durch die schönste Form der Therapie: gefühlvolle, echte Texte mit einer Stimme, die nur mit dem abgegriffenen Wort stimmgewaltig beschrieben werden kann. Doch abgegriffen ist hier nichts, frisch und energiegeladen erklärt sie, wann welche Lieder wieso entstanden sind, und bezieht so die Zuhörer mit ein in die Entwicklung eines Songs, vom Ereignis bis zum Ergebnis.

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Foto: Arne Blatterspiel
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Obwohl das Zuschauermeer klar macht, dass alle wissen, wieso sie da stehen, stellt sie sich zunächst rein faktisch vor: Sie sei Maria Mena aus Norwegen, 23 Jahre alt und Musikerin seit sie 14 Jahre alt ist. Und dann wird es mit dem nächsten Song direkt persönlicher: Internal Dialogue thematisiert die Wahl zwischen Schule und Musik. Doch heute weiß sie, dass sie die richtige Wahl getroffen hat, und sagt stolz: "I am living my dream right now." An die Zweifel erinnert nur noch der Song All This Time. Doch vom Beruflichen wird sie noch privater, sie erzählt von ihrer Verliebtheit in einen Emo-Jungen, der an den Tokio-Hotel-Sänger erinnere – "but he was a man". Witzig leitet sie ein in den Song Sorry, ebenfalls von dem älteren Album White Turns Blue. Zwischen den einzelnen Liedern erzählt sie ausführlich, sagt auch ironisch "I am wise 23 years old." Doch damit hat sie recht. Selbstreflektiert, erfahren und mit viel Gespür für den richtigen Moment weiß sie zu bezaubern. Auch mit Erklärungen, dass die erste Liebe pures "Wow" ist und die zweite auch jede Menge Angst beinhaltet – schließlich könne man ja verletzt werden – spricht sie den Anwesenden, ziemlich jungen Mädchen, aus der Seele und präsentiert das Lied Where Were You – eine Frage an den Ex-Freund, der sich sicherlich geehrt fühlen mag, dass er durch Maria Mena zu weltweiten Ruhm gelangt. Danach geht es zurück in die Spaßschiene mit Boy Toy Baby vom großartigen Album Apparently Unaffected.

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Foto: Arne Blatterspiel
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Und spätestens jetzt erklärt sich ihr etwas fragwürdiges Outfit: Schlabberhosen im Schwangerschaftsmodenstil. Sprich: viel zu groß am Bauch und karotteneng an den Waden, mit sexy Pumps, dazu ein weißes Oberteil, das von vorne nach ollem T-Shirt aussieht und hinten sexy Fäden und ein bisschen Discowirrwarr offenbart. Inwiefern es sich erklärt? Sie ist Vamp, sie ist heiß, gleichzeitig beste Freundin und Kumpel, ein erwachsenes Mädchen, eine mädchenhafte Frau. Für die Mädels ein natürliches Vorbild, für die Jungs Phantasie. Selten schafft es eine so junge Person, tatsächlich alle Wunschvorstellungen einer Frau in sich zu vereinen. Sie schafft es ebenso mühelos, dass man sich in sie verliebt und gibt dazu auch sofort den passenden Soundtrack: I'm in Love. Doch nicht nur Hamburg liebt Maria Mena, sondern sie liebt sich auch selbst. Ihr Song Self-fullfilling Prophecy erzählt von ihrer Erkenntnis, dass man jeden Morgen neu entscheiden kann, ob man glücklich wird; oder eben nicht. Danach geht's weiter mit Your Glasses und der Vorstellung der Band, die aus Keyboards, Gitarren, Schlagzeug und Bass besteht.

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Foto: Arne Blatterspiel
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Nach Eyesore, der Verarbeitung ihrer Magersucht, kommt sie direkt zu dem – für sie selbst – schönsten Teil des Abends: Zusammen mit Jarle Bernhoft, den sie selbst verehrt und sich als seinen Stalker bezeichnet, ehrt sie Ray LaMontagne. Ohne viel Gerede danach weiter weiter: Belly Up, Just Hold Me, Power Trip Ballad – und Bühnenabgang. Die Band spielt eine Art Outro von zwei Minuten und beweist ihre Livequlitäten. Der ganze Abend ist, trotz Tiefe, derart leicht, dass man nicht merkt, wie gut Maria Menas Stimme ausgebildet ist und wie sehr sie ihr Instrument beherrscht. Genau so muss das sein bei einer guten Vokalistin. Und dann ist sie auch schon zurück auf der Bühne für die Zugaben. "I was made for loving you, Hamburg", intoniert Mena, was auch das Publikum findet und mitsingt. Nie war ein Cover schöner. Als nächstes Lied spielt sie Miss You Love und wirkt beim letzten Lied Our Battles tatsächlich so, als würde sie ihre "little Hamburgers" alle mit nach Hause nehmen wollen.

Dieser Abend lässt einen verzückt zurück, immerhin hat man durch Marias sehr persönlichen Auftritt das Gefühl, eine neue beste Freundin zu haben, mit der man gemütlich im Wohnzimmer gesessen hat, um sich gegenseitig alle Geheimnisse anzuvertrauen. Und für eine gute Freundin fährt man gerne nach Hamburg. Oder nach München. Oder auch um die ganze Welt.

Johanna Lange

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