ein amüsantes review vom experten für experten
Charlie Haden Workshop
Review/Bericht vom 21.11.2007 | Autor: Johannes Schaedlich
Review/Bericht vom 21.11.2007 | Autor: Johannes Schaedlich
Ein subjektives Resumee des Charlie-Haden-Workshops vom 04.11.: Der Frankenthaler Kontrabassist Johannes Schaedlich wurde von einigen Seiten angefragt für einen kleinen Kreis an Fachleuten seine Eindrücke zu schildern. Diese stellte er nun auf Anfrage hin auch regioactive.de zur Verfügung. Jazz-Fans werden sich ein Schmunzeln an der ein oder anderen Stelle nicht verkneifen können.
Also die Karnevalsvereine haben zwar erst für den 11.11. mal wieder zur Mobilmachung aufgerufen. Dennoch war ich bereits am 04.11. als Bassist verkleidet beim nachmittäglichen Charlie-Haden-Workshop in der Jazz-Abteilung der Mannheimer Musikhochschule. Das war nett. Vor allem gab es seine von ihm anschaulich erzählte Biographie mit ein paar Schwänken und Pointen zu hören – kurzweilig und auch irgendwie interessant. Es gab sogar zwischendurch Kaffee und Kuchen. Lustig war auch, dass ein sehr begabter Bassist und fleißiger Student (einer meiner Ex-Schüler) neben mir eine Mappe mit Haden-Transkriptionen und Interviews dabei hatte und an einer Stelle auf ein (ich glaube) ziemlich altes Jazz-Podium-Interview tippte, das Haden da vorn an seinem Tisch gerade genau so (sozusagen beinahe simultan übersetzt) und leibhaftig wiedergab. Echt live eben. Insofern und im Übrigen kommt er völlig ohne Workshop-Konzept aus. Der Begriff "Masterclass" erscheint für diesen immerhin lustigen Nachmittag im Nachhinein nicht verwendbar.Das Lustigste war bzw. entstand daraus, dass Rainer Kern (u.a. "Enjoy Jazz" Festival-Veranstalter) vergessen hatte – wie am Vortag von Haden angefordert – einen Pianisten und einen Drummer zu organisieren und deshalb plötzlich hektisch rumrannte, bis er mit zwei Klassik-Pianisten im Schlepptau wiederkam, die er offenbar aus irgendeiner Übezelle hervor ans Tageslicht gezerrt hatte. Ein richtiger Insider in Sachen Jazz hätte zu größerer Skepsis geraten; hierzulande geht so etwas in aller Regel immer noch schief. So kam es auch, denn die Ärmsten saßen nun nacheinander am Piano, sahen gleichzeitig begabt und reichlich verstört aus und wußten auf Hadens Frage, über welchen Standard sie ihn begleiten könnten, keine Antwort. Nach einigen peinlichen Schweigeminuten rückte die koreanische Pianistin dann plötzlich damit heraus, sie könne Waltz For Debbie oder Green Dolphin Street spielen, was Haden jeweils mit abwehrender Geste so ungefähr a la "Hände hoch" quittierte. Ein Schelm, wer sich da das Grinsen verbeißen mußte. Es gibt anscheinend seither in einem Teil der lokalen Jazz-Szene den "running gag", diese Szenerie zu zweit zu rezitieren, indem einer unvermittelt Waltz For Debbie sagt und ein Anderer die Augen aufreißt und übertrieben reflexhaft die Hände erhebt. Das mit Debbie wäre auch eh nichts geworden, denn die symphatische Klavier-Studentin wußte offensichtlich wirklich nicht, was unser Dozent mit "begleiten" meinte, sondern dachte offenbar an ihre Solo-Vortragsversion. Das war auch unserem wackeren Charlie nicht entgangen, der schon bei oder wenigstens seit Übertreten der Türschwelle immer mal wieder angestrengt zu überlegen schien, was er denn nach seiner Lebensgeschichte sonst noch zum Besten geben könne ("Schwellenpädagogik"). Und prompt forderte er sie dann auch auf, den Waltz doch einmal zu spielen. So lauschten wir, also an die 20 Bassisten, einer ziemlich getragenen Piano-Solo-Version, die irgendwo zwischen amerikanischem Musical und deutscher Romantik aus koreanischer Sicht sowie auf Basis von internationalem Bar-Piano arrangiert war – und wir applaudierten artig. Ein denkwürdiger Programmpunkt der Masterclass für Leute mit Sinn für das Skurrile.
Was war da noch? Da es ja nun ein Bass-Workshop war, hatte er, Charlie, sich noch reihum für das Equipment der versammelten Bassisten interessiert. Ich hatte mir einen Grünert-Hochschul-Baß ausgeborgt; seine Frage an mich war: "Do You like the Wilson-Pickup?" – meine Antwort "No" brauchte anscheinend keine erklärenden Worte. Vielleicht kannte er den Pickup schon; jedenfalls fand er diese Konversation offenbar ausreichend und ging in dieser Art weiter von Bass zu Bass. Er hatte ein paar Leute etwas Solo-Kontrabass vorspielen lassen (sein einziger Kommentar nach jedem Vortrag: "yeah, great") und auch selbst noch eine Improvisation gespielt – nachdem es dem Organisationsstab endlich gelungen war, den Schlüssel zu seinem Basskoffer aufzutreiben. Anschließend bekannte er, er habe dieses Solar schon 20 Jahre nicht mehr gespielt, was ich, obwohl seine Extemporierungen durchaus so geklungen hatten, dennoch nicht recht glauben mochte (er gibt ja doch öfters mal Workshops, nicht?), aber ich dachte dann "na ja, er spielt halt eh ausschließlich sein Ding, also Haden-Musik" und so klang das halt eben dann auch. Also, was soll's. Ist gut so. Und außerdem hat er immer ein paar tolle Bands und auch außermuskalisch ein paar tolle Aktionen in die Welt gesetzt. Er als jemand, der jahrzehntelang praktisch auschließlich sein Ding entwickeln konnte, wird dann eben auch unverwechselbar in seinen Linien und seinem Gesamt-Sound. Ich finde, das muß ich schon noch sagen, auch in interessanter Kausalität mit seiner von instrumentaler Technik nahezu unberührter Bass-Spielweise. Well, yeah, great.
Tja, so war das.
Johannes Schaedlich
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