süßer die klampfen nie klingen...

Grobschnitt live in Senden

Review/Bericht vom 11.01.2009 | Autor: Günther Klößinger / Fotos: Thomas Galambos

Tags: Grobschnitt  

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von den Königen des Krautrock ausging, dass alle Fans guter Musik und phantasievoller Shows sich versammeln mögen am dreizehnten Tag des zwölften Monats in der Stadt Senden im Münsterland. So machten sich auf eine Menge Liebhaber des progressiven Rocks aus allen Landen, um jene Band zu erleben, die für lange Jahre nur eine Legende war, von der die Ältesten erstaunliche Geschichten zu berichten hatten: Grobschnitt.

Grobschnitt in Senden 2008 1Grobschnitt live in Senden, 2008
Fotograf: Thomas Galambos
© regioactive.de
Und es ward eine wahre Weihnachtsgeschichte, denn der gute, alte Santa Claus ließ es sich nebst seiner Mannen nicht nehmen, während des akustischen Teils des Konzertes höchstpersönlich in Erscheinung zu treten und Süßigkeiten an das Publikum zu verteilen. Solche Showeinlagen und der direkte Draht zu ihren Fans waren schon immer Markenzeichen der Gruppe, die nun bereits seit eineinhalb Jahren ein furioses Comeback erlebt. Gegründet 1970 in Hagen, etablierte sich die Band als eine der erfolgreichsten und einflussreichsten Rockbands aus deutschen Landen - Platten wie Rockpommel’s Land und Solar Music Live zählen bis heute zu den Meilensteinen progressiven Krautrocks. Diese Schublade ist für Grobschnitt aber eindeutig zu eng. Die Band agierte immer auf höchstem musikalischen Niveau, ohne sich aber einer Stilrichtung alleine verpflichtet zu sehen: Immer nahm sie neueste Entwicklungen in Arrangements und Kompositionen mit auf und blieb dabei doch immer unverkennbar Grobschnitt. Nach den eher progressiv ausgefeilten Monumentalwerken der 70er Jahre öffnete sie sich in den 80ern eher kompakteren Songstrukturen, verarbeitete auch Einflüsse der Neuen Deutschen Welle und spielte insgesamt straighter - was aber nichts daran änderte, dass ein Konzert der Gruppe immer rund drei Stunden lang war und mit einer opulenten Show aus Licht, Kostümen, Klamauk und Poesie an den Start ging. Anno 1989 war dann Schluss. Die "Last Party Tour" beendete den Siegeszug dieser außergewöhnlichen deutschen Band, die von ihren Fans stets geliebt wurde, während die Medien sie eher stiefmütterlich behandelten.

So war für Funk und Fernsehen, die Print-Presse und die Plattenbosse das Kapitel Grobschnitt einfach zu Ende - nicht aber für die Fans. Rund 18 Jahre träumten sie von einer Reunion ihrer Lieblingsband - und eben dieser Traum sollte 2007 schließlich Wirklichkeit werden: Die Original-Grobschnitter Milla Kapolke, Stefan "Willi Wildschwein" Danielak, Rainer "Toni Moff Mollo" Loskant und Rolf "Admiral Top Sahne" Möller standen - angeregt und verstärkt durch die grobschnittigen Söhne Stefan "Nuki" Danielak jr. und Manu Kapolke - wieder am Start. Komplettiert wird das aktuelle Line-up von Deva "Tatti" Tattva an den Keyboards und seinem Sohn Demian Hache an Percussion, Schlagzeug und weiteren Tasteninstrumenten. Die Band selbst rechnete zunächst mit einigen wenigen Konzerten vor je ca. 300 bis 500 Fans - es sollte aber anders kommen: Nach dem exklusiven Clubkonzert in Hagen-Hohenlimburg, nur für geladene Gäste aus dem engeren Fankreis, musste gleich das erste angesetzte Konzert in Aschaffenburg wegen des großen Interesses gedoppelt werden - die Shows der "Next Party Tour" entwickelten sich zu einem Siegeszug, einer triumphalen Rückkehr einer Rocklegende - Zuschauerzahlen von 800 bis 1500 Fans waren und sind an der Tagesordnung.

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Und hier ist auch das Konzert in der gut gefüllten Sendener Halle keine Ausnahme. Pünktlich um 20 Uhr startet das Vorprogramm vom Band - für die meisten Freunde der Gruppe mittlerweile Kult. Die Spannung steigt von Minute zu Minute - endlich: Geschichten aus dem Wienerwald ertönt und die Band betritt die Bühne. Frenetischer Applaus brandet hoch. Düstere Bassklänge lassen die Halle erzittern und schließlich bricht Razzia los, eine druckvolle, mitreißende Rocknummer. Von Anfang an hat Grobschnitt die Fans im Griff. Mit ungebremster Spielfreude spielt sich die Band durch Highlights ihrer Geschichte: Vater Schmidts Wandertag lässt Hunderte von Fans verzückt „Heut’ ist ein schöner Tag!“ mitsingen, Film im Kopf lädt zum Mitträumen ein und Könige der Welt präsentiert sich im modernen Ethno-Gewand. Die Musiker meistern die ausgefeilten Arrangements meist mit raumwandlerischer Sicherheit - einige kleinere Verspielerchen an diesem Abend sind wohl der Weihnachtsstimmung zuzuschreiben. Das Gesamtbild der instrumentalen Fertigkeiten zeigt allerdings eine hervorragend eingespielte Band, in der jeder an seinem Instrument brilliert und homogen mit den anderen harmoniert. Die Gitarrenduelle von Nuki und Manu überzeugen nicht nur durch ihre Virtuosität, sondern genauso durch eben jenes Feeling, das Grobschnitt schon immer ausmachte. Die Bassfiguren von Milla sind mehr als bloßes Sound-Fundament: gemäß seinem erklärten Vorbild Chris Squire ist die viersaitige Klampfe hier ein vollwertiges Soloinstrument. Tatti entlockt seiner Tastenburg jene sphärischen Klänge progiger Rockmärchen ebenso wie stakkatoartige Figuren eher knackiger Rocksongs - einmal schwebt gar ein Hauch von Won’t Get Fooled Again im Raum. Die Rhythmusgruppe, bestehend aus Demian und dem Admiral treibt die Songs kraftvoll, aber mit einer gehörigen Portion Feingefühl, nach vorne. Durch einen Perkussionisten in der Stammbesetzung kann das Aushängestück der Band, Rockpommel's Land endlich auch live annähernd so dargeboten werden, wie es für die Platte produziert worden war.

