subjektives zeitempfinden im zirkus-club

MIA. live im Maimarktclub Mannheim

Review/Bericht vom 07.01.2009 | Autor: Patrick Sälzler

Tags: MIA.   Paulsrekorder  

Nach der überragenden "Zirkus"-Tour 2007 waren die Erwartungen an MIA. für "Willkommen im Club" natürlich entsprechend hoch gesteckt – ohne Netz und doppelten Boden. Leider, und vielleicht auch gerade deshalb, gelang der neueste Drahtseilakt nicht ohne Blessuren: Ein verspäteter Start, mediokres Songmaterial und einige Verzögerungen durch ständige Kostümwechsel stellten die Geduld der Zuschauer auf eine harte Probe.

MIA.MIA.
Fotograf: H.Flug
© h-flug.com
Gegen 20 Uhr eröffnete die Vorband Paulsrekorder die Manege und sorgte mit ihrer energiegeladenen Mischung aus Rock, Pop und New Wave für Stimmung. Der halbblinde Redakteur fragte sich allerdings etwas weiter hinten im Saal aufgrund des Musikstils und der Stimme des Sängers, seit wann Mieze Katz denn diese neue Frisur hat. 2 Minuten und ein "Ah, die haben eine Vorband!" später war die Freude über die tollen Gute-Laune-Songs wie Discomädchen, Hier und Oben und Anna dafür umso größer. Und der Auftritt von Paulsrekorder leider beinahe schon wieder vorbei. Es bleibt ein Rätsel, warum sie nach 20 Minuten bereits die Bühne räumen mussten, zumal MIA. entgegen aller Erwartungen nicht um 20:30 auftraten. So standen sich die Fans erstmal die Beine in den Bauch, der Getränkeverkauf stieg um 200% und allgemeine Ernüchterung machte sich breit. Gefühlte mehrere Stunden später, in Wirklichkeit um 21 Uhr, war es dann endlich soweit: MIA. enterten die Bühne und die Halle explodierte geradezu vor Freude.

MIA.MIA.
Fotograf: H.Flug
© h-flug.com
Die etwas seltsame Erklärung für die Verspätung in bester Pete Doherty-Manier wurde später auf der Homepage entdeckt: Das Catering hat zu gut gekocht. Alles klar, deshalb also durften Band und Fans zusammen ein Verdauungsschläfchen halten. Falls nach dieser Aktion überhaupt noch jemand in Partylaune war, verlor er sie doch recht schnell: Das neue Album erwies sich als Schlaftablette, was sich gerade bei der Live-Performance noch stärker bemerkbar machte, als beim gepflegten Horchen an der heimischen Stereoanlage. Fortschritt ist nicht immer positiv. MIA.s Entwicklung vom frechen Discopunk (Hieb & Stichfest, Stille Post) über tanzbaren Gute-Laune-Discopop (Zirkus) ist nun mit Willkommen im Club bei langweiligem Popgedudel angekommen. Den einzigen Song mit richtigen Ohrwurmqualitäten stellt die erste Single Mein Freund dar, bei der ironischerweise der Stil noch am ehesten an das Album Zirkus erinnert. Dem Kapitän fehlt der Biss, Mausen hält durch konfuse Texte außerhalb des Taktes vom Mitsingen ab und Du könnte aufgrund der Belanglosigkeit auch einfach "Schubidubidoo" heißen. 100% verursacht immerhin noch das am MIA. so geliebte, magische Schmetterlinge-im-Bauch-Gefühl, der Rest des Albums danach ist allerdings kaum noch erwähnenswert.

MIA.MIA.
Fotograf: H.Flug
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Beim Auftritt konnte man diese Einschätzung dann sogar live in Aktion miterleben: Bei Klassikern wie Hungriges Herz, Zirkus und vor allem Tanz der Moleküle tanzte sich die Menge freudestrahlend die Seele aus dem Leib. Nach jedem dieser Knaller wurde die Halle bei Liedern des neuen Albums dann wieder spürbar ruhiger, das glückliche Hüpfen wandelte sich zu einem verwunderten Wippen und manch einer wünschte sich eine Sitzbank zum Entspannen. Zudem gab es nach jedem Lied eine Pause zu ertragen (nein, nicht zum Verdauen), denn die Mieze Katz hatte viele schöne Outfits dabei und wollte alle präsentieren. Leider wurde damit dem Auftritt noch mehr Wind aus den Segeln genommen. Für die Zukunft ist eine Rückkehr zu den Wurzeln oder zumindest eine Abkehr vom Mainstream mehr als wünschenswert. Denn wenn das MIA.-Boot noch weiter in seichte Gewässer abdriftet, wird es in nicht allzu ferner Zukunft wahrscheinlich auf Grund laufen. Und das wollen wir auf keinen Fall!

Patrick Sälzler

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