warten und scheitern Kevin Rowland & Dexys Midnight Runners: Teil 3

Von Michael H. Schmidt. Veröffentlicht am Montag, 13. April 2009
Dexys Midnight Runners

In jenen zwei Jahren vermeintlichen Nichtstuns vergnügte sich die Band mit diversen Zerwürfnissen und akribischen Fritzeleien am Material. Kevin Rowland, unzufrieden, missverstanden und enttäuscht über seinen 15-Min.-Erfolg mit "Too-Rye-Ay" und vor allem mit "Come On Eileen", und immer noch manisch auf der Suche nach der perfekten Bandkonstellation und dem definitiven Sound, saß auf den Kompositionen wie ein Drache. "Don't Stand Me Down" sollte der Erweckungspunkt werden, an dem die DMR zur eigentlichen Form finden.

Die Lieder der Dexys Midnight Runners begeisterten eine ganze Generation. Wir blicken mit drei Artikeln zurück. Teil 1: "aus den tiefsten tiefen des jungen weißen seelenlebens". Teil 2: "the only way to change things".


Dexys Midnight Runners - Come On Eileen (Single, 1982)
Die Veröffentlichung verzögerte sich jedoch, Rowland kümmerte sich derweil fleißig um die PR für das neue Album und posierte zu diesem Zweck in einer ganzseitigen Anzeige im New Musical Express (NME) im edlen Zwirn, mit fein gebundener Krawatte und sauberem Seitenscheitel als gelackter Businessmann. Weiter weg vom Latzhosenimage der Too-Rye-Ay-Zeit kann man es nun wirklich nicht bringen. Dann, nach langer Warterei, endlich das Album: zunächst erschreckte die Platte die Hörerschaft dadurch, dass in ihrem musikalischen Konzept nicht sonderlich von Too-Rye-Ay unterschied. Kevin Rowland wischte Stilfragen gerne großzügig beiseite. Seine nicht ganz unkomplizierte Stimme setzte er gerne gewagt in Szene und es gibt nur selten Momente auf den Dexys Alben, die nicht erfüllt wären von Extravaganz und ebenso satter Opulenz. Dennoch: ästhetische und inszenatorische Komplettumgestaltungen wie zwischen Searching For The Young Soul Rebels und dem Zweitling sucht man auf Don't Stand Me Down vergebens und wer glaubte, Rowland serviere nun plötzlich Country & Western oder Marschmusik oder Classic-Rock, wurde freilich ebenso verprellt, wie diejenigen, die ihn ausschließlich als Poseur gebrandmarkt und entlarvt sehen wollten.


Kevin Rowland (Dexys Midnight Runners)
Der kommerzielle und künstlerische Erfolg von Too-Rye-Ay hatte ja seinerzeit mehrere Gründe: 1. Hang zu Euphorie und Überschwang, 2. Verschmelzung exotischer, katholischer und mystischer Befindlichkeiten, 3. extrem gute und dramatische Kompositionen und Melodien, 4. emotionale Radikalität (keine Angst vor Gefühlen) und schließlich 5. Kevin Rowlands offenkundige, authentische Durchgeknalltheit. Von diesen fünf Faktoren ist außer dem fünften nicht nun mehr viel übrig geblieben. Es geht alles mehr in die Breite, die sieben Stücke auf dem Album zeigen mit ihren teils epischen Spielzeiten wie 8:25, 12:28 usw. an, dass nicht mehr viel auf den Punkt gebracht werden musste. Räsonnement nicht ohne Reiz und Don't Stand Me Down funktioniert schließlich als das, was es geplant war: als Abschluss dessen, was bei Too-Rye-Ay womöglich noch nicht vollends ausformuliert, noch nicht perfekt oder over-the-top war. Vor und während der Aufnahmen zu Don't Stand Me Down weilte Rowland in Irland, wo er den Masterbändern kritisches Gehör schenkte. Es hörte sich durch die Bank falsch an. Und schlecht! Etwas grundlegendes schien nicht zu stimmen und man beschloss schließlich, die Stücke live einzuspielen, um ihnen dadurch eine notwendige Unmittelbarkeit zu verleihen, andererseits aber auch, um die stimulierende Atmosphäre der letzten Platte nochmals aufleben zu lassen. Die Sache zog sich hin. Die falschen Leute, die falsche Atmosphäre. Monatelang hetzen Rowland und Adams durch Englands Konzertsäle, verzweifelt auf der Suche nach einem geeigneten Drummer. Sie fanden ihn letztlich auf einem Al Green Konzert. Tom Dancy wurde sofort eingesackt, das Aufnahmetempo gewann an Fahrt. Es sollte dennoch etliche Zeit verstreichen, bis die Sache endgültig spruch- und druckreif wurde.


