"von ac hab ich gelernt, wie man einen guten song macht"
Interview mit Mr. Bayse
Interview vom 30.01.2008 | Autor: Andreas Margara
Interview vom 30.01.2008 | Autor: Andreas Margara
"Rapper, Musiker, Poet, audiovisuell multitalentiert, MPC addict, sky high & zu Tode betrübt, Music Lover, Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Ich bin mit HipHop aufgewachsen - das macht einen großen Teil meiner Identität aus", sagt er über sich selbst: In einem ausführlichen Interview erzählt uns der Emcee und Beat-Produzent Mr.Bayse über die Entwicklung der HipHop-Kultur in Deutschland, seine Inspiration und sein Video.
Stell dich doch anfangs bitte mal kurz den regioactive.de-Lesern vor!
Ich bin der Sebastian, der Bayse. Den Nickname habe ich seitdem ich ein Kind war, das hat sich dann verselbstständigt. Meine Familie, meine Freunde, meine Frauen nennen mich so. Sich selbst zu beschreiben ist schwierig, aber man muss es tun, sonst tun es die anderen, die es sowieso tun: Rapper, Musiker, Poet, audiovisuell multitalentiert, MPC addict, sky high & zu Tode betrübt, Music Lover, Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Ich bin mit HipHop aufgewachsen, I used to love her, das macht einen großen Teil meiner Identität aus.
In dem erwähnten Track I used to love her, erzählt Common über die Entwicklung von Rap. Was war für dich am Anfang ausschlaggebend, mit dem Rappen anzufangen?
Ich war einfach fasziniert von der ganzen Kultur. Irgendwie habe ich von Anfang an HipHop in all seinen künstlerischen Ausdrucksformen gesehen. Rapmusik, neben Graffiti und B-Boying. Heute ist dieser Zusammenhang für viele Kids, die HipHop kennen lernen, nicht mehr ersichtlich: was hat auch schon Bushido mit Cope2 oder der Rocksteady Crew zu tun? Dieser Zusammenhang ist aber wichtig: du kannst nicht sagen, ich bin ein richtiger Fan von Rock’n’Roll, ohne jemals Led Zeppelin gehört zu haben. Außerdem ist HipHop ja mehr als "nur" Musik; mich haben von Anfang an die vielen Möglichkeiten fasziniert: hier kann ich ein Medium finden, womit ich meiner Kreativität Ausdruck verleihen kann. So habe ich mich mit Graffiti beschäftigt, hab Vinyl gesammelt und Musik gemacht. Ich finde, die Kids haben ein Recht darauf zu erfahren, dass HipHop ihnen eine Möglichkeit bietet, die verschiedensten kreativen Dinge zu tun. This is it, und keineswegs ein 1-Million-Dollar-Video-Clip im TV. Male Buchstaben, entwickle es weiter, werde Künstler. Fang an zu tanzen. Mach Musik. Vielleicht ist etwas davon das Richtige für dich und bereichert dein Leben. Heute bin ich erwachsen und habe bisher einige Ausdrucksformen der Menschheitsgeschichte kennengelernt, sei es in Musik, Kunst oder Literatur. Doch HipHop ist immer noch eine Basis von vielem, was ich tue. Mit Rap hat alles angefangen. Heute produziere ich meine Beats, liebe meine MPC jeden Tag, ich habe lange Zeit Geige gespielt, ich mag Klavier, um meine Ideen umzusetzen und lerne gerade Gitarre zu spielen. Ich höre viel Musik von überall auf der Welt und schreibe meine Lyrics. Ich bin sehr gespannt darauf, wohin sich meine Musik entwickeln wird.
Schon in den 90ern hast du Jams (u.a. in der Ladenburger Kiste) organisiert, mit illustren Gästen wie den Stieber Twins und Advanced Chemistry. Deine Crew hieß NBP. Wie war das damals?
Wie betrachtest du das heutige Rap-Business, in dem mittlerweile andere Maßstäbe gelten. Ist alles verloren oder siehst du auch Chancen?
