the only way to change things Kevin Rowland & Dexys Midnight Runners: Teil 2
Dexys Midnight Runners,
Die Lieder der Dexys Midnight Runners begeisterten eine ganze Generation. Wir blicken mit drei Artikeln zurück. Teil 1: "aus den tiefsten tiefen des jungen weißen seelenlebens". Teil 3: "warten und scheitern".

Dexys Midnight Runners - Too-Rye-Ay (Album, 1982)ABC waren mit Lexicon Of Love am Start, Green Gartside hatte mit Scritti Politti seine Songs To Remember im Gepäck, aus den Staaten schwappten immer deutlichere Ausläufer von HipHop in Gestalt der Platten von u.a. Grandmaster Flash & The Furious Five über den Teich und ein altgedienter Recke wie Marvin Gaye legte mit Sexual Healing Schlafzimmerbrände. Nach der ersten Dexys Midnight Runners-LP krempelte Kevin Rowland Band und Image vollends um, entdeckte den Reiz der Fiedel und zerrissener Latzhosen und überraschte das Publikum mit keltischen Versionen von Soul (kurzzeitig erwägte er sogar eine Änderung des Bandnamens in The Celtic Soul Brothers). Zwischen beiden Alben und Outfits lagen eine lange Reihe von Singles, Tourneen und vor allem Umbesetzungen. Insgesamt hat Kevin Rowland in dieser Zeit 27 Musiker verschlissen, darunter Urmitglied Al Archer, wie auch Big Jim Patterson (letzterer tauchte öfter als Co-Autor auf und hatte als Posaunist naturgemäß großen Einfluss auf die Bläsersätze). Meist waren es Fans, die bei Dexys Midnight Runners einstiegen. So reiste Gitarrist Billy Adams beispielsweise schon den Auftritten der Ur-Besetzung nach, ehe er schließlich selbst an Bord kam. Die Band als Institution, die sich durch die jeweiligen Mitglieder wandelte. Das was er tue, nehme er sehr ernst, so Kevin Rowland, "schließlich ist es mein Leben und dafür kann ich mir keine Kompromisse leisten". Too-Rye-Ay (von Too-ra-loo-ra-li abgeleitet, einem alten irischen Volkslied), das zweite Album, ist mehr Seelenchemie als Rebellion, mehr Potpourri für bizarre Randgestalten (Kinderschänder, Alkoholiker, Neurotiker und Primadonnen), als Welt-Aus-Den-Angeln-Heber und somit exzellent in die DNA des Popsommers passend.

Dexys Midnight RunnersDennoch ist das Album eine klassische zweite LP, bei der nun nicht mehr soviel Grundlegendes klargestellt werden musste, bei der man stattdessen in die Breite und die Tiefe gehen konnte. Textlich leistet sich Kevin Rowland raffinierte Ambivalenzen: "The only way to change things is shoot men who arrange things" - so ein Satz ist nicht automatisch gleichzusetzen mit "Baller sie ab, die Schweine", was Kevin Rowland in Interviews oft erklärte. Der Satz sage einfach nur wie es sei, die Konsequenzen hingegen trage jeder selbst. "Das hat nichts mit Askese zu tun", so Rowland, "sondern mit Selbsdisziplin, das Beste aus sich herauszuholen". Plan B - they are testing you. Die Kraft, die von einem Song wie Plan B ausgeht, schießt auch in die Motorik, wenn kein drängendes Dilemma vorliegt. Wenn du leidest, hab' keine Scheu deine Gefühle ins Gigantische zu überhöhen, in Regionen anzusiedeln, wo man sich wirklich wieder wichtig ist. Drama als Therapie, die Fäuste geballt in die Höhe und "Far too young and clever!" als Lippenbekenntnis! Eine Euphorie, ein kollektiver Rausch, spirituelle Gaben.
Kevin Rowland war nie einer Religion zugehörig, glaubte hingegen aber stets "an die Art von Religiosität, die sich in Gospels und Spirituals äußert" - ein nicht unwesentlicher Schlüssel zu einem Album wie Too-Rye-Ay, wie auch zum Nachfolger Don't Stand Me Down, wie zum Werk seines künstlerischen Schaffens überhaupt. Denn abgesehen von seinen etlichen Verweisen (Folk, Soul, der Moondance-, Tupelo Honey-, und Saint Dominic's Review-Van Morrison), ist Too-Rye-Ay zu jedem Zeitpunkt ganz im Hier und Jetzt des Jahres 1982, was bedeutete: Image und Inszenierung im Überschwang, alles dick aufgetragen und stets nahe dran an der völligen Hingabe zur süßen Melodie, zu ausladender Dramatik, zu furchtbar trauriger und zugleich himmlisch-besoffener Glückseligkeit. All das waren die Dexys Midnight Runners auf dieser Platte! Es sollten im Anschluss jedoch über zwei Jahre ins Land ziehen, in denen man, außer ein paar privaten Meldungen und der Ankündigung, irgendwann werde eine neue Platte erscheinen, nichts mehr von ihnen vernahm. Also nix mit Stardom und ganz großer Karriere, die Dinge kamen mal wieder völlig anders. Knall auf Fall.