Dexys Midnight Runners - Don't Stand Me Down (Album, 1985)
In Interviews gab sich Kevin Rowland schonmal zuversichtlich: Das sei das beste Dexys-Album! Und stets beleidigt über die Tücken des Biz und des Lebens, grollend erhaben über seinen Top-Ten-Hit Come On Eileen und anderes, wälzte er das Konzept der Fiedel daher nochmals kräftig aus und setzte dem Faß letztlich ein weiteres Deckelchen auf. Sich permanent neu zu erfinden, hieße ja auch, in die eigene inszenierte Falle zu geraten, zur Pose, zu reinem Selbstzweck zu erstarren. Auffallend beim dritten Album auch: Das Kollektiv ist mittlerweile zur richtigen Band geworden. Womöglich durch entsprechendes Maß an Geduld und Dedikation bezwangen Helen O'Hara (Arrangements) und Billy Adams (Rowlands Call-and-Response-Sidekick) den Misanthropen Rowland, blieben in der Band und unterstützten ihn als Konstante bei der großen Geste. "Es gibt keine Band, die uns schlagen könnte. Live schon gar nicht". Wenns um die eigene Person ging, nahm Rowland kein Blatt vor den Mund. Und seine vollmundigen Behauptungen zahlten sich am Ende ja fast immer aus. Fast.

Warum Don't Stand Me Down letztlich aber kläglich scheiterte, ist auch aus heutiger Sicht nur schwer zu verstehen. Einerseits untergruben Rowland und Band jegliche Erwartungshaltungen, fanden sich womöglich einem Druck gebeugt stets weiteres Neuland abstecken zu müssen, bei der Ausformulierung ihrer Vision stets weiter und weiter zu schreiten. Eine Rechnung, die nicht aufging, denn auf halber Strecke ging der roten Faden verloren. Ein Scheitern im großen Stil.

Wo lenkte einer wie Kevin R. ein gestrandetes Schiff wie Dexys Midnight Runners nun hin? Nirgends, er löschte es aus. So ist die Zeit nach 1985 und den anschließend eher sporadischen musikalischen Lebenszeichen auch nicht unbedingt der erhoffte heldenhafte Kniff oder Viertschlag, geschweige denn ein epochaler Appendix zu einer rasanten Karriere, es liest sich aber immerhin spannend. Da ist eine Solo-LP Kevin Rowland, The Wanderer. Auf The Wanderer wird ungefähr das zelebriert, was auf der finalen Single Because Of You (Titellied einer BBC-Serie namens Brush Strokes, erfolglos vermarktet, reichlich scheußlicher Song) schon stattfand: einsames Croonertum. The Wanderer lag ebenfalls wie Blei in den Regalen. Von Comeback also keine Rede. Dann, 1999, Rowlands Soloalbum Nr. 2, My Beauty. Versehen mit einem der kuriosesten Covermotive (Rowland als tuntige Trulla in Strapsen und mit Federboa) servierte die Platte schließlich die völlige Reduzierung auf reine Travestie. My Beauty ist Schein aber nicht Sein und es klingt nicht annähernd wie irgendein Dexys Midnight Runners Song. "I used my obsessive nature on this album to not give up", so Rowland. Man glaubts ihm. Eine derart extrovertiertes Suhlen in stilisierter Uglyness stellt als Image tatsächlich ein non plus ultra dar, setzt aber auch gleichzeitig einen alles anderen als halbherzigen Schlusspunkt unter eine turbulente Karriere. Touché! Abgesehen von ein paar müden und bemühten Live-Revivals mit altem Dexys Midnight Runners-Material kam nichts mehr. Vorhang. Wie Elvis am Ende seiner Karriere stand auch Kevin Rowland nurmehr noch für kitschige und überhöhte Erinnerungen.

Doch was bleibt schließlich übrig vom Lebenswerk? Unterm Strich: drei der besten Alben, die die 1980er Jahre hervorgebracht haben, sowie eine der größten Hitsingles, die in jener Dekade in die Charts klettern durfte und die sich im Lauf der Zeit sogar zum waschechten Novelty-Hit mauserte. Kevin Rowland dürfte dies, aus naheliegenden Gründen, sicherlich schäumen lassen. Also tut euch einen Gefallen, legt euch die drei Dexys Midnight Runners-Alben zu und hört euch alles nochmal genau an!

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