Gleich zwei Großmeister der Zunft durften das diesjährige Enjoy Jazz in einem "doppelten Konzert" eröffnen. Donnerstags legte der mittlerweile 78-jährige Free Jazz-Pionier Ornette Coleman in der geschichtsträchtigen Stadthalle Heidelberg vor – am Abend darauf legte der zehn Jahre jüngere Jazzpianist Herbie Hancock in gleicher Kulisse nach.
Herbie Hancock
© Verve Über die klassische Musik kam Herbert Jeffrey Hancock einst zum Jazz. Sein Debütalbum
Takin' Off (auf dem unter anderem das weltberühmte
Watermelon Man zu hören ist) veröffentlichte er 1962 bei dem legendären Label "Blue Note", und er wurde schon im Jahr darauf Mitglied des berüchtigten zweiten Quintetts von Miles Davis. In seiner beispiellosen Karriere überzeugt Hancock bis heute immer wieder durch seine unerschöpfliche Kreativität und den Einsatz neuartiger Techniken, womit er großen Einfluss auf unzählige Künstler und die unterschiedlichsten Stilrichtungen der Musik ausgeübt hat und weiterhin ausübt.
Herbie Hancock
© Verve Genauso vielschichtig setzt sich auch Herbies Hörerschaft zusammen, die nicht nur aus Connaisseuren des Genres besteht, sondern Jazz-Cats jeglicher Gattung zum schnurren bringt. Auch am heutigen Abend hatte sich eine durchaus heterogene Gesellschaft in Heidelbergs Stadthalle eingefunden, wenn auch – wie so häufig bei Auftritten gestandener Jazz-Größen – die bel étage am meisten Vertreter gesandt hatte. Sympathisch und redselig präsentierte sich
Herbie Hancock gleich zu Beginn, während er nach und nach seine fünf Gastinstrumentalisten vorstellte und gerne eine kurze Einführung zu den verschiedenen Titeln gab.
Herbie Hancock Sein aktuelles Album
River: the Joni Letters, ein Tribute und zugleich Liebeserklärung an Joni Mitchell, stand zunächst außen vor. Stattdessen griff Hancock zurück auf
Speak like a child (1968), das als Neuarrangement interpretiert wurde und allmählich in
V (the Visitor) überging. Besonders der studierte Jazz-Bassist
James Genus offenbarte dabei seine vielseitig einsetzbaren Fertigkeiten an E- und Kontrabass. Für die besondere Note unter den blue notes sorgte dann der in Genf geborene
Gregoire Maret mit seiner Mundharmonika. Sobald der ehemalige Jazz-Student sein Spielgerät an die Lippen ansetzte, sank er so tief in sein Element ein, bis sein Körper eine derart ausdrucksstarke Haltung einnahm, dass man als Krönung der ekstatischen Performance schon mit einer anschließenden Flambierung des kleinen Instruments rechnete.
Lionel Loueke
© Lionel Loueke Als nächstes folgte
Seven Teens, ein 17/4-Takt-Werk von
Lionel Loueke, der dieses Jahr bereits mit seinem Album
Karibu für großes Aufsehen gesorgt hat und nun von Herbie Hancock für den Gitarren- und Vocal-Part besetzt worden ist. Die ausgesprochen schwierige Darbietung unterstrich Hancock wieder mit einer komödiantischen Ansage, in der er zum Ausdruck gab, dass er dem Ganzen nicht gewachsen sei. Als problematisch erwiesen sich rückblickend allerdings nur die phasenweise unplatzierten Klatschwellen aus dem Publikum, durch die so manches Solo unterging und Kunstpausen ihres Sinnes völlig entleert wurden. Anschließend verließen – bis auf Loueke – alle Beteiligten komplett die Bühne, um dem gebürtigen Westafrikaner alleine das Feld zu überlassen. Was als "African-Soup" mit Ingredienzien aus aller Herren Länder angekündigt wurde, entpuppte sich im Nachhinein als interessante Melange aus alternativer Gitarren-Darbietung und perkussiv eingesetzter Intonation.
Herbie Hancock
© Verve Nächste Attraktion des vielseitigen Kontrastprogramms war ein über 15 Minuten ausgedehntes Piano-Solo des zurückgekehrten Virtuosen Hancock, bei dem sich die anderen Musiker betont im Hintergrund hielten. Mit einem wachrüttelnden Break leitete
Terence Blanchard an der Trompete schließlich zum allseits bekannten
Cantaloupe Island über, das als gelooptes Sample auch schon für
US3s kommerziellen Erfolg
Cantaloop hergehalten hat. Angereichert mit jeder Menge Spielfreude und intuitiven Einlagen war der Höhepunkt des Abends damit erreicht.
Nach begeisternden Standing Ovations ließ sich Herbie Hancock nochmals für eine Zugabe auf die Bühne bitten, um seine Bandmusiker bewaffnet mit einem Keytar und Chameleon zu Frage-und-Antwort-Duellen herauszufordern. Spätestens hier konnte auch der noch junge Schlagzeuger Kendrick Scott sein Talent an den Drums unter Beweis stellen. Am Ende hinterließ Herbie Hancock eine begeisterte Menge, denen er ein beachtliches Konzert beschert hatte.
Andreas Margara