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Grobschnitt in Senden 2008 9Grobschnitt live in Senden, 2008
Fotograf: Thomas Galambos
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Der rund 25-minütige Ausschnitt aus diesem Klassiker ist wie gehabt der Höhepunkt des Auftritts, und durch seine gefühlvolle Harmonik und poetische Leichtigkeit geradezu prädestiniert für ein Weihnachtskonzert. Dieses Stück hat sich seine besondere Magie bis heute erhalten und nicht selten sieht man gestandene Männer beim Finale des Stücks mit Tränen in den Augen vor der Bühne stehen. Auch in Senden will der Jubel kaum enden - doch nach bereits über eineinhalb Stunden Konzert begibt man sich in die Pause - wohl wissend, dass der Abend noch lang werden wird. Nach dem elegischen Rockpommel’s Land eröffnet Komm und tanz die zweite Hälfte des Gigs und gibt das Motto für die Fortsetzung gleich bekannt: "Ekstase tut so gut!" Und so lässt man sich nach diesem Einheizer auch nicht lange bitten und steigt gleich in den nächsten ausufernden musikalischen Megatrip ein: Solar Music - ein dreiviertelstündiges Opus, in dem die Gruppe alle Register zieht. Jeder hat sein Solo, zeigt noch mal, was er kann - allerdings nicht zwecks Zurschaustellung von Virtuosität; diese steht eh den ganzen Abend über vor der Klammer dieser rockigen Gleichung. Jedes Solo ist ein unverzichtbarer Teil des Gesamtkonstrukts, steht im Dienste des Gesamtwerks. Die Sänger Willi, Toni und Milla legen sich so richtig ins Zeug, um die ewige Geschichte des Kampfs zwischen Licht und Dunkel, Gut und Böse zu erzählen. Willis ungemein wandlungsfähige Rockröhre trifft jede Nuance, Toni präsentiert sich mal als powernder Shouter, dann wieder als zarter Sparringspartner im Wechselgesang mit Willi. Milla schließlich singt den abschließenden Part Solar Energie entsprechend gefühl- bis druckvoll, bis ein instrumentales Gewitter das Finale einläutet. Furiose Gitarrenläufe, Bass und Schlagzeug peitschen das Werk dem unvermeidlichen Ende entgegen, und ein brachialer Schlussakkord geht nahtlos in das Jubeln der Fans über. 

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Die Band wird abgefeiert ohne Wenn und Aber, ohne Punkt und Komma - man lässt sich auch nicht lange bitten, und so gibt es nach rund drei Stunden Konzert noch rund eine halbe Stunde lang Zugaben - unglaublich! Andere Bands lägen nach solch einer Leistung längst im Sauerstoffzelt!Und selbst dann ist für die Mitglieder der Gruppe noch nicht Schluss: Der Kontakt zum Publikum ist den Musikern auch heute noch sehr wichtig, und so plauschen Fans und Band nach dem Gig noch in trauter Eintracht miteinander. Ein Video für einen erkrankten Fan wird aufgenommen, Hände geschüttelt, Gespräche geführt, Fotos geschossen. Die Saalordner sind von solch ungewohnt ausufernder Harmonie wohl leicht überfordert - gegen ein Uhr morgens gehen sie mit Sätzen wie „Ende Gelände“ und „Schluss für heute“ durch den Saal. Bei anderen Events verziehen sich Fans und Musiker wohl zügiger nach dem letzten Ton. Nicht so bei Grobschnitt - es war in jeder Hinsicht ein würdiges Event, ein würdiges Weihnachtskonzert, nicht nur wegen des persönlichen Auftauchens des Mannes in Rot, es war ein würdiger Jahresabschluss für die "Next Party Tour". Erst im Januar gibt es wieder Konzerte und ein Konzert, das dem Prädikat "Grobschnitt" zu 100% gerecht wird. Wie viele reformierte Altbands sind nur noch Schatten ihrer selbst - Grobschnitt hingegen scheinen sich sogar noch verjüngt zu haben. Fragt man mich nach den musikalischen Höhepunkten dieses Abends, würde ich das Schlagzeugduett von Rolf Möller und Demian Hache hervorheben, das Solar Music hochgradig energetisch veredelt, Könige der Welt mit seinem stimmungsvollen Ethno-Intro und dem wuchtigen Gitarrensolo am Schluss und natürlich Rockpommel’s Land, dessen zeitlose Magie einfach nicht in Worte zu fassen ist. Ein fantastischer Abend, der Lust macht auf mehr - für 2009 sind vorerst nur noch zwei Konzerte angedacht: am 10.01 in Gießen und am 24.01. in Hagen. Danach will die Band eine kreative Pause einlegen - hoffentlich dauert diese nicht zu lange…

Günther Klößinger / Fotos: Thomas Galambos

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