traum oder realität? Polarkreis 18 live im Kulturzentrum dasHaus in Ludwigshafen
Polarkreis 18, © Four Music

Polarkreis 18
Foto: Four MusicDas Licht geht aus und die halblaute Unterhaltungsmusik aus den Lautsprechern vor der Bühne verstummt. Das bunt gemischte Publikum nähert sich dem Ort des Geschehens, etwas verhalten noch, aber dennoch voll freudiger Erwartungen: Super700 sollen an diesem Abend als Vorband der Chartstürmer Polarkreis 18 auftreten. Unschwer zu erkennen auch an den großen Styropor-Lettern oberhalb der Bühne. Die fünf Musiker aus Berlin lassen nicht lange auf sich warten und präsentieren ihrem Publikum eine knackige halbe Stunde frisch gebackene Songs aus ihrem Album Love Bites. Bereits mit ihrem ersten Song Tango wird klar, dass man alles andere als eine Berliner Schnauze von der extravaganten Sängerin erwarten kann. Im Gegenteil, mit ihrer rauen Soulstimme begeistert sie nicht nur Jung und Alt, sondern lädt auch gleich zum Mittanzen ein. Seit 2003 sind die fünf Musiker ständig auf Tour und haben auch schon Stücke für diverse Filme wie "Französisch für Anfänger" geschrieben. Einflüsse aus den Bereichen Jazz und Trip Hop sowie Indie-Rock machen die Musik der Band zu einem Erlebnis der ganz besonderen Art.

Polarkreis 18
Foto: Four MusicZum zweiten Mal an diesem Abend erlischt das Licht, und eine angenehm prickelnde Atmosphäre breitet sich unter den Zuschauern aus, als die ersten zarten Klänge aus den Boxen kommen. Ein Raunen geht urplötzlich durch die Menge und zwei Herzschläge später stehen Felix (Gesang, Gitarre, Klavier), Philipp (Gitarre, Klavier), Christian (Schlagzeug), Uwe (Bass), Silvester (Klavier, Elektronik, Backingvocals) und Ludwig (Klavier, Gitarre, Trompete) auf der Bühne. Ganz in Weiß und mit großen Helmlampen auf dem Kopf werden die Dresdner von schummrigem Licht umgeben. Dann setzen die Instrumente zum Intro des Programms ein, und die laue Polaratmosphäre weicht rockigen Gitarrensounds und wummernden Bässen. Die Band beginnt mit Color Of Snow, einem ihrer rockigsten Stücke, gefolgt von 130/70, dem Lied mit der Extranote Aktion an diesem Abend. Denn was wäre schon ein gutes Konzert ohne die ein oder andere Panne. "Anlage ausgefallen!", ruft jemand vom Mischpult aus, als plötzlich kein Ton mehr aus den Lautsprechern dringt. Polarkreis 18 jedenfalls nimmt es gelassen und improvisiert kurzerhand eine Akustik-Version von Allein Allein, fängt sozusagen mit "dem Ende am Anfang" an, ist es doch ihr bekanntester Song und wird eigentlich erst zum Ende des Konzertes gespielt. Aber doppelt hält ja bekanntlich besser, also weshalb nicht zweimal? Soweit kommt es dann aber leider doch nicht, denn die Anlage geht nach nur einigen Minuten wieder und es wird wieder dort eingesetzt, wo der kleine Zwischenfall seinen Lauf nahm.
Dass Polarkreis 18 weitaus mehr drauf haben als zunächst vermuten lässt, zeigt das Gesamtpaket ihrer "Color of Snow"-Tour. Neben rockigen Gitarrenstücken, umgarnt von einem Hauch Melodie und wirbelnden Trommeln, kann Sänger Felix mit seiner unglaublich kraftvollen Stimme immer wieder mit zarten aber dennoch authentischen Solis punkten. Mit nahezu glänzender Perfektion in schwindelnden Gesangshöhen raubt er seinen Zuhörern den Atem. Und hier zeigt sich auch, dass ein gutes Publikum nicht nur mitsingen und abgehen, sondern auch mal ganz leise sein kann. Bei Crystal Lake tanzen unzählige Lichtpunkte an den Wänden, und fast hat man das Gefühl, selbst auf der Bühne zu stehen, als ob Band und Publikum miteinander verschmelzen würden. Man taucht in eine andere Welt und lässt sich mitreißen. Unzählige Lichteffekte tauchen das Publikum bei den folgenden Stücken wie Comes Around und Dreamdancer in ein Meer spielender Farben. Sie verschwinden wieder und hinterlassen einen Wimpernschlag später wirbelnde Spektren an den Wänden.
Allein Allein lässt die Emotionen schließlich überkochen, der Funke springt auch bei den letzten über – jeder Konzertbesucher tanzt. Flutlichter oberhalb der Bühne erinnern an Polarlichter. Wie wogende Wellen strömt die Musik zum Publikum, und beim Refrain könnte man meinen, es wären nicht Hunderte, sondern Tausende im Kulturzentrum dasHaus in Ludwigshafen versammelt. Mit ihren beiden Zugaben Such A Shame und Look runden die sechs Musiker ihr Programm nach einstimmigen Zugabe-Rufen schließlich ab. Und als sich die Menge nach und nach lichtet, kehrt man aus einem schönen Traum zurück und stellt fest: Er ist pure Realität.