Mein Freund und Mentor, DJ Viked, der '99 bei Loud Records in NY und lange für BMG gearbeitet hat, erzählte mir viel über die finanzielle Seite von Musik. Er hat immer gesagt, das Business sei ein einziges Haifischbecken. Ich habe mir seine Worte zu Herzen genommen, mich hat es nie wirklich interessiert, diesen Schritt der "Professionalisierung" zu gehen. Ich persönlich will nur Musik machen, mich interessieren da keine Verkaufscharts, Marketingmoves oder Imagekampagnen. Als Fan schaue ich mir schon an, was in der Industrie passiert; als Künstler interessiert mich das einen Scheiß. Natürlich kann ich das nur sagen, weil ich mit Musik keine Familie ernähren muss, aber aus genau dem Grund habe ich mich auch entschlossen, mein Geld nicht damit zu verdienen. Als Kind habe ich mit Graffiti angefangen, so habe ich mich die Hälfte meines Lebens mit Buchstaben beschäftigt. Diese Liebe für Typographie habe ich ausgebaut und mache mit Kommunikationsdesign mein Cash. So Sachen wie Labelarbeit und Rechtskram, halt das ganze Business im Wort Musikbusiness, da hab ich kein Bock drauf. Ich will eigentlich nur den Musik-Teil. Klar muss ich den ganzen Scheiß als Designer auch machen, aber irgendwas muss ich verkaufen, um Geld zu verdienen. Aber du weißt: never say never. Wenn ich irgendwann an den Punkt komme, dass meine Musik ein größeres Publikum erreichen sollte, muss ich mir was überlegen. Das "berühmt sein", Warhols 15 Minuten Ruhm, ist auf jeden Fall etwas, das mir völlig am Arsch vorbeigeht. Den Fame-Gedanken, den habe ich vor paar Jahren zurückgelassen. Wie Torch sagt: Fame wurde lächerlich (Anm. d. Red: Textzeile aus In deinen Armen). Man merkt einem Künstler auch an, wenn er auf schnellen Fame und Geld aus ist. So jemand existiert für mich gar nicht.
Und musikalisch gesehen?
Aktueller deutscher Rap ist in meinen Ohren leider zu oft einfach beschissene Musik, daher höre ich es mir nicht an. Ich denke aber auch, dass es viel Potential gibt. Die Dinge brauchen halt Zeit, um sich zu entwickeln. B-Boying hatte Anfang der 80er seinen Medienhype, heute ist es Rapmusik. Alles läuft in Zyklen. Amerika hat das industriell gesehen alles schon durchgemacht, Deutschland hingegen hat ja erst seit wenigen Jahren einen florierenden Markt für Rap. Jetzt ist es halt gerade dieses Gangster-Rap-Genre, das geschröpft wird. Das wird auch wieder vorbeigehen. Ich mag Hardcore Rap, ich steh auf N.W.A. oder Mobb Deep, ich höre mir gerne die Raps aus dieser mir fremden Welt an, kann mich auch mit manchen Parts identifizieren. Aber diese von der Musikindustrie hoch gezüchteten talentlosen Riesenegos, die find ich eklig. Ich bin gespannt, wie sich das entwickeln wird. Es ist schön zu sehen, wie Common, The Roots oder Talib Kweli in den USA ihre Platten verkaufen. Bestimmt schaffen wir das in Deutschland auch irgendwann mal auf dieses qualitative Level. Davon abgesehen, dass ja auch ab und zu mal 'ne deutsche Rap-Platte rauskommt, die mir gefällt, gibt es 'ne Menge talentierter Leute, von denen man vielleicht noch nie was gehört hat. Da werde ich immer mal wieder überrascht.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Torch auf dem zweiten 50MC’s Tape und auf einem der legendären Beatz aus der Bude Tapes des Kölners DJ Lifeforce von der Gruppe DCS?
