"gestern niemand, morgen tot und dazwischen populär"

Die Fantastischen Vier - Ein nahezu perfektes Live-Erlebnis

Review/Bericht vom 18.11.2007 | Autor: Beatrice Steimle / Fotos: Jonathan Kloß

Tags: Fanta 4   Die Fantastischen Vier  

‚Niemande’ sind Smudo, Michi Beck, Thomas D. und Andy Ypsilon wahrlich schon lange keine mehr. Die Fantastischen Vier haben einer ganzen musikinteressierten Generation den Soundtrack zu allen Lebenslagen verschafft. In ihren Texten spiegelten sie die Lebens- und Medienwirklichkeit wider und stifteten nicht selten so etwas wie kulturelle Identität. Letztendlich hatte man die Möglichkeit gemeinsam mit ihnen erwachsen zu werden und ihren Weg in und durch immer größere und gefülltere Hallen zu begleiten.

Die Fantastischen Vier 11Die Fantastischen Vier (SAP Arena 2007)

Fotos: Jonathan Kloß
© regioactive.de
Sie umsonst auf Uni-Festen mit ihrem ersten Longplayer jetzt geht’s ab zu sehen, scheint Millionen Lichtjahre weiter weg, denn spätestens mit Eintauchen in Die 4. Dimension wurde der Kurs verändert und nicht nur launige Männer- oder klassische Battle-Themen bedient, sondern auch der psychedelische (manches Mal auch schwer verdrogte) Geist eines jeden Lebensphilosophen berührt. Im weitesten Sinne HipHop, aber auf jeden Fall noch mit Sprechgesang und Battle-Attitüde, wurden die Lauscher vergiftet und die Fantastischen Vier so richtig populär. Diese Popularität wurde zunehmend Popmusik und währet nun wiederum über ein Jahrzehnt. Da stellt sich doch die alles entscheidende Frage – schützt Sprechgesang vorm Altern?

Zunächst bemüht sich jedoch eine junge Dame darum, auch die letzte Reihe in der nicht ganz vollen Halle zu erreichen. Miss Platnum ist definitiv das coolste Weib, was momentan über den Videobildschirm tanzt! Die aus dem Dunstkreis Seeeds stammende, auf deutsch und englisch singende Rumänin hat nicht nur ein gewisses Balkan-Flair, sondern auch ein Mordsstimme, die sie an diesem Abend erst mal gewaltig unter Beweis stellt. Der folkloristische Einfluss in ihren Songs ist hörbar und wird durch Outfit und Tanzstil noch unterstrichen. Solch Balkan oder Klezmer-Sound ist seit geraumer Zeit im Kommen (spätestens seit Madonnas Auftritt mit Gogol Bordello) und bei Miss Platnum, die dann doch irgendwie näher am Riddim ist, macht es ausnahmsweise großen Spaß und man kann nur für sie hoffen, dass dies der Beginn einer Karriere ist.

Die Fantastischen Vier 40Die Fantastischen Vier (SAP Arena 2007)

Fotos: Jonathan Kloß
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Dann hebt sich der Vorhang der Nacht von der Bühne und das Spiel kann beginnen, das uns von einer Veränderung der Live-Prioritäten der Fantastischen Vier berichtet. Das ist die Fornika – in diesem Falle wohl gleichbedeutend mit einer imposanten Bühne mit Riesenleuchtern, die gleichsam als Projektionsleinwände dienen. Mit der neuen Platte halten sich die Vier allerdings nicht allzu lange auf und so sind bereits die ersten sechs Songs programmatisch für den Rest des Abends: ein Mix aus 16 Jahren. Dem Old Stuttgart Rap der jetzt geht’s ab wird ein Medley mit Hausmarke an den Turntables gewidmet und absolut kein heimlicher Hit der 4. Dimension und kein Hit der Lauschgift ausgespart. Einzig 4gewinnt war den Fantas wohlweislich keinen Song wert, der Witz an jedwedem Die da-Verarsch-Song hat sich eben auch schon ausgetourt. Der Livebrenner Krieger, bei dem sich Thomas D. seit Jahren mit nacktem Oberkörper präsentiert, wird lediglich als Videosequenz zum Intro für Mein Schwert umfunktioniert.

Die Fantastischen Vier 32Die Fantastischen Vier (SAP Arena 2007)

Fotos: Jonathan Kloß
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Wirkliche Ruhephasen hat die Show nicht. Die vielen alten Songs begeistern das überwiegend "gleichaltrige" Publikum und machen die Stimmung recht ausgelassen, allerdings vermögen die Leute es nicht (erste Reihen ausgenommen), mit Thomas D., SMUDO und Hausmarke durchweg mitzuspringen. Die drei sind nahezu ständig in Aktion und mimen im wahrsten Sinne des Wortes die jungen Hüpfer. Die riesigen Leuchter tun ihr Übriges, um z.B. mit den psychedelischen Spiralen zu Klängen der 4. Dimension des Publikums Blick nach Vorne zu bannen.

Nach Ende des Sets werden die Unterschiede zu früheren Konzerten offensichtlich. Das Publikum ist sich nicht ganz sicher, ob es den Fanta-Fan-Zugabe-Ruf "Vier" oder "Zugabe" rufen soll. Macht nichts, eine offizielle Zugabe ist schließlich ohnehin geplant und deren erster Teil findet inmitten der Halle auf einer würfelartigen Bühne statt. Dort werden Troy, Einfach sein und MfG zum Besten gegeben und während And.Ypsilons Instrumental Mission Ypsilon kehrt man zur Bühne zurück und schenkt dem Publikum noch einen Tag am Meer und Populär. Ein treffenderes Ende ließe sich für diesen Abend kaum finden, da Popularität und die Bühnengröße einhellig miteinander gewachsen sind. Auch die dadurch freigesetzten materiellen Möglichkeiten nutzen die Vier für perfekte Sound- und Lightshow und allerlei technischen Besonderheiten. Diese Tendenz ist natürlich nicht neu.

Die Fantastischen Vier 4Die Fantastischen Vier (SAP Arena 2007)

Fotos: Jonathan Kloß
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Aber sei’s durch die immense Technik, die nahtlosen Songübergänge oder durch die Größe der Halle – bei all der Perfektion, bleibt das auf der Strecke, was jahrelang die Live-Größe der Fantastischen Vier ausmachte: Kommunikation – untereinander, miteinander und vor allem die Interaktion mit dem Publikum. Leider stehen da eine halbherzige Animation das O – zur Geschichte des O. – mit den Fingern zu formen und die wenigen Sequenzen, in denen man die Worte ans Publikum richtet, alleine in einem über zweistündigen Set. Perfektion und Setliste haben eindeutig die Priorität vor Geschwafel, Publikum anheizen und zur Schau getragene Selbstironie auf der Bühne. Aber genau dies machte in den früheren Konzerten den unwiderstehlichen Charme der Fantas aus und bestach die Masse auszurasten.

Man spielt nun eben in einer anderen Liga und arbeitet mit anderen Mitteln, das ist sehr schade. Allerdings kann man den Fantastischen Vier nicht vorwerfen sie würden sich keine Mühe geben, denn in Sachen Energie, Durchhaltevermögen und eben auch "Perfektion" können sich viele junge Bands noch eine Scheibe abschneiden. – "denn sie sind gut und deshalb populär"

Beatrice Steimle / Fotos: Jonathan Kloß

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