schweiß geleckt
Kopf oder Zahl - in jedem Fall: Jennifer Rostock
Review/Bericht vom 03.03.2008 | Autor: beatrice steimle
Tags: Jennifer Rostock
Review/Bericht vom 03.03.2008 | Autor: beatrice steimle
Tags: Jennifer Rostock
Ein Auftritt beim Bundesvision Song Contest, schwerste Promo via Myspace. Tja, all das macht noch keine hoffnungsvolle Band für verwöhnte Rock'n'Roll-Ohren. Aber Rock'n'Roll ist genau das, was Jennifer Rostock auf ihrer Tour durch deutsche Lande bieten. Da sollte man sich durch die vermeintlichen NDW-Casio-Orgel-Töne des ersten kleinen Hits "Kopf oder Zahl" nicht allzu sehr in die Irre leiten lassen.
Eine wahrlich blutjunge Band knapp über 20, deren Sängerin vor dem Konzert parallel zu uns die Toilette aufsucht und nicht nur sehr freundlich, sondern auch sehr dünn und zart wirkt. Ein Eindruck der schnellstens revidiert wird, als sie auf die Bühne springt. Zart besaitet sind weder ihre Sprüche, noch ihre Stimme und auch ihr Vokabular ist im konservativen Sinne nicht eben ladylike. Schnell stellt sich heraus, dass die von der Presse getätigten Verweise mit den klassischen NDW-Bands musikalisch hinken. Jennifer Rostock sind eher eine klassische Rock-Band. Trotz gelegentlichen Keyboard-Einsätzen ist der Sound vergleichsweise fett und gitarrenlastig. Allerdings kann man nicht umhin im Style und auch in gewissen Bewegungen der zarten Jennifer eine gewisse 80er-Attitüde zu erkennen. Sie gehört zu einem Schlag Frontfrau, den Deutschland seit den frühen 80ern eher nicht mehr gesehen hat – Jennifer provoziert und beschimpft nicht nur ihre Band, sondern auch das Publikum.Ganz klar, dass alle Frontfrauen, die in den letzten Jahren dem NDW-Vergleich standhalten mussten, im Gegensatz zu Jennifer weichgespülte kleine Mädchen sind. Frech und selbstbewusst will sie schließlich nicht als sexuelles Wesen gesehen werden, beschwört die Asexualität, um dann mehr als frech ihren Po ins Publikum zu strecken.
Sexistische Sprüche aus dem Publikum werden heftigst quittiert, schließlich knutscht sie einen vor der Bühne, weil er "sooo süß" ist. Ein anderer darf ihr lediglich den Schweiß von der Schläfe lecken. So funktioniert Koketterie mit dem Publikum. Die sexuell geladenen Texte vieler Songs werden mit einer Menge Sexappeal in der Live-Show gewürzt – dass man dazu keinen tiefen Ausschnitt oder kurzen Rock braucht, scheint selbstverständlich. Jennifers Stimme, Sprüche und ihr keineswegs vulgärer "Halt's-Maul-Arschloch"-Charme reichen vollkommen aus.Fazit des Ganzen: freche und clevere Texte, Hammer-Frontfrau mit Mörder-Stimme, die den klassischen Punkrock-Umgang mit ihrem Publikum pflegt. Selbst wenn die Platte musikalisch nicht immer funktionieren mag: live sollte man sich Jennifer Rostock auf keinen Fall entgehen lassen.
beatrice steimle
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