Da wir ende der 90er immer im Piemont Studio abgehangen sind, war es klar, dass wir auf dem 50MC’s Tape sind. Dass Bou uns dann allerdings als erste Crew auf die A-Side gepackt hat war schon sehr cool von ihm. Ich denke, das zeigt, wie sehr er an uns geglaubt hat. Wir haben diese Chance damals halt nicht genutzt, wir waren einfach noch nicht bereit. Ich habe Bou viel zu verdanken, auch wenn ich ihn seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Wie die BADB-Connection zustande kam, weiß ich selbst nicht mehr. Ich hab Lifeforce auch nie getroffen. Wir sind einfach nach Köln gefahren, und haben gerockt. War mir glaub ich auch gar nicht bewusst, dass die Tapes sich überhaupt jemand anhört. Nach all den Jahren bekomm ich aber doch manchmal Feedback, dass die Leute die Dinger bei sich im Regal stehen haben.
Du hast 2006 ein schönes Video zum Track know how gedreht. Wer war dafür verantwortlich und wie sind die Dreharbeiten in Mannheim verlaufen?
Ich studiere Kommunikationsdesign in Mannheim und das Video war ein Projekt von meinen Homes, Flo Wolf und Pommes. Die kamen auf mich zu und fragten mich, ob ich Bock hätte auf 'n eigenes Video. Zwei Minuten später hab ich angefangen, den Song zu schreiben. Den Track dann fertig zu machen, hat allerdings ewig gedauert, da genau während der Produktion meine MPC angefangen hat rum zu zicken. Die Samples in know how sind übrigens von Louis Armstrong – der Song heisst Just to give some credits. Der Videodreh an sich war einfach ne gute Zeit. Wir haben uns ne cam in nen Einkaufswagen gepackt und sind durch Mannheim gezogen: Neckarpromenade, City und ein wunderschöner Tag im Luisenpark mit meinen Freunden. Am Schluss hatten wir elf Stunden Rohmaterial, also war für die Jungs glaub' ich das anstrengendste der Schnitt. Die freshesten Szenen für 3.40 min.
Wie bist du in den Künstlerkreis des Heidelberg Cypher gekommen?
Kennst du andere der Artists, die auf dem Sampler vertreten sind?
Welche Live-Clubs kannst du aus Musikersicht besonders für Auftritte empfehlen?
Du hast eine eigene Radioshow, in der man dich zusammen mit T-Ill regelmäßig hören kann und bei der auch öfter mal bekannte Gesichter auftauchen...
Zum Schluss: Was ist als nächstes bei dir geplant? Man sagt, für das erste Album brauchst du ein ganzes Leben, für das zweite drei Monate: ich arbeite an meinem ersten Album. Es gibt verschiedene Herangehensweisen: manche droppen ein Ding nach dem anderen. Ich lasse mir Zeit, ich will reifen, als Mensch und als Musiker. Al Jarreau hat mit 34 sein erstes Album veröffentlicht und auch ich habe nicht das Gefühl, Eile zu haben oder irgendjemanden irgendwas beweisen zu müssen – wobei: ich hab schon öfter mal Bock, diesen ganzen Vollidioten richtig in den Arsch zu treten. Es ist schon übel, wie viele Leute sich als Musiker bezeichnen. Kein Wunder, dass aktueller deutscher Rap keinen Musikliebhaber ernsthaft interessiert. Ich denke, ich werde in 2008 mal 'ne richtige Arbeitsphase einlegen: Morgens ins Studio, recorden, Mittagessen, Mucke machen, schlafen. Also werden auf jeden Fall Songs rauskommen, die vielleicht manchen Leuten gefallen. Ich mach sie so oder so. Ich denke, ich werde mein Leben lang Musik machen. Wenn ich das Gefühl habe, Leute sollen daran teilhaben, werde ich etwas veröffentlichen. Aber da es ja wirklich Leute gibt, die meine Musik mögen und die mich auch nach neuen Sachen fragen, werde ich Sie mit auf meine Reise nehmen. Vielen Dank für deine ehrlichen Worte und das ausführliche Interview!
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